Archäologin aus Berlin : Das zweite Forscherleben der Mai Lin Tjoa-Bonatz

15 Jahre lang hat Mai Lin Tjoa-Bonatz Archäologie auf dem Land betrieben.  Jetzt widmet sich die Berliner Wissenschaftlerin der Welt unter Wasser.

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Mühsame Arbeit. Tjoa-Bonatz wertet mit einem Kollegen Funde aus.
Mühsame Arbeit. Tjoa-Bonatz wertet mit einem Kollegen Funde aus.Foto: privat

Es ist ein wenig schummrig hier, kleine Modelle von hölzernen Segelschiffen werden golden angestrahlt. Mai Lin Tjoa-Bonatz geht zielstrebig an ihnen vorbei, lässt auch die riesigen Schiffsnachbauten links liegen. Sie kennt sich aus in der Abteilung Schifffahrt des Technikmuseums in Berlin. Vor einer Vitrine, in der chinesisches Geschirr auf Teeblättern gebettet liegt, bleibt Tjoa-Bonatz stehen. „Solche Dinge wandern oft in den Kunsthandel und verschwinden als Objekte des Konsums“, sagt sie. „So gehen sie der Wissenschaft verloren.“

Tjoa-Bonatz ist Expertin für die Archäologie Südostasiens. Die 47-jährige Berlinerin lehrt an der Goethe-Universität Frankfurt, mehr als 15 Jahre war sie in archäologische Forschungsprojekte auf Sumatra in Indonesien eingebunden – unter anderem als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Freien Universität Berlin. Doch in letzter Zeit hat eine andere Art von Funden ihre Aufmerksamkeit erweckt.

Die Marinearchäologie - ein junges Forschungsgebiet

Es sind Schätze aus gesunkenen Schiffen in Südostasien – wie das chinesische Geschirr, das im Technikmuseum ausgestellt ist. Fast 200 Jahre ist es her, dass das Segelschiff „Tek Sing“ auf dem Weg ins heutige Indonesien im südchinesischen Meer sank. Ein Schatzsucher holte etwa 360 000 Porzellanstücke aus dem Wrack hervor, im Jahr 2000 kamen viele der Stücke unter den Hammer. Vieles ging an Privatpersonen. Doch bei der Auktion erwarb das Technikmuseum den größten zusammenhängenden Komplex.

Die maritime Archäologie ist ein relativ junges Forschungsgebiet. Erst seit den 1980er Jahren beschäftigten sich Wissenschaftler in Asien verstärkt damit, sagt Tjoa-Bonatz. Sie zeigt auf eine Opiumpfeife, Münzen und Gewichte, die aus der „Tek Sing“ stammen. Das Schiff sei kurz vor seinem Ankunftsort gewesen, als es mit fast 2000 Personen an Bord sank.

Landarchäologie war mühsam

„Das Spannende sind nicht nur die Funde selbst oder die Archiveinträge dazu. Interessant sind die Menschen, die hautnahen Lebensgeschichten dahinter“, sagt Tjoa-Bonatz. Sie spricht schnell, ihre Augen leuchten. In den 15 Jahren, in denen sie auf Sumatra Landarchäologie betrieb, hat sie Steinmonumente untersucht und Pfahlhäuser rekonstruiert. Ist zwei Tage durch den Dschungel gewandert, um zu den Steinen zu kommen.

Doch es scheint, als sei ihr erst durch den Vergleich mit den maritimen Funden aufgefallen, wie mühsam das alles war. „Die Landarchäologie kann überhaupt nicht das liefern, was im Meer gefunden wurde.“ Auf dem Land seien Pfähle verrottet und Knochen in saurem Boden komplett verschwunden. Bei den Schiffswracks spricht Tjoa-Bonatz dagegen von Zeitkapseln, in denen Gegenstände nahezu unbeschadet überdauern konnten. „Es bildet sich ein sogenannter Tumulus von Ablagerungen, der die versunkenen Schiffe gut erhält.“

Nur im Kontext bleibt die Aussage erhalten

Umso trauriger findet sie es, dass die Marinearchäologie besonders in Südostasien vernachlässigt wird. „In Indonesien gibt es lächerliche drei Ausstellungen zu Marinearchäologie.“ Dabei sei der Inselstaat reich an Funden – viele Handelsschiffe durchquerten die Straße von Malakka zwischen Sumatra und Malaysia, es gab außerdem regen Schiffsverkehr zwischen den Inseln. Viele Funde seien verkauft und über die Kontinente verstreut worden. „Dabei bleibt nur im Zusammenspiel aller Stücke ihre Aussage erhalten.“ Nur zu gern würde Tjoa-Bonatz helfen, ein Museum in Indonesien aufzubauen.

Auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober veröffentlichte sie ein Buch zur Archäologie Südostasiens, das Beiträge von ihr und anderen Forschern vereint und auch die Unterwasserarchäologie thematisiert. Im kommenden Jahr möchte sie in Südostasien auf Expedition gehen, um Funde vom Meeresboden zu untersuchen. Tjoa Bonatz, deren Vater aus Indonesien stammt, könnte sich auch vorstellen von Singapur aus zu arbeiten.

Im nächsten Leben

Nur selbst nach versunkenen Schätzen zu tauchen, das plant Tjoa-Bonatz bislang nicht. Dabei kann sie tauchen, sie hat es auf Sulawesi gelernt. „Unter Wasser streift man das Erdenleben ab und taucht in eine andere Welt ein.“ Doch das archäologische Arbeiten in der Tiefe sei körperlich überaus anstrengend und sehr abenteuerlich. „Vielleicht im nächsten Leben“, sagt sie und klingt fast ein wenig wehmütig.

Am Sonntag, 29. November, um 11 Uhr stellt Mai Lin Tjoa-Bonatz ihr Buch in der Botschaft Indonesiens vor (Lehrter Str. 16–17, 10557 Berlin). Eine Anmeldung unter education@indonesian-embassy.de ist erforderlich.

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