Artenvielfalt : Gefahr für die Galapagos-Inseln

Der Evolutionsarchipel lieferte Darwin wichtige Anstöße. Heute regiert der Massentourismus.

Roland Knauer
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Laune der Natur. Warum die Blaufußtölpel blaue Füße haben, weiß niemand so genau. Vielleicht, um damit vor ihren Artgenossen...Foto: Roland Knauer

Reglos wärmt sich die Meerechse ein paar Meter vom Strand einer der Galapagos-Inseln entfernt auf einem schwarzen Lavafelsen in der Tropensonne. Auf einer Lichtung im Gestrüpp dahinter tanzt ein Paar Blaufußtölpel sein Balzritual. Die Galapagos-Seelöwen dösen am Strand und blicken kaum auf, als aus einem Boot eine Gruppe von Menschen durch das flache Wasser an Land geht. Furcht vor den Zweibeinern hat keines der Tiere. Tatsächlich sind die Menschen auch nur mit Kameras und Sonnenbrillen bewaffnet. Seit Charles Darwin im September und Oktober 1835 dort wichtige Anstöße für seine vor 150 Jahren veröffentlichte Evolutionstheorie fand, scheint sich an den paradiesischen Zuständen auf dem Archipel wenig geändert zu haben.

Dabei hätten die Meerechsen, Blaufußtölpel und Seelöwen durchaus Grund, die Menschen zu fürchten. Denn während sich zu Zeiten von Charles Darwin abgesehen von einigen Seeräubern nur sehr wenige Menschen auf den Archipel rund tausend Kilometer vor der Pazifikküste Südamerikas verirrten, folgen heute jedes Jahr mehr als hunderttausend Naturreisende den Spuren des Vaters der Evolutionstheorie. Dieser Tourismusboom aber könnte die Lebensgrundlagen der Arten zerstören, über deren Entstehung Charles Darwin berichtete. Aus diesem Grund hat die Weltkulturorganisation Unesco seit 2007 die zu Ecuador gehörenden Inseln auf die kurze Liste des gefährdeten Weltnaturerbes gesetzt.

Wie der Tourismus die Natur der Galapagos-Inseln gefährdet, weiß Christof Schenck. Der Biologe ist Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), die wiederum die Charles-Darwin-Stiftung auf den „Verzauberten Inseln“ massiv unterstützt. Diesen Namen hatte der Archipel ursprünglich erhalten, weil er fernab der üblichen Schiffsrouten lag und aufgrund starker Strömungen schwer zu erreichen war. „Diese Unzugänglichkeit war einer der Gründe, weshalb Darwin dort eine Natur praktisch im Urzustand vorfand“, erklärt Schenck. Der Archipel blieb dünn besiedelt, noch heute leben auf den Inseln, die mit 8000 Quadratkilometern immerhin die Hälfte der Fläche Schleswig-Holsteins haben, gerade einmal 30 000 Menschen.

Während auf praktisch allen anderen besiedelten Inseln im Pazifik zwischen Hawaii und Neuseeland sehr viele der einheimischen Arten längst ausgerottet sind, haben rund 95 Prozent der ursprünglichen Spezies auf Galapagos bis heute überlebt. Wohl auch deshalb nennen viele Naturschützer das Archipel „Arche Noah im Pazifik“. Zum 100. Geburtstag der Evolutionstheorie spendierte die Regierung Ecuadors daher den Inseln 1959 einen Nationalpark, der seit 1968 mit 97 Prozent der Landflächen einen umfassenden Schutz bietet.

Gerade auf kleineren Inseln aber liegen die Lebensgrundlagen vieler Arten nicht an Land, sondern im Meer. Die Galapagos-Meerechsen wärmen sich vor allem deshalb auf den Lavafelsen in der Tropensonne, um anschließend im mit rund 20 Grad Celsius erstaunlich kühlen Wasser die Algenteppiche abzuweiden. Auch die Blaufußtölpel und Seelöwen jagen wie viele andere Arten des Archipels ebenfalls im Meer, das vor Leben überzuquellen scheint. Um auch diese Lebensgrundlagen zu schützen, richtete die Regierung 1996 zwischen den Inseln ein riesiges Meeresreservat ein.

Dieser Schutz kam gerade rechtzeitig, längst hatten Fischer die Gewässer entdeckt. In wenigen Jahren explodierte die Fangflotte von ein paar Dutzend einheimischen Booten auf mehr als 800, bald war das Meer überfischt und die Nahrungsgrundlage des Galapagos-Archipels drohte wegzubrechen.

Einige Fischer ließen sich auch durch eine Quotenregelung im neuen Reservat nicht vom illegalen Fang abhalten. Zehn Jahre tobte ein Kampf, bei dem Mitarbeiter des Nationalparks und der Charles-Darwin-Stiftung als Geiseln genommen und schwer verletzt wurden. Am Ende siegte der Rechtsstaat.

„Wir haben in dieser Zeit den Tourismusboom weitgehend übersehen“, erinnert sich der Biologe Schenck. Für Naturbegeisterte waren die Galapagos-Inseln schon lange ein Traumziel. Dort konnten sie exotische Tiere hautnah beobachten, weil diese kaum Scheu vor Menschen kennen. Gleichzeitig lockte der Archipel als Meilenstein der Wissenschaftsgeschichte, dort konnte man noch den gleichen Tieren begegnen, die Charles Darwin zu seiner Evolutionstheorie anregten. Zählten die Behörden 1990 noch 40 000 Touristen auf den Galapagos-Inseln, waren es 2006 bereits 145 000.

Die Zunahme schürt die Sorge um „Darwins Erbe“. Nicht etwa, weil die Touristenmassen die seltenen Tiere tot trampeln oder direkt belästigen würden. Im Nationalpark müssen die Besucher auf zugelassenen Wegen bleiben und beeinträchtigen die Natur so nicht übermäßig. Das Problem sind vielmehr die Bedürfnisse der Touristen: „Die meisten Nahrungsmittel, jede Flasche Bier, Sonnencreme oder Toilettenpapier müssen vom Festland auf die Inseln gebracht werden“, sagt Schenck.

Gleichzeitig lockt der Boom Ecuadorianer vom Festland auf die Inseln. Längst sind die Galapagos-Inseln die reichste Provinz des Landes. Mehr als 400 Millionen US-Dollar Umsatz bringt der Tourismus jedes Jahr. Damit boomt der Verkehr zwischen dem Festland und den Inseln.

Mit jedem Versorgungsschiff und jedem Passagierflug wächst die Umweltverschmutzung. 2001 sank der Tanker Jessica mit 900 Tonnen Benzin, 600 Tonnen Diesel und 300 Tonnen Schweröl zwischen den Inseln und verursachte eine Ölpest, der ungezählte Tiere zum Opfer fielen. Als Konsequenz aus der Katastrophe soll das Archipel langfristig komplett auf nachhaltige Energiequellen umstellen, inzwischen liefern zum Beispiel die ersten Windräder Strom.

Die größte Transportgefahr aber bleibt ungelöst: Jedes Frachtschiff und jedes Flugzeug kann blinde Passagiere in Form von Organismen an Bord haben, die nicht auf die Inseln gehören. Das können Samen sein, die auf den Inseln keimen, oder Insekten und kleine Reptilien, die unbemerkt zum Beispiel in der Kabinenverkleidung reisen. Solche Neuankömmlinge können auf isolierten Inseln die Natur umkrempeln und dabei die einheimischen Arten verschwinden lassen.

Während auf dem Archipel gerade einmal 500 einheimische Pflanzenarten zu Hause sind, hatten sich bis zur Jahrtausendwende bereits 748 fremde Pflanzenspezies etabliert. Die Neuankömmlinge verdrängen oft die Alteingesessenen.

Damit verschwindet unter Umständen eine Pflanze, auf die eine Tierart als Nahrung angewiesen ist. So frisst der bis zu 150 Zentimeter lange Landleguan meist die Sprossen und Blüten der auf vielen Inseln wachsenden Opuntien.

Zwei Maßnahmen können helfen. Zum einen müssen potenzielle Eindringlinge ferngehalten werden. Länder mit ähnlichen Problemen wie Neuseeland gehen diesen Weg: Dort werden die Schuhe von Einreisenden pingelig genau auf Sauberkeit untersucht, damit nicht etwa Erdbrocken mit fremden Arten via Profilsohle unbemerkt ins Land kommen.

Alle Eindringlinge aber kann man so kaum erwischen. „Daher sollten die Galapagos-Inseln eher auf hochpreisigen Qualitätstourismus setzen“, sagt Christof Schenck. So bringen viel weniger Touristen die gleichen Dollarmengen wie beim billigeren Massentourismus. Weniger Reisende bedeuten weniger Flüge und weniger Versorgungsfahrten. Damit sinken die Chancen der blinden Passagiere und der „Schaukasten der Evolution“ könnte fast so erhalten bleiben, wie Charles Darwin ihn 1835 kennenlernte.

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