Arzneimittel-Forschung : Chaos im Körper

Viele Medikamente vertragen sich nicht – vor allem bei älteren Menschen kann das schwerwiegende Folgen haben.

Rosemarie Stein

„Viel hilft viel“, meinen manche Patienten und auch Ärzte. Vor allem Ältere und Alte, die mehrere Krankheiten zugleich haben, werden manchmal mit einer solchen Menge an Tabletten, Salben und Spritzen traktiert, dass nach Meinung von Arzneimittelexperten der Schaden den Nutzen übertreffen kann. Insbesondere dann, wenn sie zu mehreren Ärzten gehen, von denen der eine nicht weiß, was der andere verordnet hat. Und nicht selten nehmen gerade die Älteren noch auf eigene Faust Mittel, die laut Werbung Wunder wirken sollen. Alles zusammen kann zu Chaos im Körper führen.

„Weniger ist mehr“, sagen die Experten und raten, das Wichtigste unbedingt zu nehmen und das Unwichtigere wegzulassen. Denn weil die vielen verschiedenen Mittel sich häufig nicht vertragen, werden oftmals nicht die Wirkungen verbessert, sondern die Nebenwirkungen verstärkt. Besonders intensiv hat dieses Problem die Wuppertaler Arzneitherapie-Spezialistin Petra Thürmann erforscht, und zwar in einem Forschungsvorhaben mit dem schönen Namen „Priscus“ (lat. „altehrwürdig“), das eine bessere Versorgung mehrfach kranker alter Menschen zum Ziel hat.

Von mehr als drei viertel aller schädlichen Arzneinebenwirkungen sind über Siebzigjährige betroffen, und ein Drittel dieser Schäden entsteht durch Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Substanzen, teilte die Klinische Pharmakologin vor kurzem auf dem 57. Ärztekongress in der Charité mit.

Auch einzeln wirken viele Medikamente auf den alternden Organismus mit seinem veränderten Stoffwechsel anders. Wenn zum Beispiel die Funktion der Leber oder der Nieren eingeschränkt ist, werden bestimmte Substanzen langsamer abgebaut und ausgeschieden. Dadurch sammeln sie sich im Körper an, sind also relativ überdosiert. Bei fünf Prozent der Patienten, die in internistischen Kliniken eingeliefert werden, stellen sich ihre Beschwerden als Arzneimittelnebenwirkungen heraus.

An der Spitze der eine Klinikeinweisung verursachenden Medikamente steht der Gerinnungshemmer Phenprocoumon (bekanntestes Präparat: Marcumar) wegen innerer Blutungen, gefolgt von Insulin, Insulin-Analoga und Diabetesmitteln in Tablettenform; ferner Digitalis, Diuretika, Betablocker und die große Gruppe der (nichtsteroidalen) Schmerz- und Rheumamittel, von denen einige im Alter besonders häufig Magenbluten auslösen können.

Zur Vorsicht rät Petra Thürmann aber auch im Umgang mit allen Substanzen, die bei Älteren die Gefahr eines Sturzes verstärken, wie vor allem Beruhigungsmittel und andere Psychopharmaka (zum Beispiel Antidepressiva, Neuroleptika, Benzodiazepine). Besonders in Pflegeheimen würden sie oft falsch angewandt. Auch andere Substanzen wie etwa Anticholinergica (etwa Atropin) können im Alter Schläfrigkeit, Schwindel, Verwirrtheit und Abbau der Hirnleistung verursachen und damit einen Sturz mit der gefürchteten Folge einer Hüftfraktur herbeiführen.

Nun darf man nicht etwa vor Angst gleich alle Medikamente selbstständig absetzen und sich damit am meisten gefährden. Vielmehr ist eine umsichtige Auswahl des wirklich Notwendigen und am besten Verträglichen zusammen mit dem Arzt notwendig. Listen der Arzneimittel, deren Risiken bei Älteren den Nutzen übertreffen oder die bei ihnen anders zu dosieren sind, wurden in verschiedenen Ländern zusammengestellt, zuerst die Beers-Liste in den USA.

Solche Verzeichnisse sind nicht einfach auf Deutschland übertragbar, sagte die Wuppertaler Expertin: Weil viele Medikamente gar nicht bei uns auf dem Markt sind, weil die Ärzte je nach Nation verschiedene Verschreibungsgewohnheiten haben und die Behandlungsleitlinien voneinander abweichen. Im Priscus-Forschungsvorhaben wurde nun auch eine deutsche Liste erarbeitet, deren Grundzüge in Berlin vorgestellt wurden. Sie ist noch nicht veröffentlicht, wird in der Fachpresse erscheinen und soll bis Jahresende ins Internet gestellt werden.

25 Experten verschiedener Fachgebiete, befragt nach der Delphi-Methode, einigten sich auf 83 Arzneisubstanzen, die Ältere nur ausnahmsweise oder unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen erhalten sollten. Als Beispiele nannte Petra Thürmann einige besonders riskante Vertreter jener Gruppe von Schmerz- und Rheumamitteln, die gerade im Alter oft schwere Nebenwirkungen haben, auch wenn die Werbung beispielsweise für die Cox-2-Hemmer anderes behauptet. Indometazin und Acemetazin, Ketoprofen, Meloxicam, Prioxipam und Etoricoxib sollten lieber durch besser verträgliche Mittel wie Ibuprofen und Diclofenac ersetzt werden, riet sie.

Als Patient kann man selbst viel dazu beitragen, Arzneimittelschäden zu vermeiden. Vor anderthalb Jahren rief das Bundesgesundheitsministerium einen „Aktionsplan Arzneimitteltherapiesicherheit“ ins Leben. Die Koordination der 49 Einzelmaßnahmen liegt bei der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, in deren Vortragsreihe auf dem Ärztekongress Petra Thürmann sprach. Auch Projekte der Versorgungsforschung gehören zu diesem Plan, in dessen Zentrum die Frage steht, wie sich die häufigen Fehler bei der Arzneimittelbehandlung vermeiden lassen.

Vorrangiges Ziel ist die bessere Information nicht nur der Ärzte, sondern auch der Patienten.

Um sie auf die Probleme aufmerksam zu machen, verfasste das Ministerium zusammen mit Ärzte-, Apotheker- und auch Patientenvertretern „Tipps für eine sichere Arzneimitteltherapie“ (Im Internet unter www.ap-amts.de). Die wichtigsten Ratschläge: eine sorgfältig geführte Liste aller zurzeit angewandten Medikamente bei jedem Arztbesuch vorlegen; die Anwendungshinweise genau beachten; bei unter der Therapie auftretenden neuen Beschwerden den Arzt oder Apotheker informieren (es könnte ja eine Neben- oder Wechselwirkung dahinter stecken); offene Fragen mit dem Arzt besprechen.

Buchtipp: „Handbuch Medikamente“ der Stiftung Warentest, Sonderausgabe 2009. 1359 Seiten, 25 Euro.

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