Archäologie : Das sagenhafte Gold der Skythen

Wie kam es vor 3000 Jahren in der eurasischen Steppe zu einer Kulturrevolution? Ein Forschungsbericht von Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Hermann Parzinger
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Große Kunst. Für die Skythen symbolisierten stilisierte Tiere eine übernatürliche Kraft, der sie sich anvertrauten. -Foto: DAI Berlin

Im 1. Jahrtausend v. Chr. bilden sich in der eurasischen Steppe reiternomadische Verbände heraus. Eine hochmobile Lebens- und Wirtschaftsform, eine neuartige Kampfesweise mit berittenen Bogenschützen und eine eigene Kunstform, der skytho-sibirische Tierstil, sind für sie charakteristisch. Unter welchen Einflüssen sich diese Kulturrevolution vollzieht, ist eines der Kernprobleme der eurasischen Archäologie. Macht und Rang einzelner Mitglieder der Führungsschicht werden dabei im Totenritual zum Ausdruck gebracht. Und monumentale Grabbauten sowie sagenhaft reiche Beigabenausstattungen mit unzähligen Goldobjekten lassen keinen Zweifel daran, welche Bedeutung die Gemeinschaft ihren Eliten beimaß. Alle diese Merkmale kennzeichnen den Beginn einer neuen Epoche in der Geschichte des Steppenraumes.

Diesen Wandlungsprozess, der die bronzezeitlichen Grundlagen nach Jahrhunderten weitgehend kontinuierlicher Entwicklung scheinbar unvermittelt so nachhaltig umformte, können wir innerhalb des eurasischen Steppengürtels am frühesten in Südsibirien fassen, und zwar in Tuva. Dort entstand das Phänomen des früheisenzeitlichen Reiternomadentums deutlich früher als in den nordpontischen Steppen weiter westlich, deren Bewohner Herodot als Skythen beschrieb. Der skytho-sibirische Tierstil ist eine der nachhaltigsten künstlerischen Schöpfungen, die Bewohner der eurasischen Steppe je hervorgebracht haben. In dieser Kunst dominierte das zeichenhafte Einzelbild, das der Lebenswelt mobiler Viehzüchter entnommen war.

Das stilisierte Tier manifestierte übernatürliche Kraft, dem sich der Träger des Symbols anvertraute. Es entstanden autonome, über Generationen überlieferte Bildtypen. Sie blieben heilige Zeichen für die Person, die sich ihrer bediente, und Symbole für deren Rang im Wertdenken ihrer Zeit. Diese Tierbilder begegnen uns fast ausschließlich auf beweglichen Gegenständen wie Waffen, Kleidung, Trachtschmuck, Gerät und Pferdegeschirr. Eiskonservierte, mumifizierte Leichen aus dem Altai-Hochgebirge, wie zuletzt im Sommer 2006 von einem deutsch-russisch-mongolischen Forscherteam freigelegt, zeigen mit ihren Tierstiltätowierungen an Leib und Gliedern, wie eng Tierbild und Person einst miteinander verbunden waren.

Betrachtet man die Tierstilzeugnisse in ihrer zeitlichen und räumlichen Erstreckung, so offenbaren sie eine erstaunliche Vielfalt in thematischer, künstlerischer und stilistischer Hinsicht. Neuere Forschungen der letzten Jahre, insbesondere in den Steppen Südsibiriens, lieferten wesentliche Beiträge zu einem besseren Verständnis der Genese dieser Kunst. Dabei konnte inzwischen sehr deutlich herausgearbeitet werden, wie sehr die zwischen Jenissei und Altai verbreiteten frühesten Tierstilwerke des 9. und 8. Jahrhunderts v. Chr. von mit Tieren verzierten Bronzeobjekten der Westlichen Zhou-Dynastie südlich des Gelben Flusses beeinflusst wurden.

Diese südöstlichen Einwirkungen verbinden sich dabei mit fortlebenden Traditionen bronzezeitlichen Kunstschaffens. Aus diesen beiden Quellen schöpfend entstand in Tuva bald nach 850 v. Chr. schließlich der skytho-sibirische Tierstil, eine gänzlich neuartige künstlerische Ausdrucksform, die auch eine veränderte geistig-religiöse Vorstellungswelt widerspiegelte: die Welt der Reiternomaden.

Nach diesen frühesten Anfängen blieb der Tierstil auch im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. weiterhin sehr naturalistisch in der Wahl der Themen und in der Art der Darstellung, wenngleich aus dieser Zeit vergleichsweise wenige herausragende Tierstilarbeiten aus Südsibirien bekannt waren. Das änderte sich grundlegend mit der Entdeckung des Fürstengrabes von Arzhan 2 durch ein deutsch-russisches Forscherteam im Jahre 2001. Dieser Komplex aus dem späten 7. Jahrhundert v. Chr. mit seinen über 5.600 Goldobjekten lieferte wahre Meisterwerke der frühen skytho-sibirischen Tierstilkunst, die alle lokalen Ursprungs waren. Wieder einmal veränderte eine bedeutende archäologische Entdeckung unser Bild einer ganzen Zeitperiode!

Weiter westlich in den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres setzte der Tierstil dagegen erheblich später ein als an den Quellen des Jenisseis. In diesen Arbeiten aus dem skythischen Kerngebiet zwischen Dnepr und Don ist nur mehr vereinzelt sibirisches Erbe zu erkennen. Stattdessen spiegeln die nordpontischen Tierstilwerke anfangs vorderasiatische, insbesondere assyrische und später schließlich immer dominierender werdende griechische Einflüsse wider.

Der lange Weg des Tierstils von seinen aus chinesischen Wurzeln und lokalen Traditionen schöpfenden südsibirischen Anfängen bis hin zu seinen achämenidisch beeinflussten Spitzenleistungen in Zentralasien (Altai, Südkasachstan) oder zu den griechisch überformten Meisterwerken in den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres lässt wie kaum eine andere Fundgattung die Geschichte der frühen Reiternomaden dieses Raumes und ihrer Wechselbeziehungen mit den Hochkulturen des Südens nachzeichnen. Vieles ist in den vergangenen 15 Jahren durch bedeutende Entdeckungen verständlicher geworden, doch viele Fragen harren weiterhin ihrer Beantwortung.

Kunst kann nicht verstanden werden ohne möglichst umfassende Kenntnis des kulturellen Kontextes, dem sie entstammt. Diese Erkenntnis ist auch eine der zentralen Fragestellungen der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Bildkulturen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Der skytho-sibirische Tierstil kennzeichnet hochmobile Viehzüchter einer streng hierarchisch organisierten Gesellschaft.

Über das wirkliche Leben dieser Reiternomaden des 1. Jahrtausends v. Chr. wissen wir jedoch noch immer wenig. Dieser Frage widmet sich ein seit 2008 im Rahmen des Berliner Exzellenzclusters Topoi laufendes neues Forschungsprojekt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und des Deutschen Archäologischen Instituts, das das heute im Südosten Kasachstans gelegene Siebenstromland in den Blick nimmt. Das Nebeneinander von Viehzucht und Ackerbau hatte die wirtschaftlichen Grundlagen dieser Landschaft von Anfang an geprägt. Hinzu trat eine herausragende verkehrsstrategische Lage, die intensive Kulturkontakte mit den Steppenregionen weiter nördlich sowie mit den Hochkulturen Chinas und dem achaimenidischen Perserreich im Süden ermöglichte.

Systematische Surveys, Luft- und Satellitenbildauswertungen, gezielte Ausgrabungen sowie Untersuchungen zur Klima- und Landschaftsgeschichte werden jene Veränderungen im natürlichen und kulturellen Umfeld verständlicher machen, die die Herausbildung der reiternomadischen Verbände des 1. Jahrtausends v. Chr. begünstigten. Mit Hilfe molekularbiologischer und isotopenchemischer Analysen soll dabei erstmals das ganze Ausmaß der Mobilität von Mensch und Tier in dieser Zeit genauer untersucht werden; Fragen, die sich mit allein archäologischen Methoden letztlich nie befriedigend würden beantworten lassen.

Allen Innovationen der Reiternomaden des 1. Jahrtausends v. Chr. gemein ist ihre große kulturhistorische Bedeutung, ihre räumliche Reichweite und ein bis heute nach Kausalität und Umfang nur schwer präzise einzuschätzender Beitrag mobiler Bevölkerungsgruppen, für die es nur unscharfe linguistische und auch historische Indizien gibt. Hier eröffnen die heute verfügbaren molekularbiologischen und isotopenchemischen Methoden von der Archäologie unabhängige Einblicke, um individuelle Mobilität und Migration von Populationen zu verifizieren und in ihrem Ausmaß abzuschätzen.

Diese Forschungen zeigen, dass wir uns dem wahren Wesen längst vergangener Kulturen nur dann wirklich annähern können, wenn wir über die stilistische und ikonographische Erörterung ihrer Kunstwerke hinaus möglichst vielfältige und interdisziplinäre Ansätze verfolgen. Das Gesamtbild eines immer umfassender begreifbaren kulturellen Kontextes lässt dann auch die künstlerischen Erzeugnisse in neuem Licht erscheinen.

Hermann Parzinger ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Für seine Forschungsarbeiten in Sibirien – gemeinsam mit einem deutsch-russischen Archäologenteam – erhält er am Mittwoch in Moskau von Staatspräsident Medwedew den „Orden der Freundschaft“, die höchste russische Auszeichnung für Ausländer. Über „Das Tierbild in der Kunst der Reiternomaden“ berichtet Parzinger am morgigen Dienstag um 20 Uhr in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (Jägerstraße 22/23, Berlin-Mitte).

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