Archäologie : Die Scherbe des Anstoßes

Politische Archäologie: Eine Inschrift soll die Existenz des Königreichs David belegen. Experten widersprechen. Doch israelische Traditionalisten nehmen jeden Hinweis auf den historischen Gehalt des Alten Testaments als Beleg für ihren Territorialanspruch in Palästina.

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Umstrittenes Beweisstück. Der ergänzte Text auf einer 3000 Jahre alten Tonscherbe wird als Mahnung an König David interpretiert -...Foto: AFP

Die Inschrift muss einem gewaltigen Anspruch gerecht werden: Sie beweist, dass es das mächtige israelitische Königreich David tatsächlich gegeben hat und dass Teile des Alten Testaments Jahrhunderte früher geschrieben wurden, als bislang wissenschaftlich akzeptiert. So zumindest sieht es Gershon Galil, Professor in der Abteilung für Bibelstudien an der Universität Haifa, der jetzt die Entzifferung einer fünf Zeilen langen Inschrift auf einer 3000 Jahre alten Tonscherbe vorgelegt hat. Tenor: „Älteste hebräische biblische Inschrift entziffert.“ Ulrich Hübner, Leiter des Instituts für Biblische Archäologie der Universität Kiel, hat mit dieser Aussage ein massives Problem: „Wieso die Inschrift, sofern sie hebräisch ist und aus dem 10. Jahrhundert vor Christus stammt, die Existenz eines davidischen Staates beweisen soll, ist mir ein Rätsel.“

Es prallen nicht nur zwei wissenschaftliche Meinungen aufeinander, hier stoßen sich zwei Wissenschaftswelten. Denn Hübner reagiert allergisch auf eine Instrumentalisierung archäologischer Befunde für politische Zielsetzungen. Eine solche Vereinnahmung scheint bei Galils Interpretation vorzuliegen.

Die Scherbe wurde 2008 von israelischen Archäologen in einer befestigten Siedlung bei Khirbet Keijafa ausgegraben. Deren Datierung in die Zeit 1000 bis 975 vor Christus scheint gesichert. Das wäre die Ära des sagenumwobenen judäisch-israelitischen Königs David. Die Ausgräber deklarieren den Ort als älteste judäische Stadt, ihr antiker Name ist allerdings noch unbekannt. Die Festung liegt in der Gegend, wo David der Bibel zufolge Goliath besiegte.

Die Schrift auf der 15 mal 16,5 Zentimeter großen „Keijafa-Scherbe“ wurde von den Ausgräbern als „protokanaanäisch“ eingestuft – eine Vorstufe der nordwestsemitischen Alphabetschrift, die für mehrere Sprachen verwendet wurde: für das Altphönizische, das Althebräische, das Aramäische und verschiedene lokale Dialekte Palästinas. Die Keijafa-Scherbe ist überhaupt erst der dritte Beleg dafür, dass im 10. Jahrhundert vor Christus in dieser Gegend geschrieben wurde. Solche Schriftlichkeit hatten viele Forscher bislang kategorisch verneint.

Die Bestandteile der aktuellen Debatte – der kryptische König David, der sagenhafte Sieg über Goliath, ein sensationeller Schriftfund – sind bestens geeignet für Mythenbildung und Missbrauch. Da in Palästina nahezu jeder archäologische Fund das kulturelle wie politische Selbstbewusstsein der heutigen Israelis und Palästinenser tangiert, ist die Versuchung groß, die Zeugnisse der Vergangenheit zu drehen, bis sie ins eigene Weltbild passen.

Es geht dabei immer um den historischen Gehalt des Alten Testaments. Israelische Traditionalisten nehmen die biblischen Schilderungen als eheren Beleg für ihren Territorialanspruch in Palästina, speziell in Jerusalem. Jeder archäologische Hinweis in diese Richtung wird mit großem medialem Getöse in die Öffentlichkeit gebracht. Besonders beliebt sind Nachrichten aus der Frühzeit judäisch-israelitischer Staatlichkeit. Liberale, allein der Wissenschaft verpflichtete Archäologen haben in den letzten 20 Jahren viele der biblischen Berichte widerlegt und kommen damit schnell in den Ruf geistigen Landesverrats.

Die „Sensationen“ entpuppen sich meist schon nach kurzer Zeit als Windei. Von den früher postulierten „Pferdeställen Salomons“ in Megiddo spricht heute niemand mehr, sie wurden im weiteren Verlauf der Grabungen zu Vorratskammern. 2003 wurde ein „Sensationsfund aus Salomons Tempel“ gemeldet, doch die „erste althebräische Königsinschrift“ entpuppte sich als Fälschung. Die Entdeckung von „Davids Palast“ durch die israelische Archäologin Eilat Mazar vor drei Jahren wird nur noch belächelt, der Bau ist vermutlich um einiges älter.

Die Areale in Jerusalem, die für Palast- und Tempelbauten überhaupt infrage kommen, sind heute mit zwei Moscheen überbaut – vermintes Gelände also. „Wir werden aber ohnehin nichts finden, die David und Salomon zugeschriebenen Großbauten gab es nicht“, sagt der Kieler Archäologe Hübner. Das Königtum habe sich unter den beiden Herrschern schließlich erst allmählich entwickelt.

In- und ausländische Archäologen, die den Menschen und seine Umwelt erforschen, zeichnen tatsächlich ein anderes Bild von David und Salomon, von Königreich und Jerusalem. Vater und Sohn werden inzwischen allgemein als historische Personen anerkannt. David gilt als charismatischer Führer, dem es mit Drohungen, Versprechungen und Heiratspolitik gelang, die konkurrierenden Stämme in Juda und Israel unter seinem Banner zu einen. Er hinterließ seinem Sohn Salomon ein überschaubares Herrschaftsgebiet, das dieser konsolidierte. Da beide jedoch noch keine Staatlichkeit mit Beamten- und Wirtschaftapparat, Steuerwesen und Staatsreligion schufen, blieb ihre Herrschaft personengebunden und labil.

Unter Salomons Sohn zerfiel das Reich bereits wieder in einzelne Stämme, die sich als Juda und Israel staatlich organisierten. Erst in Samaria, der Hauptstadt Israels, wurde im 9. Jahrhundert der erste nachweisbare Palast erbaut. Außerhalb des Alten Testaments gibt es bis heute nur einen Beleg für einen König David – und das auch nur indirekt: In einer Inschrift aus dem 9./8. Jahrhundert rühmt sich ein König von Damaskus, dass er einen israelitischen König „aus dem Haus David“ besiegt habe.

„Das belegt immerhin, dass sich spätere Könige auf einen Dynastiegründer David berufen haben“, resümiert Jens Kamlah, Professor für Biblische Archäologie an der Universität Tübingen. Er drängt jedoch darauf, in der Diskussion sauber zu unterscheiden zwischen dem sich erst entwickelnden Königtum unter David und Salomon und den späteren monarchischen Staaten Juda und Israel.

Da es für die Frühzeit bislang so wenig handfeste Belege gibt, interessiert sich Kamlah brennend für jeden neu angekündigten Fund in dieser Richtung. Aber schon nach erster Durchsicht der aktuellen Meldungen über die Keijafa-Scherbe mit der „Entzifferung der ältesten hebräisch-biblischen Inschrift“ tritt Ernüchterung ein: Der Entzifferer Gershon Galil gehört nicht zum Ausgrabungsteam, das die Scherbe gefunden hat. Er arbeitet – offenbar unauthorisiert – mit einer Zeichnung der Inschrift, die die Archäologen jüngst in ihrem ersten Grabungsbericht veröffentlicht haben. Vor allem stört Kamlah, dass Galil gegenüber der Originalzeichnung „sehr großzügig Buchstaben ergänzt“ hat, die seine Lesart erst möglich machen.

Galil hat den Scherbentext so ergänzt, dass er daraus eine Mahnung an einen König lesen kann, sich der Fremden, Waisen und Witwen besonders anzunehmen. Das wären soziale Gedanken, erklärt Galil, die sich in alttestamentlichen Texten wiederfänden und im Umfeld der hebräischen Nachbarn völlig unbekannt gewesen seien. Dabei hat schon der babylonische König Hammurabi 800 Jahre zuvor speziellen Schutz für Witwen und Waisen in seinem „Codex Hammurabi“, der weltersten Gesetzessammlung, dekretiert.

Auch Galils Folgerung aus dem Fundort der Scherbe hält Kamlah für unseriös. Wenn der Text zwei Tagesreisen von Jerusalem entfernt geschrieben wurde, dann habe es ein entwickeltes Königreich, eben das von David, gegeben, behauptet Galil. Diese Aussage ist so kurzschlüssig, dass sie Wissenschaftlichkeit nicht beanspruchen kann. Auch bleibe Galil den Beweis schuldig, dass der Schreiber der Keijafa-Scherbe tatsächlich althebräisch geschrieben und gesprochen habe, sagt Kamlah. Bei so wenigen Buchstaben und so vielen Ergänzungen sei diese Festlegung hoch problematisch.

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