Archäologie : Vergessene Monumente in 3000 Metern Höhe

Auf der Spur der rätselhaften Drachensteine in Armenien: Ausgrabung soll klären, ob es sich um Gräber handelt.

Nina Diezemann

An einem regnerischen Junitag im vergangenen Sommer entdecken drei junge Archäologen neun rätselhafte Stelen. Sie liegen im Gras einer Almweide in fast 3000 Metern Höhe – dahinter ein überwältigendes, unwirklich erscheinendes Bergpanorama mit den vier Gipfeln des Berges Aragats, der höchsten Erhebung Armeniens. „Es hat alle meine Erwartungen übertroffen. Ich hätte niemals gedacht, etwas so Interessantes zu finden“, sagt Alessandra Gilibert. Sie und ihre Mitstreiter Pavol Hnila und Arsen Bobokhyan hatten sich einige Jahre zuvor während ihrer Promotion an der Universität Tübingen kennengelernt. Danach kehrte Arsen Bobokhyan in seine Heimat Armenien zurück, wo er seither an der dortigen Akademie der Wissenschaften forscht. Gemeinsam mit dem Direktor des Instituts für Archäologie und Ethnologie der Akademie, Pavel Avetisyan, schlug er seinen ehemaligen Kommilitonen – inzwischen wissenschaftliche Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin – vor, mit ihm eine Expedition in den Südkaukasus zu unternehmen, die Bergregion des Landes.

Gemeinsam wollen die drei Wissenschaftler die rätselhaften Monumente in den Bergen erforschen sowie noch mehr von ihnen finden. Die riesigen und kunstvoll verzierten Stelen wurden vermutlich vor fast 4000 Jahren in der Mittelbronzezeit errichtet. Die Einheimischen nennen sie „Drachensteine“, obwohl keine Drachen auf ihnen zu sehen sind – zumindest nicht solche, die unserem westlichen Drachenbild entsprächen. Möglicherweise geht ihr Name auf den Volksglauben zurück, demzufolge die Berge von drachenartigen Riesenfischen bewohnt werden.

In Armenien sind die bis zu fünf Meter hohen Basaltsteine berühmt. Sie stellen Riesenfische dar oder sind mit aufwendigen Abbildungen von Widderfellen und anderen Tierdarstellungen verziert. Wegen ihres Wertes für die armenische Nationalkultur wurden einige in der Hauptstadt Eriwan aufgestellt. Dennoch: Über ihre Bedeutung und Entstehung ist kaum etwas bekannt.

Armenische Wissenschaftler beschäftigten sich mit dem mythologischen Hintergrund, jedoch wurden ihre Publikationen auf Armenisch von Fachkollegen im Ausland wegen der Sprachbarriere nicht wahrgenommen. Den Weg in die Berge fand kaum jemand, was auch daran liegt, dass Wissenschaftler in Armenien heute, nach dem Zerfall der Sowjetunion, von ihrem Verdienst nur schwer leben können. Im ganzen Land gibt es zudem kein Geschäft, in dem man Ausrüstung für Hochgebirgstouren kaufen kann. Alles in allem sind das schlechte Bedingungen für eine aufwendige Expedition in unwegsames Gelände gewesen.

Die letzte größere Erkundung unternahmen zwei russische Archäologen zu Pferd. Im Jahr 1909 brachen Nikolai Marr und Iakov Smirnoff begleitet von Einheimischen in die Berge auf und fotografierten und zeichneten einige der Stelen. Unglücklicherweise ging ein Teil ihrer Dokumentation bei einem Zugunglück verloren; die erhaltenen Aufnahmen und Zeichnungen publizierten die beiden Wissenschaftler in einem Buch, das 1931 in Leningrad auf Französisch erschien. Für Alessandra Gilibert, Pavol Hnila und Arsen Bobokhyan ist Les Vichaps heute eine wichtige Quelle. Die Beschreibungen im Buch sind ein Beleg dafür, dass die Steine seit damals buchstäblich unberührt in den armenischen Bergen liegen. Die Archäologen fanden sie heute noch in den Positionen, in denen sie Marr und Smirnoff vor mehr als 100 Jahren auf ihren Fotografien festhielten.

In den 1930er Jahren stellte der armenische Wissenschaftler und Schüler Marrs, Ashkharbek Kalantar, die These auf, die Drachensteine dienten der Markierung von Kanälen. Mit dieser Hypothese im Gepäck brechen die Wissenschaftler im Sommer vergangenen Jahres auf – und können sie nicht bestätigen. Dafür entdecken sie, unter anderem mit der Hilfe von Hirten, die auf den Hochebenen des Südkaukasus ihre Tiere weiden, weitere Stelen, die anscheinend Gräber markieren. Insgesamt erweitern sie mit ihrer Expedition die Liste der beschriebenen Monumente von 35 auf insgesamt 85 Fundorte.

Ein besonderes Glück für das deutsch-armenische WissenschaftlerTeam ist, dass die Drachensteine von den heutigen Bergbewohnern immer noch mit großer Ehrfurcht behandelt werden. In gewisser Weise respektieren sie bis heute den ursprünglichen rituellen Kontext: „Die Steine hatten etwas mit dem Totenkult zu tun“, erklärt Alessandra Gilibert. Um sie herum sind kleine Steinhaufen zu finden. Am Rand eines solchen Steinkreises ragte der Drachenstein damals auf. Ob es sich wie vermutet um Gräber handelt, soll eine Ausgrabung im kommenden Sommer zeigen, bei der die Wissenschaftler hoffen, erstmals ein Geheimnis der Drachensteine zu lüften und menschliche Knochen und Grabbeigaben zu finden.

Auch die Fundorte selbst sind überraschend. Die hohen Stelen waren, auch als sie noch aufrecht standen, meist aus der Ferne nicht zu sehen. „Die Menschen haben die Stelen versteckt“, vermutet Alessandra Gilibert. „Sie haben sich Orte mit einer besonderen Aura ausgesucht, etwa erloschene Krater in der vulkanischen Landschaft, wo sich heute verborgene, wasserreiche Wiesen öffnen und Berge mit ihren weißen Gipfeln alles überragen. Mitten in den Wiesen standen diese imposanten Monumente. Das ist eine ganz neue Typologie von Sakralort in einer an Grabmalen reichen Landschaft.“

Um ihre neuen Erkenntnisse zu überprüfen, arbeiten die Archäologen eng mit den Geografen Professorin Brigitta Schütt und Jonas Berking vom Exzellenzcluster TOPOI der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin zusammen.

Die künstlerischen Tierdarstellungen, ihre versteckte Lage und ihre ursprüngliche Funktion sind nicht die einzigen Rätsel, die diese beeindruckenden und doch so wenig erforschten Monumente aufgeben. Auf vielen finden sich Zweitinschriften aus späterer Zeit: Christen kerbten Kreuze ein, türkische Nomaden ihre Stammeszeichen.

Die umgestürzten Steine wurden von den Einheimischen als Altar genutzt, andere aus den Bergen geholt und auf frühmittelalterliche und moderne Friedhöfe gebracht. Doch die meisten der rätselhaften Monumente lagen Jahrhunderte lange unberührt auf den Viehweiden des Südkaukasus, in Vergessenheit geraten durch die bewegte Geschichte dieser Region: den Zerfall des Osmanischen Reiches und die Auflösung der Sowjetunion. Wie Alessandra Gilibert es ausdrückt: „Die Steine erzählen die ganze Geschichte des Landes.“

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