Aquafarmen : Millionen Lachse gegen 150 Delfine

In Chile boomt die Fischzucht. Aber die zahllosen Aquafarmen bedrohen seltene Meeressäugetiere.

Mathias Orgeldinger

Es war das Jahr 2000, als die deutsche Meeresbiologin Sonja Heinrich erstmals ans Ende der Welt reiste. Ihr Ziel: den seltenen Chilenischen Delfin zu erforschen. Sechs Wochen lang bekam sie kein einziges Tier zu Gesicht. Dann entdeckte sie gleich drei Studienobjekte für ihre Doktorarbeit: den Chilenischen Delfin, den Peal's Delfin und den Burmeister-Schweinswal.

Heute leitet die Wissenschaftlerin, die als Privatdozentin an der Universität von St. Andrews in Schottland lehrt, ein Meeressäuger-Projekt auf der Insel Chiloé in Südchile. Die Insel hat zwei Gesichter: Das eine zeigt die ungeschminkte Schönheit einer wilden Meeresküste mit ihren Fjorden und vorgelagerten Inseln. Auf Chiloé endet der westliche Teil der Pan Americana und mit ihr die Zivilisation.

Doch in der Abgeschiedenheit blitzt auch die Fratze der Globalisierung auf. Ausländische Konzerne investieren in eine der weltweit größten Ansammlungen von Lachs- und Muschelfarmen. In den letzten Jahren hat Chile Norwegen als weltgrößter Exporteur von Zuchtlachs abgelöst. Die Aquafarmen können die Umwelt massiv schädigen: Der Meeresboden unter ihnen kann bis zu drei Meter mit totem Schlick bedeckt sein. Krankheiten breiten sich aus. Die Massentierhaltung führt zu Überdüngung, dem unkontrollierten Einsatz von Fungiziden, Pestiziden und Antibiotika sowie zur Einführung fremder Arten.

„Etwa 1,5 Millionen Lachse entkommen jedes Jahr aus den Aquafarmen in chilenische Gewässer“, sagt Heinrich. Vorwiegend atlantische Lachse, die im Südpazifik nichts verloren haben. Sie werden im Eistadium importiert, in chilenischen Seen aufgepäppelt und anschließend in Unterwasserkäfigen groß gefüttert. Um ein Kilo Zuchtlachs zu erzeugen, braucht man drei bis vier Kilogramm Fischmehl und dessen Produktion führt zu einer Verarmung der Meeresfauna in Nordchile.

Auch die Arbeitsbedingungen in der Lachsindustrie sind schlecht. „Chile trägt die ökologischen und sozialen Lasten, damit wir günstigen Lachs im Supermarkt kaufen können“, so Heinrich. Auch der WWF rät auf seiner Internetseite von Zuchtlachs aus Chile ab. Natürlich leiden auch die Delfine unter dieser Entwicklung. „Sie verheddern sich in den Netzen, mit denen der entflohene Lachs gefangen wird“. Beifang und Lebensraumzerstörung seien derzeit die größten Bedrohungen, sagt die Biologin.

Der Chilenische Delfin ist die bedrohteste Delfinart Chiles. Wie viele Tiere es noch gibt, weiß niemand genau. In den Gewässern um Chiloé leben noch etwa 150 bis 200 Exemplare. Das ist das Ergebnis systematischer Sichtungen über viele Jahre hinweg.

Das Forschungsprojekt wird seit 2003 von der Nürnberger Artenschutzorganisation Yaqu Pacha unterstützt, die sich auf wasserlebende Säugetiere in Südamerika spezialisiert hat. Rein universitäre Projekte laufen meistens nach wenigen Jahren aus, wenn die ausländischen Forscher weiterziehen.

Auf Chiloé ist es nicht zuletzt durch Yaqu Pacha und die Einbindung chilenischer Biologen gelungen, ein langfristiges Naturschutzprojekt zu etablieren. Dazu gehört auch die Umwelterziehung in Schulen, Strandsäuberungsaktionen und Ähnliches. Das ist nicht immer leicht an einem Ort, der bis vor ein paar Jahren noch keine Müllabfuhr hatte und sich wirtschaftlich in eine totale Abhängigkeit von den Aquafarmen begeben hat.

Inzwischen berät das Meeressäuger-Team die Behörden bei der Aufstellung von Küstennutzungsplänen und der Schaffung mariner Schutzgebiete. „Jetzt nach zehn Jahren wird es erst richtig spannend“, sagt Projektleiterin Heinrich.

Chilenische Delfine gehören mit etwa 1,6 Meter Körperlänge zu den kleinsten Delfinarten. Die Tiere sind äußerst scheu und springen kaum. In bewegtem Wasser sind sie fast nicht zu erkennen. Deshalb sind Ausfahrten mit dem Schlauchboot nur im Sommerhalbjahr sinnvoll, wenn das Wetter einigermaßen erträglich ist.

Trotz widriger Bedingungen gelang es dem Projektteam, zahlreiche Delfine zu fotografieren und anhand von Merkmalen ihrer Rückenflosse wieder zu erkennen. Dabei stellte sich heraus, dass Chilenische Delfine extrem standorttreu sind. Sie bevorzugen Gewässer mit Brackwasser-Einfluss, die nicht mehr als 500 Meter von der Küste entfernt und nicht tiefer als 25 Meter sind.

Wenn ein unberührter Fjord mit Lachskäfigen und Muschelfarmen zugestellt wird, dann kann der Chilenische Delfin nicht einfach ins offene Meer oder eine Nachbarbucht flüchten. Er muss sich mit den Aquafarmen, der Verschmutzung und den Stellnetzen arrangieren.

Der Peal's Delfin sei bezüglich seines Lebensraumes flexibler und weit weniger standorttreu, erklärt Heinrich. Und der Burmeister-Schweinswal komme sogar weit von der Küste entfernt vor. Es wird wohl noch viel Forschungsarbeit nötig sein, bis die Lebensansprüche aller drei Arten geklärt sind, Detailwissen, ohne das die Meeressäuger nicht erfolgreich geschützt werden können.

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