Arktis : Das Klima macht den Nordpol nass

Die Nordwestpassage ist zum ersten Mal eisfrei. Forscher sind besorgt, während Reeder auf neue Schifffahrtswege hoffen.

Roland Knauer
Nordwest
Freie Fahrt: Vor Grönlands Westküste schippert ein Fischkutter an der bröckelnden Gletscherkante entlang. -Foto: AFP

Wovon Seefahrer jahrhundertelang geträumt haben, ist jetzt Wirklichkeit geworden. Die Nordwestpassage zwischen Atlantik und Pazifik ist zum ersten Mal eisfrei. Wie Radarbilder des europäischen Umweltsatelliten Envisat zeigen, ist in der Arktis allein im vergangenen Jahr eine Eisfläche von einer Million Quadratmetern geschmolzen.

Unter dem Eismangel im Nordpolarmeer leidet auch Jürgen Graeser vom Alfred-Wegener-Institut (Awi) in Potsdam. Gemeinsam mit russischen Kollegen will sich der Deutsche einen Winter lang auf einer Eisscholle treiben lassen und dabei Wetter, Klima, Ozonschicht und Meereis untersuchen. Nach langer Suche haben die Forscher jetzt eine Scholle gefunden, die dick genug wäre, um das Team samt Ausrüstung sicher durch das Polarmeer zu tragen.

„In diesem Jahr sind die Eisverhältnisse sehr schlecht“, sagt Awi-Forscher Roland Neuber in Potsdam. Am 28. August 2007 war die Eisdecke, die das Meer um den Nordpol bedeckt, auf drei Millionen Quadratkilometer geschrumpft. Das ist zwar immer noch mehr als die Fläche von Spanien, Frankreich, Großbritannien, Schweden, Deutschland, Polen, Ungarn und Italien zusammen. Doch es sind etwa 50 Prozent weniger als in den Sommern zwischen 1960 und 1980, als rund sechs Millionen Quadratkilometer eisbedeckt waren. Damals gab es am Ende des Winters auf dem Nordpolarmeer rund 15 Millionen Quadratkilometer Eis. Im Laufe des Sommers schmolz nur etwa die Hälfte davon weg. Anders im Jahr 2007. Jetzt sind im Laufe des Sommers bereits vier Fünftel der zwischen zwei und drei Meter dicken Eisdecke verschwunden.

Was sind die Gründe? „Neben den höheren Temperaturen sind auch die großräumigen Strömungen in der Atmosphäre und in den Meeren zu berücksichtigen“, sagt Awi-Experte Wolfgang Dierking. Die Fläche des Meereises schwankt nämlich von Jahr zu Jahr erheblich. Mal ist es mehr, mal weniger – ähnlich wie in Deutschland der Sommer mal wärmer und mal kälter ausfällt. Der Langzeittrend zeigt jedoch eindeutig abnehmende Eisschichten. Das legt nahe, dass die Klimaerwärmung eine entscheidende Rolle spielt. Ob sich deshalb schon in wenigen Jahren sommers auf dem gesamten Nordpolarmeer kein Eis mehr finden wird oder ob die Eisdecke erst in einem August in vielleicht achtzig Jahren vollständig verschwunden sein wird, wissen die Forscher nicht. Eines ist Dierking jedoch klar: „Wenn nicht bald etwas gegen den von Menschen verursachten Klimawandel getan wird, könnte es für das sommerliche Meereis zu spät sein.“

Die Auswirkungen wären enorm. So reflektiert Eis die Sonnenstrahlen viel stärker als Meerwasser. Fehlt das Eis, heizt die Sonne das Meer und damit auch das Weltklima viel stärker auf. Und auch die Meeresströmungen werden stark vom Eis beeinflusst. Frierendes Meerwasser scheidet gleichzeitig Salz aus, das sich direkt unter der sich neu bildenden Eisdecke konzentriert. Je salziger das Wasser ist, umso schwerer wird es. Ist dieser Prozess in bestimmten Regionen sehr stark, strömt das Wasser in tieferen Schichten nach Süden. Zum Ausgleich fließt an der Oberfläche des Nordatlantiks wärmeres Wasser nach Norden. Bildet sich weniger Eis, könnte dieser Prozess verändert werden.

Die schwindende Eisdecke macht auch Reeder neugierig. Zum ersten Mal können Schiffe die Nordwestpassage entlang der Küste Kanadas problemlos passieren. Das verkürzt die Fahrt für Schiffe von Japan oder China zu den Häfen der nordamerikanischen Atlantikküste oder nach Europa enorm – zumindest im Sommer.

Ohne Eis würde sich der Weg entlang des Nordpols von Rotterdam nach Tokio rentieren. Durch den Panamakanal fahren die Schiffe 23 300 Kilometer, durch den Suezkanal sind es 21 100 Kilometer, während die Nordwestpassage nur 15 900 Kilometer lang ist. Noch kürzer wird die Strecke von Tokio nach Rotterdam allerdings durch die Nordostpassage entlang der Küste Sibiriens. Sie beträgt nur mit 14 100 Kilometern. Doch in der Nordostpassage schmilzt auch im Sommer das Eis bisher nicht vollständig.

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