Arten : Aufdringliche Nachbarn

Manche eingeschleppte Art verursacht Millionenschäden – aber längst nicht alle.

Roland Knauer
298013_3_xio-fcmsimage-20090902201109-006004-4a9eb53d4c62c.heprodimagesfotos8712009090313314582.jpg
Neu hier. Waschbären leben erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Die meisten sind aus Pelztierfarmen ausgebüxt –...dpa-Zentralbild

Robinien in den Straßen Berlins, nordamerikanische Waschbären in Kassel und im Müritz-Nationalpark, Chile-Flamingos an der Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden oder südamerikanische Nandu-Straußenvögel auf den Rinderweiden von Mecklenburg-Vorpommern: Die Invasoren sind längst da. Und der von Biologen geprägte Begriff „invasive Art“ lässt nichts Gutes vermuten. Tier- und Pflanzenarten, die neu in einer Region ankommen und sich dort vermehren, können tatsächlich schädlich sein. „Das gilt aber nicht für alle Arten“, sagt Ingo Kowarik vom Institut für Ökologie der Technischen Universität Berlin (TU). „Viele eingewanderte Tiere und Pflanzen verhalten sich dagegen neutral, einige entpuppen sich sogar als nützlich“, sagt der Wissenschaftler, der gleichzeitig Landesbeauftragter für Naturschutz und Landschaftspflege in Berlin ist.

Den Einfluss invasiver Arten können Forscher also nur über „Einzelfall-Entscheidungen“ ermitteln. Genau diesen Weg verfolgte das EU-Projekt „Daisie“ (Delivering Alien Invasive Species Inventories for Europe). Dabei haben Forscher die ökologischen und ökonomischen Auswirkungen für mehr als 11 000 Mikroorganismen-, Pilz-, Pflanzen- und Tierarten erfasst, die zumindest in Teilen Europas fremd sind und dennoch dort leben.

Sie unterscheiden dabei zwischen verschiedenen Epochen. Als vor 6000 bis 9000 Jahren die ersten Bauern ihre Felder in dem bis dahin weitgehend bewaldeten Europa anlegten, lösten sie die erste Einwanderungswelle aus. Denn auf Äckern schwanken die Temperaturen zwischen Tag und Nacht stärker als im Wald, die freien Flächen trocknen schneller aus als der Waldboden. Wohl relativ rasch erreichten neue Pflanzen wie Kornblumen, Klatschmohn und Kamille damals Mitteleuropa, nachdem sie sich im Mittelmeerraum oder auf den Steppen Zentralasiens an solche harschen Bedingungen angepasst hatten. „Archäophyten werden diese Pflanzen genannt, die vor der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus neu nach Europa kamen“, sagt Marten Winter vom Umweltforschungszentrum (UFZ) in Halle. Nach 1492 eingetroffene Pflanzen heißen dagegen „Neophyten“.

Viele der Neuankömmlinge bleiben nicht lang. Tropische Arten zum Beispiel vertragen oftmals keinen Frost und überstehen so nicht einmal den ersten Winter. Bei Daisie wurden daher nur die Auswirkungen jener Arten auf die Umwelt untersucht, die sich etablieren. Besonders intensiv schauten die Forscher auf „invasive Arten“, die sich stark ausbreiten. Schon der erste Blick auf solche Daten zeigt einen gravierenden Unterschied zwischen Archäophyten und Neophyten: In rund 7000 Jahren Landwirtschaftsgeschichte bis zum Jahr 1492 etablierten sich 218 fremde Pflanzen auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Nach der Entdeckung Amerikas hingegen registrieren die UFZ-Forscher in nicht einmal einem Zehntel dieses Zeitraums mit 450 etablierten Neophyten erheblich mehr Neuankömmlinge. Seit regelmäßig Schiffe über die Ozeane fahren, hat sich die Einwanderung fremder Arten also massiv beschleunigt.

Dabei handelt es sich keinesfalls nur um blinde Passagiere. Vor allem bei Zier- und Nutzpflanzen gab es gezielte Importe. „2705 Pflanzenarten wachsen in Deutschland, 380 davon etablierten sich erst nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus“, sagt TU-Forscher Kowarik. Demnach ist jede siebte Pflanzenart hierzulande fremd. Rund die Hälfte davon entkam einst aus privaten und öffentlichen Gärten und Parks oder wurde von Förstern gepflanzt. Die andere Hälfte kam zum Beispiel als Samen, der an Fahrzeugen hing oder eingeführtes Saatgut verunreinigte.

Gezielt pflanzten Förster in der norddeutschen Tiefebene in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Beispiel die Spätblühende Traubenkirsche. In ihrer nordamerikanischen Heimat liefert der stattliche Baum auf guten Boden und bei hohen Niederschlägen hervorragendes Holz. In Europa aber wurde die Traubenkirsche dagegen meist auf kargen Sandböden gepflanzt, auf denen sie nur krüppelig wächst und kaum höher als zehn Meter wird. Auch wenn das Holz unverkäuflich ist, verbreitet sich die Pflanze doch gut. In manchen Wäldern wächst das Traubenkirschengestrüpp inzwischen als Unterholz so dicht, dass sich diese Forste kaum noch bewirtschaften lassen, die finanziellen Verluste sind enorm. „Obendrein fressen Damwild, Füchse und Marder die Früchte, verbreiten so die Traubenkirsche auch in wertvolle Heidelandschaften wie die Lüneburger Heide, so dass diese zu verbuschen drohen“, sagt Kowarik.

Die finanziellen Schäden durch solche Neophyten lassen sich meist nur grob schätzen, vor allem weil die Ökosysteme sehr komplex sind. „Die Datenlage ist sehr dünn“, sagt Ingolf Kühn vom UFZ. „Von 1347 Arten ist bekannt, dass sie wirtschaftliche Kosten verursachen. Doch meistens liegen nur stichprobenhafte Zahlen vor, die obendrein oft einige Jahre alt sind.“ Biologische Invasionen seien aber sehr dynamisch.

Etwas einfacher ist die Schätzung, wenn es konkrete Auswirkungen gibt, die allein von der eingewanderten Art hervorgerufen werden. So im Falle der aus Nordamerika stammenden Beifußblättrigen Ambrosie, die mittlerweile in vielen Gebieten Süddeutschlands sowie in Berlin und in der Lausitz wächst und bei Allergikern heftige Reaktionen auslöst. Bereits 2003 kalkulierte das Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau Gesundheitskosten von jährlich 32 Millionen Euro allein durch diese Pflanze.

Nur wenige eingewanderte Arten sind ausnahmslos schädlich. Als Anfang des 20. Jahrhunderts im Ballastwasser von Frachtschiffen aus dem Osten Chinas Larven der Wollhandkrabbe an die deutsche Küste verschleppt wurden, konnten sich diese bis zu 30 Zentimeter breiten Tiere in hiesigen Flüssen etablieren. Dort gefährden sie Deiche, in die sie ihre Wohnhöhlen graben, und treiben Fischer zur Weißglut, wenn sie Netze und Reusen zerschneiden, um an die darin gefangenen Fische zu kommen. Seit 1912 haben Wollhandkrabben in Deutschland zwischen 73 und 85 Millionen Euro Schaden angerichtet, haben die Forscher ausgerechnet. Allerdings gelten die Krabben in Chinarestaurants als Delikatesse. Zwischen 1993 und 2004 brachte daher der Export von Wollhandkrabben zwischen drei und fünf Millionen Euro in deutsche Kassen – zumindest ein kleiner Ausgleich für den entstandenen Schaden.

Weitaus dramatischer als in Europa ist die Situation in den USA. Dort scheinen 50 000 fremde Mikroorganismen-, Pilz-, Pflanzen- und Tierarten das Land zu überrennen und richten jedes Jahr Schäden in Höhe von 120 Milliarden Dollar in der Land-, Forst- und Fischwirtschaft an. Diese Zahlen von US-Wissenschaftlern kann Marten Winter vom UFZ zwar nicht nachrechnen, aber er bestätigt den Trend: Nordamerika muss mit viel mehr Eindringlingen fertig werden als Europa. Deshalb seien dort auch die Schäden deutlich größer.

Noch schlimmer ist die Situation auf Inseln wie Hawaii und Neuseeland, die vom Rest der Welt weitgehend isoliert waren, bevor die ersten Menschen dort landeten. Eingeschleppte Ratten oder bewusst mitgebrachte Haustiere wie Katzen und Ziegen rotteten auf solchen Inseln oft einen Großteil der meist einmaligen Arten aus.

Aber auch auf solchen Inseln sollte die Auswirkung der Neuankömmlinge genau untersucht werden. Heinke Jäger aus der Arbeitsgruppe von Ingo Kowarik hat das für den Chinarindenbaum getan, der aus den Anden Südamerikas stammt. Weil aus seiner Rinde das Malariamittel Chinin gewonnen wird, wurde der Baum auf vielen Inseln als wertvolle Arzneipflanze und Devisenbringer angebaut. Oft verbreiten sich die Bäume rasch in der Natur. Auf den früher baumlosen Hochebenen der Galapagos-Insel Santa Cruz etwa hat der Chinarindenbaum einen verheerenden Einfluss. Weil er viel Schatten erzeugt und gleichzeitig Wasser aus dem häufig auftretenden Nebel holt, wurden die Landstriche stark verändert und die einheimischen Pflanzen rapide zurückgedrängt.

Auch auf Hawaii breitet sich der Chinarindenbaum aus. Dort haben allerdings Förster Monokulturen aus Kiefern- und Eukalyptuswäldern angelegt, die der zusätzliche Neuankömmling jetzt kräftig durchwuchert. Während die Monokulturen die Artenvielfalt drastisch gesenkt haben, scheint der Chinarindenbaum die vorher verschwundenen Pflanzenarten wieder zurückzuholen. In den mit Chinarindenbäumen durchwachsenen Plantagen jedenfalls fanden die TU-Forscher etwa die dreifache Zahl von Arten wie in den reinen Plantagen. Da es sich dabei meist um Arten handelt, die nur auf Hawaii vorkommen, scheint der Chinarindenbaum in den Plantagenwäldern einen positiven Einfluss auf die Artenvielfalt zu haben.

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