Archäologie : Löcher in der Seidenstraße

Chinas alte Handelswege sollen Weltkulturerbe werden. Der Abriss der Altstadt Kashgars gefährdet dies.

Michael Zick

Marco Polo, der erste Weltreisende, nannte die Stadt bewundernd das „Kairo Asiens“: Kashgar, die westlichste Stadt Chinas, war für Jahrhunderte der Dreh- und Angelpunkt der Seidenstraßen. Die legendären Handelswege vom Mittelmeer bis ins Reich der Mitte sollen nach dem Willen der anliegenden Staaten mit dem Unesco-Prädikat „Weltkulturerbe“ geadelt werden, der Antrag wird gerade vorbereitet. Doch in Kashgar werden derzeit große Lücken gerissen. Nach einem Report der Gesellschaft für bedrohte Völker wird die Stadt von den chinesischen Behörden mit dem Bulldozer „saniert“ (Tagesspiegel vom 10. Juli). Die Altstadt soll bis auf einen musealen Rest planiert und durch Neubauten ersetzt werden.

Damit würde ein wichtiger Teil des „Ensembles Seidenstraße“ zerstört, das aus 3000 Jahren Handel und Wandel, Krieg und Kultur, Austausch und Toleranz, Transfer von Technologien und Geist besteht. Über keine andere Verbindung wurden über so lange Zeit so viele Waren und vor allem Ideen transportiert wie über die Karawanenrouten von Westen nach Fernost und zurück. Zunächst kannte man nur die eine „Seidenstraße“, wie der deutsche Chinaforscher Ferdinand Freiherr von Richthofen sie Mitte des vorletzten Jahrhunderts beschrieb. Inzwischen ist klar, dass es mehrere dieser Ideen- und Handelswege gab. Und sie sind um etliches älter, als der Freiherr glaubte: Schon der griechische Geschichts- und Geschichtenerzähler Herodot beschrieb um 430 v. Chr. eine Handelsroute vom östlichen Mittelmeer über den Ural durch Sibirien ans Chinesische Meer.

Die gab es, so belegen archäologische Funde, zu Herodots Zeiten schon ein Jahrtausend lang: In Gräbern am Ural fanden Forscher Jaderinge, Bronzeäxte und Messer, die eindeutig aus dem China der Shang-Dynastie (1600 bis 1027 v. Chr.) stammen. Im Gegenzug wurde die westliche Innovation des pferdebespannten Wagens weitergegeben: Bis ins Detail des Pferdegeschirrs gleichen die chinesischen Streitwagen-Abbildungen den griechischen Vorbildern auf Felszeichnungen. Zeitgleich etablierte sich der Löwe als herrschaftliches Statussymbol in China. In Fernost gab es keine Löwen – das Motiv kam aus der mykenischen Kultur des bronzezeitlichen Griechenlands.

Die Griechen kamen nie bis China, der internationale Handel ins Reich der Mitte war segmentiert. Die Skythen, nomadische Reiterstämme zwischen dem Schwarzen Meer und der Mongolei, waren dabei wichtige Zwischenhändler. In ihren Gräbern im Permafrost des Altai fanden sich sowohl Überbleibsel chinesischer Seide als auch ein Wandteppich mit Motiven aus dem kleinasiatischen Ephesos. In Ephesos förderten die Archäologen skytische Kleinplastiken aus Mammutstoßzähnen zutage.

Aus diesen und anderen archäologischen Funden besonders der beiden letzten Jahrzehnte lässt sich ein nahezu unaufhörlicher Strom von Waren und Ideen belegen: Porzellan, Seide, Papier und Pulver reisten auf diesen Wegen in den weiten Westen. Streitwagen, Wolle, Glas und Wein kamen hinein ins Reich der Mitte, selbst Straußenvögel und Nashörner fanden den Weg an den kaiserlichen Hof in Chang’an. In Kashgar teilte sich die Route, um die menschenfeindliche Taklamakan-Wüste nördlich oder südlich zu umgehen. Für die entgegengesetzte Richtung war die Stadt am Ende der chinesischen Welt der Sammelpunkt der Karawanen gen Westen. Entsprechend pulsierte die Stadt an der Schnittstelle zwischen Mittelasien und China über Jahrhunderte.

Sicher scheint nach den intensiven Forschungen der letzten Jahre: China, das sich nach seinem Selbstverständnis allein aus sich selbst entwickelt hat, war über Jahrtausende verwoben in internationale Beziehungen und Entwicklungen, in Geben und Nehmen von Ideen und Techniken wie jedes andere Volk dieser Erde.

Ein frappierendes Zeugnis dafür legen die „europäischen“ Mumien im Museum von Urumqi, der Provinzhauptstadt im Triangel China, Mongolei, Zentralasien ab. Einge der mumifizierten Leichname aus den Sandzonen des Tarimbeckens südlich der Wüste Gobi wurden zwischen 1800 und 1200 v. Chr. in den heißen Wüstenboden gelegt – eine Sensation der letzten Jahre. Ein solcher Jahrtausend-Mann im gelben Dämmer des Provinzmuseums ist 1,76 Meter groß, hat eine lange Nase, tief liegende Augen, blond-bräunliches Haar und helle Haut. Seine gut erhaltene Kleidung mutet osteuropäisch an. Ungezählte andere Mumienfunde sind seit den siebziger Jahren in über einem Dutzend Fundorten wieder mit Wüstensand zugeschüttet worden: Es fehlt den chinesischen Wissenschaftlern an Geld, Know-how und Räumlichkeiten, um die Bronzezeit-Zeugen sachgerecht zu bergen und nachhaltig zu konservieren.

Einige der Toten waren nur mit einer Decke bekleidet, andere trugen aufwendig gefertigte Leder- oder Filzstiefel, bunte und exklusive gewebte Kleider aus Ziegen- oder Schafwolle sowie Mäntel aus Leder oder Stoff. Als Grabbeigaben fanden die Archäologen vorwiegend Dinge des täglichen Bedarfs wie Kämme, Nadeln, kleine Messer und Töpferwaren. Waffen und Prestigegegenstände, die soziale Unterschiede dokumentieren, fehlten weitgehend. Wer diese Menschen waren, woher und wann sie kamen, ist ein bis heute ungeklärtes Rätsel. Sicher scheint nur eins: Das waren keine Reisenden, sondern Einwohner.

Der Austausch über die Seidenstraßen blühte vor allem unter der Tang-Dynastie (600 bis 900 n. Chr.) – dem verklärten „Goldenen Zeitalter“ Chinas. Die Öffnung für Fremdländisches, religiöse Toleranz, Kunstsinn und ein ganz unchinesisch überbordendes Lebensgefühl machten das Reich der Mitte zu einem Versuchslabor für fremde Formen, unbekannte Techniken, exotische Materialien, Gebräuche und neue Ideen. Lebensart, Musik und Literatur nahmen die Anregungen auf und formten mit der eigenen Tradition aufregend Neues. Die Kaiserstadt Chang’an, heute Xi’an, war eine multikulturelle Zwei-Millionen-Stadt, das Land zählte rund 60 Millionen Einwohner.

Unter den religiösen Ideen, die über die Seidenstraßen ins Land kamen, waren neben dem Judentum das nestorianische Christentum, der Zoroastrismus, der Manichäismus und der Buddhismus. Später, mit arabischen Händlern, fasste in den westlichen Gebieten und an der Küste auch der Islam Fuß. Der großzügigen Förderung durch die Tang-Kaiser verdankt der Buddhismus seine nachhaltige Verbreitung im Reich der Mitte. Mit seiner Erlösungslehre und praktischen Lebensanweisungen kam er zudem dem unterdrückten Volk entgegen. Unzählige Tempelanlagen und riesige Buddha-Statuen künden noch heute vom kultischen, kulturellen und wirtschaftlichen Einfluss der Lehre aus Indien.

Rund 150 Jahre sonnte sich das Tang-Reich in Glanz und Gloria, unangefochten als politisches wie kulturelles Zentrum der halben damaligen Welt. Rom war längst untergegangen. Es folgte 755 n. Chr. ein Einbruch in der Erfolgsgeschichte der Dynastie nach dem immer wiederkehrenden Muster: Alternder Kaiser verfällt schöner Konkubine, die ihren „Vertrauten“ zur Rebellion anstiftet. Der Aufstand wurde erst nach zwei Jahren mithilfe „barbarischer“ Krieger wie Uiguren, Türken und Tibeter niedergeschlagen, der langsame Niedergang der glorreichen Tang-Dynastie war eingeläutet. China schottete sich wieder ab, die transkontinentalen Seidenstraßen wurden weitgehend zu Sackgassen.

Was blieb, sind die oft unzuverlässigen, weil oft nachträglich „redigierten“ schriftlichen Annalen – und die noch immer unüberschaubaren archäologischen Hinterlassenschaften der weltöffnenden Seidenstraßen. Der über 1000-jährige Schleier wird erst seit einiger Zeit an einzelnen Stellen gelüftet. Und schon müssen die Archäologen sich sputen, damit sie das darunterliegende Geheimnis fassen, bevor es für immer verschwindet – eingeebnet durch die Landwirtschaft, planiert durch Infrastrukturmaßnahmen, beseitigt durch „Sanierung“, verwittert durch den sauren Regen, verstreut und verkauft durch Schatzräuber.

China bemüht sich darum, sein kulturelles Erbe zu dokumentieren und zu erhalten. Die politische Öffnung der letzten Jahre ermöglichte die Zusammenarbeit mit ausländischen Experten – mit immer wiederkehrenden Restriktionen. Gut ausgebildete einheimische Mitarbeiter fehlen trotz aller Bemühungen, Geld ebenso. Und Sponsoring durch ausländische Industriefirmen verbietet das chinesische Selbstbewusstsein.

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