Archäologie : Mumien mit verkalkten Arterien

Gefäßleiden gab es offenbar schon im alten Ägypten. Das widerspricht dem Bild der Zivilisationskrankheit.

Kai Kupferschmidt
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Alt trifft neu. Eine Mumie wird zur Untersuchung in einen Computertomografen geschoben. Foto: Michael Miyamotodpa

Sie sind die Todesursache Nummer eins in westlichen Industrienationen: Herzinfarkte und Schlaganfälle. Meist beruhen sie auf einer Arteriosklerose. Dabei lagern sich Cholesterin, Fettsäuren und Kalk in den Schlagadern ab und es kommt zu Bindegewebswucherungen. Die Blutgefäße werden enger und enger. Schuld daran soll das moderne Leben sein: fettreiches Essen, Rauchen, zu viel Stress, zu wenig Bewegung. Eine klassische Zivilisationskrankheit eben.

Dem widersprechen amerikanische Forscher nun. Auch in der Antike sei Arteriosklerose offenbar keine Seltenheit gewesen, schreiben sie im Fachmagazin „Jama“ (Band 302, Seite 2091).

Das Team aus Medizinern und Ägyptologen hat 22 Mumien aus dem Ägyptischen Museum in Kairo in einem Computertomografen durchleuchtet. Bei 16 von ihnen fanden sie noch Blut- und Herzgefäße, bei vieren war sogar noch das gesamte Herz vorhanden.

Wie bei einem modernen Patienten nutzen die Mediziner die Bilder dann zur Diagnose. Das Ergebnis: Fünf der 16 Mumien hatten definitiv Arteriosklerose, vier von ihnen litten wahrscheinlich an der Krankheit. „Wir können allerdings nicht sagen, ob diese Menschen auch daran gestorben sind“, sagt der Leiter der Studie, Randall Thompson. Viele seien dafür aber wahrscheinlich zu jung gewesen.

Eines ist aber eindeutig: Auch bei den Ägyptern waren ältere Menschen stärker von Arteriosklerose betroffen. Von acht Mumien, die zum Zeitpunkt des Todes schätzungsweise 45 Jahre oder älter waren, zeigten sieben Zeichen von Arteriosklerose. Von den acht Mumien, die in jüngerem Alter starben, waren nur zwei betroffen.

Das wahre Alter der Mumien war natürlich deutlich höher. Die Ägyptologen datierten die Mumien auf 1981 v. Chr. bis 364 n. Chr. Der älteste Fall von Arteriosklerose fand sich bei der Mumie von Lady Rai, dem Kindermädchen der Königin Ahmose Nefertari. Sie starb um 1530 v. Chr. im Alter von 30 bis 40 Jahren.

Ihre Ergebnisse würden die gängige Lesart der Arteriosklerose als moderner Zivilisationskrankheit infrage stellen, schreiben die Forscher. Die alten Ägypter hätten zwar viel Fleisch und stark gesalzenen Fisch gegessen, aber sie hätten keinen Tabak geraucht, sich mehr bewegt und auch kein Fastfood verzehrt.

„Die entscheidende Frage ist für mich: Bekommen wir Arteriosklerose einfach nur, weil wir Menschen sind, oder weil wir Menschen sind, die in einer Zivilisation leben?“, sagt Thompson. Eine endgültige Antwort darauf könnte wahrscheinlich nur eine Untersuchung der Überreste von Jägern und Sammlern geben. Denn einiges deutet darauf hin, dass Krankheiten wie Arteriosklerose bei ihnen viel seltener vorkamen. Herzinfarkt und Schlaganfall wären dann zwar nicht eine Erkrankung der modernen Welt, sehr wohl aber der sesshaften Lebensweise.

Viele seiner Patienten fühlten sich verantwortlich, sagt Thompson. Er sage dann häufig: „Fühlen Sie sich nicht schuldig. Diese Krankheit ist so alt wie die Pyramiden.“ Ernährung und Lebensweise spielten sicher eine Rolle, aber offenbar hätten wir alle ein hohes Risiko. Kai Kupferschmidt

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