Archäologie : Die Fresken der kretischen Leiharbeiter

Schon vor 3500 Jahren tauschten Herrscher am Mittelmeer Künstler und Kunstwerke aus - diese galten als Luxusgegenstände und erhöhten das Prestige der Potentaten. Archäologen sehen in dem Kunsthandel ein Zeichen für eine früh globalisierte Welt.

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Fest des Lebens. Die elegante Kunst der Minoer, hier ein Wandbild aus dem Palast in Knossos, war ein antiker Exportschlager.
Fest des Lebens. Die elegante Kunst der Minoer, hier ein Wandbild aus dem Palast in Knossos, war ein antiker Exportschlager.Foto: picture alliance / United Archiv

Um 1700 v. Chr. wurden die blühenden „Alten Paläste“ auf Kreta durch ein Erdbeben zerstört, eine rätselhafte Hochkultur verschwand. Darauf geschah Seltsames: Die „Paläste“ – dezentrale Großsiedlungen quer über die Insel – wurden prächtiger als je zuvor wieder aufgebaut. Die sozialen und ökonomischen Strukturen wandelten sich, Kreta stieg auf in die erste Liga der Macht im östlichen Mittelmeerraum. Mit der „Neupalastzeit“ begann die minoische Hochkultur, die um 1450 v. Chr. von den Mykenern beendet wurde.

In der Zeit der Neuen Paläste explodierte die hohe Kunst der minoischen Freskomalerei zur Meisterschaft. Und zwar in der Al-fresco-Technik, der „echten“ Freskomalerei, bei der die farbigen Motive in den noch feuchten Putzuntergrund gemalt wurden, so dass sich Untergrund und Farben unlösbar verbanden. Diese Technik war anderswo völlig unbekannt. Dem neuzeitlichen europäischen Publikum wurden vor allem die Stierspringer-Szenen und die Delfine aus den Ruinen von Knossos bekannt.

Noch weit übertroffen wurden die Knossos-Fresken von den Funden auf der Kykladeninsel Santorin (Thera). Dort war die bronzezeitliche Siedlung Akrotiri beim Ausbruch des Thera-Vulkans unter 15 Meter dicken Bims- und Aschelagen versiegelt worden. Neuere naturwissenschaftliche Untersuchungen datieren die Katastrophe um 1620 v. Chr. Durch das Desaster wurde der größte Schatz minoischer Kunst, die neutraler auch als „ägäische Wandmalerei“ bezeichnet wird, gerettet. Viele Santorin-Fresken sind inzwischen restauriert und können im Athener Nationalmuseum bewundert werden.

Neben Miniaturfriesen wie der „Schiffsprozession“ beeindrucken vor allem die lebens- und überlebensgroßen Darstellungen von Gabenbringern, Faustkämpfern und Fischern, bildhübschen Mädchen und vollendet ondulierten Frauen. Die Größe und Farbigkeit der Darstellungen, die Fröhlichkeit und Lebhaftigkeit der Figuren: das alles war völlig neu für die Welt des 2. Jahrtausends – und weckte offenbar Begehrlichkeiten. Mit zeitlicher Verzögerung ließen sich orientalische Potentaten ihre Paläste und Tempel mit Fresken à la mode ausmalen.

Die gesamte östliche Mittelmeer-Region – Anatolien, Vorderer Orient, Ägypten, Kreta und Griechenland – war in den 500 Jahren der Mittleren und Späten Bronzezeit von etwa 1700 bis 1200 v. Chr. eine globalisierte Gesellschaft, die politisch, kulturell und ökonomisch aufs Engste miteinander verknüpft war. Es war eine Welt, die angetrieben wurde von der Gier nach Rohstoffen wie Kupfer, Zinn und Hölzern, aber auch nach Luxusgegenständen, Schmucksteinen, Textilien und Edelmetallen. Das System beruhte weniger auf gewinnorientiertem Handel als auf dem Prinzip „Geben und Nehmen“ zwischen Gleichberechtigten. „Aus der Korrespondenz des 2. Jahrtausends zwischen Ägypten und vorderasiatischen Metropolen wissen wir, dass die Herrscher peinlich genau Buch führen ließen, was man wann von welchem befreundeten Herrscher bekommen hat“, charakterisiert Joseph Maran das System. Manchmal, so sagt der Archäologe von der Uni Heidelberg, „beschweren sie sich auch bei ihrem Pendant, dass sie nicht bekommen haben, was sie wollten oder dass sie mehr oder anderes haben wollten als das Geschickte.“ Man kannte die Schätze des anderen und wusste, was „in“ war – zum Beispiel diese neue Art von Wandmalerei auf Kreta.

Neue Funde bestätigen das: Minoische Malereien kamen in den letzten Jahren in der altsyrischen Handelsstadt Alalach, in der altkanaanitischen Metropole Tel Kabri, ja sogar in der anatolischen Hethiter-Hauptstadt Hattuscha zutage. Im Nildelta in Auaris entdeckte der österreichische Ägyptologe Manfred Bietak Unmengen von minoischen Fresken-Fragmenten. Darunter Stierspringer-Szenen, „die vom Stil her sogar älter sind als die in Knossos“, so der Archäologe - und von denen ein Fragment hier zu sehen ist:

Stierspringer. Dieses Fresko im minoischen Stil kommt aus dem Nildelta.
Stierspringer. Dieses Fresko im minoischen Stil kommt aus dem Nildelta.Foto: Michael Zick

Und in der syrischen Königsstadt Qatna grub der Tübinger Archäologe Peter Pfälzner 3000 Wandmalereistücke aus, die sich zu Flusslandschaften, Delfinen und Vögeln minoischer Art zusammensetzen lassen.

Minoisch gemalt wurde in orientalischen Palästen zwischen 1700 und 1400 v. Chr. Die Motive entstammen meist ägäischer Ikonografie. Da jedoch immer wieder nicht ägäische Elemente auftauchen – eine Schildkröte zum Beispiel in den Malereien in Qatna – wird in der wissenschaftlichen Szene diskutiert, ob die orientalischen Bilder von einheimischen Malern oder ausgeliehenen kretischen Künstlern geschaffen wurden.

Die in Großbritannien lehrende Forscherin Ann Brysbaert hat nun die wichtigsten „ausländischen“ Fresken mit Laser und Lupe untersucht. Ergebnis der Arbeit: Die meisten Wandgemälde im Ausland sind in der original-minoischen Al-fresco-Technik ausgeführt, die Rezeptur der Farben und der Kalkzubereitung variiert wenig. Das Fazit der Wissenschaftlerin: Künstler von Kreta und den Kykladen haben die Fresken im Orient hergestellt. Denn das Wissen um die Zusammensetzung der Farben und das Können beim Auftrag des Kalkputzes seien keine Fertigkeiten, die man so nebenbei durch Abgucken und Nachahmen erwerben könne.

Das leuchtet ein. Es wurden ganze Räume ausgemalt oder meterlange Miniaturfriese voller Figuren und Landschaften gestaltet. Vermutlich war nicht nur der Maler am Werk, den Untergrund an der Wand fertigten andere Spezialisten. Das Team musste gut eingespielt sein, denn der Kalkputz durfte ja nur so weit aufgebracht werden, wie ihn der Künstler in feuchtem Zustand bearbeiten konnte.

Der Maler konnte auch nur bedingt korrigieren, denn die endgültige Fassung seiner Schöpfung trat erst in Erscheinung, wenn der zunächst unansehnlich graue Putz Tage später voll durchgetrocknet war. Dann erst erstrahlten die Farben auf blendendem Weiß. Der Betrachter konnte so das allmähliche Werden des Kunstwerks über verschiedene Phasen verfolgen, was sicher starken Eindruck machte. Brysbaert nennt die Arbeit der Maler „eine religiöse Handlung“.

Neben aller Freude an der Ästhetik der ägäischen Kunstwerke war für die orientalischen Auftraggeber diese mythische Potenz wichtig, sie diente ihnen ebenso zur Selbsterhöhung wie die Exotik des immobilen „Gegenstands“. Er stärkte das eigene Prestige bei Volk und königlichen Kollegen. Dadurch wurde auch der Künstler selbst zum „Luxusgegenstand“, mit dessen Besitz man prunken konnte.

Die „Fernausleihe“ von Künstlern, aber auch von Ärzten oder Zimmerleuten, an befreundete Herrscher war ein generöses herrscherliches Geschenk. Da kam es offenbar des Öfteren zu Missstimmigkeiten, denn als ein hethitischer Großkönig seinen babylonischen Kollegen einst bat, ihm einen Künstler zur Ausgestaltung der Familiengruft zu senden, versichert er ausdrücklich: „Ich werde ihn dir auch bestimmt zurückschicken.“

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