Armenien : Erinnern an das Leben vor der Katastrophe

Ein armenischer Freiheitskämpfer schreibt Geschichte: Forscherinnen an der FU erschließen historische Selbstzeugnisse aus verschiedenen Kulturen.

Michael Krause

Als der armenische Freiheitskämpfer Roupen 1944 im Pariser Exil begann, seine Memoiren zu publizieren, da war die Welt, die er beschrieb, längst verloren. Der Genozid an seinem Volk durch die jungtürkische Bewegung in den Jahren 1915 bis 1917, der viele Jahre dauernde bewaffnete Kampf als Freischärler für die armenische Unabhängigkeit und schließlich die Zerschlagung der ersten demokratischen Republik Armenien, in der Roupen Minister gewesen war: Hinter ihm lag die armenische Katastrophe, die er als einer von wenigen nur knapp überlebt hatte. Aller Widerstand hatte nichts genutzt.

Der Kampf Roupens und der anderen Fedayi, jener im osmanischen Reich gefürchteten armenischen Freischärler, war nicht zu gewinnen gewesen. Im europäischen Exil schließlich, als keine Aussicht mehr darauf bestand, dass die Weltgeschichte das Schicksal der Armenier noch einmal zur Kenntnis nehmen würde, begab sich Roupen in seinen letzten, vielleicht wichtigsten Kampf. Schreibend suchte er sich dem Vergessen des alten Armeniens und seiner Kultur entgegenzustellen.

Seine „Erinnerungen eines armenischen Revolutionärs“ wurden schon bald nach ihrer Publikation zur wichtigsten Quelle über das Leben der Armenier im späten osmanischen Reich. Die insgesamt sieben Bände, in denen Roupens „Erinnerungen“ erschienen sind, umfassen den Zeitraum von 1902 bis etwa 1920, erwähnen das Völkermordgeschehen allerdings kaum. Sie sind heute in weiten Teilen der armenischen Diaspora der zentrale Referenztext, um sich das Leben vor der Katastrophe zu vergegenwärtigen. Bis zuletzt, bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1951 hat er an seinen „Erinnerungen“ gearbeitet.

Roupen, der 1882 unter dem bürgerlichen Namen Minas Der-Minasian im russischen Reich geboren wurde, war während des Schreibens schmerzhaft bewusst, dass der Verlust mancher seiner Notizbücher nur unzureichend durch sein Gedächtnis kompensiert werden konnte. In einem unveröffentlichten Vorwort bekannte er: „Was ich hier sagen werde, ist lediglich deren Echo, gestützt auf Erinnerungen, verschwommen und halbfertig.“

Doch trotz des Zweifels an der Exaktheit aller Details sind autobiografische Texte wie seine „Erinnerungen“ für die historische Forschung von großem Wert. Besonders dann, wenn sie wie in diesem Fall, die einzigen detaillierten Beschreibungen einer Kultur und Epoche enthalten. Wie die Osmanologin Elke Hartmann von der Freien Universität erklärt, ist es dabei entscheidend, solche Quellen genau zu kontextualisieren. „Nur so können wir den Quellenwert von Selbstzeugnissen systematisch erhöhen.“ Sie hat die Erinnerungen Roupens zusammen mit der Frühe- Neuzeit-Historikerin Gabriele Jancke (Freie Universität) genau untersucht. In der FU-Forschergruppe „Selbstzeugnisse in transkultureller Perspektive“ haben sie dabei über mehrere Jahre ihr Fach- und Methodikwissen kombiniert, um Roupens „Erinnerungen“ für die aktuelle historische Forschung aufzuschließen.

In der Forschergruppe haben seit 2004 erstmals Historiker, Philologen und Ethnologen der FU sowie assoziierte nationale und internationale Forscher in großem Umfang ihr Fachwissen gebündelt, um Selbstzeugnisse systematisch zu erforschen. Im Verbund mit Arabisten, Islamwissenschaftlern, Japanologen und Turkologen wird seither an Selbstzeugnissen aus verschiedenen Kulturen und Epochen gearbeitet. Die Gruppe will das methodische und theoretische Instrumentarium zur historischen Forschung an Selbstzeugnissen weiterentwickeln.

In diesem Jahr endet die Förderung der Forschergruppe durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Daher lud das Team um die Gruppensprecherin Claudia Ulbrich kürzlich zu einer abschließenden internationalen Tagung an die FU.

Hartmann und Jancke zeigten an Roupens Memoiren, dass neuere Konzepte, die zuvor an nordeuropäischen Texten aus der Frühen Neuzeit entwickelt wurden, auch auf autobiografische Texte anderer Kulturen und Epochen übertragbar sind. Wesentliche Merkmale älterer Selbstzeugnisse sind auch an Roupens Autobiografie zu beobachten. Die „Erinnerungen“ sollen als Exempel für folgende Generationen dienen, der Text erfüllt die Funktion der Memoria für die Verstorbenen und die verlorene Kultur. Und er stellt eine Confessio dar: Immer wieder rechtfertigt sich Roupen implizit für sein eigenes Überleben im Angesicht der Katastrophe.

Was in Zukunft noch stärker gebraucht werde, sei „ein genauerer Blick sowohl für Kontextbezogenes als auch für Transferierbarkeiten“, sagt Gabriele Jahnke. Das gilt etwa für das von der Ethnologie beeinflusste Personenkonzept, mit dem die Selbstzeugnisforscher der FU-Gruppe arbeiten. Wie sich Autoren von Selbstzeugnissen in ihren Texten präsentieren, sei stark geprägt von den Normen, die zur Zeit des Schreibens herrschten, erklärt die Historikerin Claudia Ulbrich. Auch das Spannungsfeld von Autoren zwischen blindem Verhalten und bewusster Identitätsinszenierung müsse man genau rekonstruieren.

Am Leben des Freiheitskämpfers Roupen zeigt sich dies eindrücklich. Als der junge Mann aus gutem Elternhaus, der als Offiziersanwärter zum Studium nach Moskau geschickt wurde, mit der armenischen Unabhängigkeitsbewegung in Berührung kam, änderten sich seine Lebensumstände radikal. Er begann sich zunehmend dem einfachen Volk verbunden zu fühlen. Er ließ sein bürgerliches Leben hinter sich, wurde zum Freischärler – und unter seinem Nom de Guerre Roupen zum politischen Akteur.

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