Archäologie an der Erdgasleitung : Goldener Schnitt durch Niedersachsen

Entlang der Trasse der Nordeuropäischen Erdgasleitung haben Archäologen in Niedersachsen sensationelle Funde gemacht, darunter den Goldhort von Gessel. Zu sehen sind die Schätze jetzt in einer Ausstellung in Hannover.

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Goldene Schmuckstücke aus der Bronzezeit.
Glanzstück. Der Goldschatz von Gessel stammt aus der Bronzezeit.Foto: Volker Minus/NLD

Die Nordeuropäische Erdgasleitung (NEL), die Erdgas aus Sibirien quer durch die Ostsee nach Deutschland transportiert, durchschneidet Niedersachsen auf rund 200 Kilometern Länge. Für die Landesarchäologen wurde NEL mit den ersten Probegrabungen ab 2010 der längste Grabungsschnitt, der jemals angelegt wurde. Entdeckt haben sie zahllose gut erhaltene ur- und frühgeschichtliche Strukturen, die bis dahin unbekannt waren, sagt die Archäologin Babette Ludowici. Zu den großen Funden entlang der NEL-Trasse zählen Gräberfelder, Burganlagen, Siedlungen oder wasserbautechnische Einrichtungen. „Es ist buchstäblich ein Goldener Schnitt einmal quer durch Niedersachsen“, sagt Ludowici.

Auf die eigentliche Sensation stießen die Archäologen im April 2011 im Landkreis Diepholz. Der Goldhort von Gessel ist der bislang zweitgrößte Goldschatz der europäischen Bronzezeit. Er steht im Mittelpunkt der kürzlich eröffneten Ausstellung „Im Goldenen Schnitt“ im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover, die Babette Ludowici kuratiert.

Wie die Menschen in der Bronzezeit lebten

Mit 1,7 Kilogramm Gold haben die goldenen Armringe, Spiralen und Fibeln einen beträchtlichen Materialwert, doch für die Archäologen ist etwas anderes von größerer Bedeutung. „Es handelt sich um einen der wenigen prähistorischen Goldschätze, die unter kontrollierten Bedingungen von Archäologen fachgerecht freigelegt und geborgen werden konnten“, sagt Ludowici. Dadurch war es möglich, auch die Umgebung des Fundes genau zu untersuchen und Rückschlüsse auf die Lebensweise der Menschen in der Bronzezeit zu ziehen.

Messerklingen, Keramikscherben oder verkohltes Getreide aus den rund 150 freigelegten und detailliert dokumentierten Fundstätten zeigen, wo die Menschen in einem Zeitraum von mehr als zehntausend Jahren siedelten, wie und wovon sie lebten. Das war neben Ackerbau und Viehzucht auch der Handel mit Rohstoffen und Materialien, die in ihrer Heimat rar oder gar nicht zu bekommen waren.

Fenster zur Geschichte des Rohstoffhandels

Die teilweise sehr langen Wege der Rohstoffversorgung nachzeichnen zu können, gehört zu den zentralen Ergebnissen der Grabungen entlang der NEL-Trasse. So zeigen erste Analysen des Goldhorts, dass das Rohmaterial des Schatzes vermutlich aus Zentralasien stammt. Der Ferntransfer von Erdgas von Sibirien nach Europa hat ein Fenster zur Geschichte der Rohstofftransfers im frühen Europa aufgestoßen.
Die Ausstellung „Im Goldenen Schnitt“ ist bis zum 2. März 2014 im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover zu sehen.

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