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Archäologie : Die Ureinwohner Istanbuls

19.01.2012 00:00 UhrVon Hakan Baykal
Alle Amphoren an Bord. Den schwer beladenen Kahn entdeckten die Forscher im Sommer 2011 – als vorerst letztes von 36 Schiffen. Auch Tierskelette werden sorgfältig geborgen – und lagern aus Platzmangel in einem Schuppen. Fotos: Archäologische Museen Istanbul/Bekir KöskerBild vergrößern
Alle Amphoren an Bord. Den schwer beladenen Kahn entdeckten die Forscher im Sommer 2011 – als vorerst letztes von 36 Schiffen. Auch Tierskelette werden sorgfältig geborgen – und...

„Archäologisches Zeug“: Spektakuläre Funde versöhnen die Stadt mit Verzögerungen beim Bau der neuen U-Bahn. Unter anderem gruben Forscher den größten Schiffsfriedhof aus, der jemals an Land entdeckt wurde.

Am Ende sind es zehntausende Funde aus elf Jahrtausenden. Damit hatten die Archäologen rund um Ausgrabungsleiterin Zeynep Kiziltan nicht gerechnet, als sie 2004 zu Notgrabungen am Rande der Bauarbeiten am Marmaray-Projekt ausrückten. Der Bahntunnel unter dem Bosporus ist das türkische Prestigeprojekt schlechthin. Doch Funde aus der Osmanenzeit und weit davor brachten das Vorhaben immer wieder zum Stocken. Ein Zwiespalt für die gleichermaßen technologiebegeisterte wie geschichtsversessene Türkei.

Bereits bei ihren allerersten Sondierungsgrabungen stießen die Forscher drei Meter über dem Meeresspiegel auf zahlreiche Funde aus osmanischer Zeit.

Dass sie tiefer würden graben müssen, war damals sofort klar. Mit jedem neuen Fund wuchs der politische Druck auf die Wissenschaftler. Premierminister Recep Tayyip Erdogan, von 1994 bis 1998 Bürgermeister von Istanbul, beklagte noch im Februar 2011, als längst feststand, wie wertvoll viele der Funde sind: „Ständig sagen sie, sie hätten archäologisches Zeug gefunden, Töpfe gefunden, dies gefunden, das gefunden – und legen uns Hindernisse in den Weg.“

Aus der Sicht der Stadtoberen sind solche Klagen durchaus verständlich. Istanbul ist heute mit beinahe 14 Millionen Einwohnern eine der fünf bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Anfang der 1960er Jahre lag die Einwohnerzahl noch bei etwas unter zwei Millionen. Mit dem explodierenden Bevölkerungszuwachs konnte der öffentliche Nahverkehr nicht mithalten. Zwar begann die Stadt bereits 1992 mit dem Bau eines modernen U-Bahn-Netzes, dessen erstes Teilstück 2000 eröffnet wurde. Doch der Verkehr in der türkischen Metropole bewegte sich weiterhin stets am Rande des Kollapses. Also wurden die Pläne erweitert.

Der Marmaray-Tunnel, der vom Ufer des Marmarameers unter Touristenmagneten wie der Hagia Sophia und dem Topkapi-Palast hindurch in den Bosporus münden und dort unter Wasser auf die asiatische Seite Istanbuls führen wird, ist dabei das ehrgeizigste Projekt. Spätestens Ende 2014 soll die Zugverbindung aufgenommen werden. Inzwischen liegt die Tunnelröhre sicher am Grunde des Meeres und Nihat Ergün, Minister für Wissenschaft, Industrie und Technologie verkündete bereits frohgemut: „90 Prozent unserer Arbeit sind getan. Bald werden die Züge durch den Bosporus fahren.“

Unterdessen haben auch die Archäologen ihre Ausgrabungen so gut wie abgeschlossen. Neben der größten Grabungsstätte in Yenikapi, direkt an der Einfahrt zum Marmaray-Tunnel, suchten sie auch an den Bahnhöfen Sirkeci (europäischer Teil) und Haydarpasa, dem einstigen Ausgangspunkt der von Deutschen erbauten Bagdadbahn auf der asiatischen Seite Istanbuls, nach Spuren der Vergangenheit.

Am ergiebigsten ist die Grabung in Yenikapi. Das Viertel hatte einen klaren Standortvorteil: Seit osmanischen Zeiten wurde das Gelände überwiegend landwirtschaftlich genutzt. Die wenigen Bauten, die dort stehen, sind kleine Häuser mit wenigen Stockwerken und nur mäßig tiefer Unterkellerung. In einer pulsierenden, bevölkerungsreichen Metropole wie Istanbul ein kleines Wunder. Nur etwas landeinwärts vom heutigen Ufer des Marmarameers stießen die Forscher auf mehrere Schiffswracks, die ältesten davon aus dem 8. Jahrhundert. Je tiefer sich die Archäologen gruben, desto mehr Wracks fanden sie.

Im vergangenen Sommer entdeckten sie die gut erhaltenen Reste eines rund 1.500 Jahre alten, etwa 15 Meter langen Schiffs, das mit hunderten Amphoren beladen war. Offenbar diente es dem Transport von Öl, Wein oder Garum, einer antiken Fischsoße. Es war das 36. der von den Archäologen ans Tageslicht beförderten Segelschiffe und Galeeren aus dem 5. bis 11. Jahrhundert. Sie werden derzeit in den Laboren der Universität Istanbul sowie am Institute of Nautical Archaeology in Bodrum an der Ägäisküste konserviert und wiederhergestellt.

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