Archäologie : Radaraufnahmen zeigen antike kambodschanische Großstadt

Karte von Angkor stützt die Vorstellung von einer eindrucksvollen Millionenstadt

Ewen Callaway

Archäologen erstellten anhand von Radaraufnahmen eine umfassende Karte der antiken kambodschanischen Großstadt Angkor. Sie stützt die Annahme, dass diese enorme Stadt über ein Bewässerungssystem verfügte, das die Bevölkerung versorgte.

Angkor wurde im neunten Jahrhundert nach Christus im Urwald gegründet und rund 700 Jahre später verlassen. Zu der Ansiedlung zählt auch die mächtige Tempelanlage von Angkor Wat. Archäologen haben sich lange Zeit gefragt, ob die sie umgebenden Wasserreservoirs und Kanäle für landwirtschaftliche Zwecke genutzt worden sind, oder ob sie einem anderen Zweck für eine ungleich kleinere Bevölkerung gedient haben. Eine landwirtschaftliche Nutzung in diesem Ausmaß hätte Angkor zur größten vorindustriellen Stadt der Welt gemacht.

Die Aufnahmen zeigen einen lebendig wirkenden Stadtkern, der von kleineren Vorstädten umgeben ist und über ein ausgedehntes Netz von Kanälen und Feldern verfügt. "Das Ausmaß der landschaftlichen Veränderungen ist einzigartig", erklärt der Archäologe Damian Evans von der Universität Sydney, der das Projekt leitete. Das unterstützt die Annahme, dass die Bewohner von Angkor den Fluss Siem Reap kanalisiert haben, um mehr als eine Millionen Einwohner zu versorgen.

Die rund 1000 km2 große Ansiedlung erinnert in ihrem Aufbau an modere Metropolen wie London oder New York, erläutert Evans.

Die Karte enthüllt bisher unbekannte Details dieser weit verzweigten Stadt, darunter rund 79 "linear verlaufende Auffälligkeiten", die die Überreste von alten Kanälen oder Straßen sein könnten, wie auch 94 Tempel und zwei gigantische Erdhügel, deren Bedeutung unklar ist.

Ausgewachsen

Angkor und seine Tempelanlagen haben von jeher die Aufmerksamkeit von Archäologen auf sich gezogen; es sind mehrere Versuche unternommen worden, diese gigantische Ansiedlung zu kartografieren. In den 1950er Jahren leitete der französische Archäologe Bernard Philippe Groslier beispielsweise ein Vermessungsprojekt zur Erstellung einer solchen Karte. Die Fertigstellung scheiterte letztlich an den Kürzungen der Forschungsgelder, wie auch an aufkommenden politischen Unruhen in Kambodscha. Jüngere Versuche blieben ebenso unvollendet oder ließen Detailgenauigkeit vermissen.

Groslier stellte seinerzeit die Hypothese auf, dass ein gewaltiges Wasserleitungssystem innerhalb der Stadt Angkors Wachstum angekurbelte und eine stetig wachsende Bevölkerung versorgte. Er führte aus, dass die Überbeanspruchung der Ressourcen wahrscheinlich zum Zusammenbruch der Stadt beigetragen habe.

Diese Theorie war in den 1980er Jahren von Archäologen in Frage gestellt worden, die keine wirklichen Beweise dafür sahen, dass die Stadt eine derart große Bevölkerung versorgt habe. Stattdessen, so die Gegentheorie, hätten die Kanäle während der Regenzeit als Transportwege für eine deutlich kleinere Bevölkerung gedient.

Doch die neue, radargestützte Karte zeichnet das Bild einer Landschaft, die von einer großen, festansässigen Bevölkerung geprägt wurde, erklärt Evans. Reisanbau bildete die Grundlage für die Entfaltung der Stadt Angkor und das Bewässerungssystem untermauerte diese Entwicklung. "Angkors Wirtschaft drehte sich um den Reis", führt er aus.

Die Karte wurde in Proceedings of the National Academy of Sciences (1) veröffentlicht. Die Darstellung basiert auf Radarmessungen, die die NASA im Jahr 2000 bei Flügen über dem Gebiet durchgeführt hatte. Evans und sein Team setzten die Messwerte mit Unterstützung von Wissenschaftlern des Jet Propulsion Labors in Pasadena, Kalifornien, in eine topografische Karte um.

Untergegangen

Offen bleibt jedoch weiterhin die Frage, inwiefern Wasser eine Rolle beim späteren Niedergang der Stadt spielte. Kürzliche Ausgrabungen förderten Schlickreste in den Kanälen zutage, was die Vermutung nahe legt, dass das Bewässerungssystem schließlich umkippte. Weitere Untersuchungen vor Ort sind jedoch nötig, um zu bestimmen, ob Umweltzerstörung zur Aufgabe der Stadt beigetragen hat, erklärt Evans, der im Frühjahr 2008 nach Angkor zurückkehren wird.

Die Karte ist "ein Meilenstein für unser Verständnis von Angkor", meint Charles Higham, Archäologe von der Universität Otago, Neuseeland. Dennoch ergänzt Higham, er sei immer noch nicht wirklich überzeugt, dass so viele Menschen in dieser Region gelebt haben können, und führt die Notwendigkeit weiterer Ausgrabungen an, um die Zweifel zu beseitigen.

Die Karte ist zudem ein wertvolles Hilfsmittel bei zukünftigen Ausgrabungen im Umkreis von Angkor. Doch könnten Plünderer ihre Bemühungen zunichte machen, erklärt Evans. Zwar gehört der Stadtkern von Angkor mit seinen großen Tempeln zum Weltkulturerbe der UNESCO und wird von daher auch durch Polizeistreifen geschützt, doch meisten der weit verstreuten Vorstädte liegen außerhalb dieser Sicherheitszone.

(1) Evans, D. et al. Proc. Nat. Acad Sci. USA doi/10.1073/pnas.0702525104 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 13.8.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news070813-2. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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