Archäologie : Versiegelte Botschaften

Besaß die Indus-Kultur eine Schrift? An der Interpretation ihrer Zeichen scheiden sich die Geister.

Michael Zick
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Starkes Motiv. Auf dem Siegel aus der Indus-Kultur (2500 bis 1800 v. Chr.) ringt ein Mann mit Tigern.Foto: akg

Entlang des Indus im Nordwesten des indischen Subkontinents entwickelte sich um 2500 v. Chr. eine Hochkultur: Die Menschen errichteten große, am Reißbrett geplante Städte mit gewaltigen Bauten aus gebrannten Ziegeln. In den Hauptstädten Harappa und Mohenjo Daro brachte ein ausgeklügeltes Wassermanagement Hygiene in die Häuser und Fruchtbarkeit auf die Felder. Einheitliche Maße und Gewichte förderten den Handel. Auch über Siegel verfügte die Indus-Kultur, auf denen kunstvoll gestaltete Tierkörper eingeprägt waren – und Zeichen. An der Frage, ob es sich dabei um Schrift handelt, entzündet sich in diesen Tagen ein heftiger Wissenschaftsstreit.

Aus den archäologischen Funden im Grenzgebiet zwischen Indien und Pakistan kann man einiges über das Großstadtleben vor 4000 Jahren ableiten. Doch die rund 400 verschiedenen Zeichen auf Siegeln, Täfelchen und Keramikscherben ließen sich ihr Geheimnis auch 130 Jahre nach der Entdeckung bislang nicht entreißen. Einige tausend meist sehr kurze Notationen hat man gefunden. Sie sind sehr dekorativ und mit keinem anderen Zeichensystem zu vergleichen. Schon seit ersten Funden diskutieren Archäologen, ob die spärlichen Signets der „Indus-Schrift“ tatsächlich sprachgestützte Schrift sind oder nur religiöse Piktogramme darstellen.

Jetzt glaubt ein Informatiker, den Schlüssel zur Entzifferung gefunden zu haben. In „Science“ (Vol 324, Issue 5926, 24. April) berichtet Rajesh Rao (Universität Washington) über seine statistischen Untersuchungen der Schrift-Stückchen. Das Fazit des aus Indien stammenden Forschers: Die Struktur der Indus-Zeichen deutet klar auf einen sprachlichen Hintergrund. Raos nächstes Ziel ist hoch gesteckt: Er will aus den gefundenen Gesetzmäßigkeiten der Zeichen die dahinterstehende Grammatik entwickeln. Die wiederum könnte man vergleichen mit den Strukturen anderer Ursprungssprachen wie Sanskrit oder Indoeuropäisch. Am Ende soll die Entzifferung stehen.

Zusammen mit ebenfalls indischen Kollegen aus der Mathematik und dem IT-Bereich hatte Rao die altindischen Schriftfunde für seine Untersuchungen durch ein Computerprogramm geschleust, mit dem Gesetzmäßigkeiten in einer definierten Menge von Symbolen erkannt werden. Als Vergleichsgrundlage ließ er den Computer auch modernes Englisch, antike Schriften wie Sumerisch, Ägyptisch und Indoeuropäisch analysieren. Als Gegenpart fütterte Rao seine Rechenmaschine mit willkürlichen Symbolketten, die keinen sprachlichen Hintergrund haben. Diese Zeichensequenzen dachten sich Rao und seine Mitstreiter selbst aus, sie verwendeten dazu keine der durchaus bekannten nichtschriftlichen Symbolreihen aus der Antike. Aus den unterschiedlichen Strukturen der beiden Gruppen schließt Rao auf den sprachlichen Hintergrund der Indus-Zeichen, da diese mehr Affinität zu den sprachgebundenen Systemen hätten.

Postwendend kam Protest. Der Historiker Steve Farmer von der Cultural Modelling Research Group in Palo Alto wirft Rao in einer Stellungnahme auf seiner Homepage Täuschung und Unwissenschaftlichkeit vor. „Science“ hätte den Beitrag nicht drucken dürfen. Rao und seine Kollegen hätten mit ihren elaborierten Bemühungen nur eines gezeigt: dass das „Indus-Zeichensystem eine Art von Rohstruktur besitzt – aber das ist seit den 1920er Jahren bekannt“.

Vor fünf Jahren bereits hatte Farmer in einem eigenen „Science“-Artikel den Indus-Zeichen jegliche sprachliche Unterfütterung abgesprochen und sie zu einer reinen politischen und religiösen Symbolik degradiert. Die Reaktionen auf seine Analyse reichten damals vom wissenschaftlichen Disput bis zu Morddrohungen von hinduistischen Nationalisten. Farmer und Kollegen monierten vor allem die Kürze der Aufzeichnungen, die geringe Anzahl der Zeichen und die Strukturlosigkeit der Sequenzen. Sie erinnerten an die Unmengen von Schriftzeugnissen in mesopotamischen Palästen, an die Vielfalt der dortigen Schriftzeichen und die Weiterentwicklung der Schrift. Das harsche Fazit Farmers und Fellows: Die Indus-Kultur war schriftlos.

Der finnische Indologe Asko Parpola, ein weltweit anerkannter Spezialist für die Indus-Schrift, dagegen verteidigt Rao. „Das ist ein nützliches Papier“, urteilt Parpola, Emeritus von der Universität Helsinki. Raos statistische Untersuchung untermauert seinen Standpunkt, dass es sich um sprachgestützte Schrift handelt. Parpola hatte Farmer und Kollegen im vergangenen Jahr vorgeworfen, die archäologisch-historischen Fakten aus dem Indus-Tal einseitig zu interpretieren. Das Fehlen von längeren Texten und Bibliotheken wie in Mesopotamien kontert er mit dem Hinweis, dass von der Indus-Großstadt Mohenjo-Daro nur zehn Prozent ausgegraben seien. Dem Farmer-Verdikt, die Inschriften seien für Nachrichten zu kurz, begegnet Parpola mit dem Hinweis, dass auf Siegeln einfach nicht mehr Platz sei, das sei auch bei mesopotamischen Petschaften so. Die Farmer-Beweisführung, dass keine Schreibgeräte gefunden wurden, hält er schlicht für albern.

Dennoch bleibt der Schriftgelehrte in Helsinki skeptisch, „ob uns die Arbeit von Rao tatsächlich weiterbringt im Verständnis der Schrift“. Denn sie ändere nichts am Grundproblem aller Entzifferer: Sie können ihre Hypothesen zur Indus-Schrift an nichts überprüfen – seit 130 Jahren nicht und bei keinem der bislang 100 Versuche.

Indiens rätselhafte erste Hochkultur ist um 1900 vor Christus abgebrochen und aus bis heute unbekannten Gründen verschwunden. Mit den Großkulturen von Mesopotamien und Ägypten in jener Zeit steht sie auf Augenhöhe. Und das hat einen hohen politischen Reizwert auf dem Subkontinent. Aber eine archäologisch untermauerte Klärung der Schriftfrage ist nicht in Sicht. Die chronisch angespannte Lage zwischen Pakistan und Indien lässt kontinuierliche Grabungen kaum zu. Im besten Fall kann punktuell gearbeitet werden. Aber auch das ist meist ein Glücksspiel, denn die Vergangenheit der Indus-Kultur liegt unter meterdicken Schwemmsandschichten verborgen – technisch und finanziell bislang unerreichbar für Ausgräber.

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