Armenische und osmanische Quellen zum Genozid : Alltag vor dem Völkermord

Eine Berliner Historikerin rekonstruiert das kulturelle Erbe der Armenier im Osmanischen Reich - aus bislang unerschlossenen Originalquellen.

von
Mitten aus dem Leben. Das Bild einer armenischen Seidenspinnerei in Hussenig (Kharpert) um 1900 ist ein Beispiel des vielfältigen Alltagslebens, das auf www.houshamadyan.org dokumentiert wird.
Mitten aus dem Leben. Das Bild einer armenischen Seidenspinnerei in Hussenig (Kharpert) um 1900 ist ein Beispiel des vielfältigen...Foto: G. H. Aharonian (Hg.): Hussenig; Hairenik Publishing House, Boston, 1965

Vor dem Haus in der ruhigen Wallotstraße in Halensee, das das Forum Transregionale Studien beheimatet, steht ein Polizeiwagen. Die Moderatorin der Veranstaltung, die Turkistik-Professorin Kader Konuk von der Universität Duisburg-Essen, hat Drohungen erhalten, nachdem sie in einem literaturwissenschaftlichen Seminar den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich zum Thema gemacht hatte. Auch wenn der Abend in Berlin dann störungsfrei verläuft – die Polizei vor der Tür lieferte doch das deutlich sichtbare Zeichen, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem vor 100 Jahren verübten Genozid immer noch keineswegs selbstverständlich und ungefährlich ist.

Erschließung historischer Quellen erst am Anfang

Die öffentliche Debatte kreist seit Jahren um die Frage, welche Länder den Völkermord mittlerweile als solchen anerkannt haben und mit welchen Formulierungen Staatsoberhäupter die systematischen Deportationen, Massaker und Todesmärsche in den Jahren 1915 und 1916 beschreiben. Die Erschließung der historischen Quellen aber steckt noch in den Anfängen. Das zumindest sagt die Berliner Historikerin und Islamwissenschaftlerin Elke Shoghig Hartmann. Ihr Argument ist plausibel: Es gäbe zwar etliche Sachbücher und wissenschaftliche Publikationen zum Genozid an den Armeniern, aber die wenigsten Autoren berücksichtigen dabei die primären Originalquellen. Denn dazu seien sowohl armenische als auch osmanische Sprachkenntnisse nötig. Hartmann, die selbst armenische Wurzeln hat, liest beide Sprachen – als einzige Historikerin im deutschsprachigen Raum, wie sie sagt.

Auch in Armenien und in der Türkei gibt es nur eine Handvoll Wissenschaftler, die beide Quellsprachen beherrschen. Einer von ihnen ist der Kulturanthropologe Yektan Türkyilmaz, der derzeit Fellow am Forum Transregionale Studien in Berlin ist. „Die Texte der Missionare und Botschafter werden mehr gelesen und interpretiert als die Texte der armenischen Überlebenden“, sagt er. Dazu komme, dass die politische Debatte um Anerkennung oder Leugnung des Genozids die wissenschaftliche Arbeit seit Jahrzehnten hemmt und überschattet. Und wenn geforscht wird, würden oft unbewiesene Thesen verfolgt, etwa dass sich die jungtürkische Regierung im Zuge des Ersten Weltkriegs radikalisiert habe. „Dabei wissen wir nicht sehr viel über Radikalisierung, wir wissen kaum etwas über die Entscheidungsabläufe und wir wissen wenig über die jungtürkische Ideologie in Bezug auf die Armenier“, sagt Hartmann. Grundlagenforschung fehlt an allen Ecken und Enden.

Etliche Analysen armenischer Überlebender

An Quellenmaterial mangelt es eigentlich nicht. Schon unmittelbar nach den Ereignissen von 1915 und 1916 setzte eine hitzig geführte innerarmenische Debatte ein. „Man fragte, was war das für ein Ereignis, wie konnte es dazu kommen, wer ist verantwortlich“, erklärt Türkyilmaz. Etliche Analysen erschienen in den 1920er bis 1940er Jahren, geschrieben von armenischen Überlebenden, in denen auch die Rolle der eigenen Eliten kritisch reflektiert wurde. Doch bald wurde diese publizistische Debatte zurückgedrängt. Die Frage nach der politischen Anerkennung rückte in den Vordergrund. Ab den 1960er Jahren ging es vor allem darum, „Beweise“ für den Völkermord zu sammeln – um der Leugnungskampagne der Türkei etwas entgegensetzen zu können. „Die Narrative änderten sich“, sagt Türkyilmaz.

2 Kommentare

Neuester Kommentar