Arzneimittelforschung : Pillen gegen Alkoholsucht

Können Medikamente Trinkern aus der Abhängigkeit helfen? Eine Studie bezweifelt das.

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Sucht und Ordnung. Medikamente sollen Alkoholabhängigen helfen, den Drang zu trinken in den Griff zu bekommen. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/picture alliance / dpa
Sucht und Ordnung. Medikamente sollen Alkoholabhängigen helfen, den Drang zu trinken in den Griff zu bekommen.Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/picture alliance / dpa

Olivier Ameisen war ein erfolgreicher Herzspezialist. Nach mehreren akademischen Stationen, darunter der Cornell-Universität in New York, hatte der kernige und smarte Kardiologe sich in Manhattan niedergelassen. Hier holte ihn sein großes Problem ein. Ameisen war alkoholabhängig und musste seine Praxis aufgeben. Doch mit der ihm eigenen Energie und Hartnäckigkeit setzte er sich mit seiner Sucht auseinander und stieß auf den Wirkstoff Baclofen. Eigentlich ein Mittel zur Muskelentspannung, half ihm Baclofen, sein Verlangen nach Alkohol in den Griff zu bekommen.

„Das Ende meiner Sucht“ hieß der Titel von Ameisens 2009 auf Deutsch erschienenem Buch über seine Selbstbehandlung. Rastlos propagierte der Arzt sein „Heilmittel“ und hatte schließlich Erfolg. Heute wird Baclofen im Kampf gegen Alkoholismus erprobt, weit verbreitet ist es vor allem in Ameisens Heimat Frankreich. Das bleibt das Vermächtnis des Mediziners, der 2013 in Paris einem Herzinfarkt erlag – mit gerade einmal 60 Jahren.

"Kontrolliertes Trinken" - ein Wunschtraum

Alkoholismus ist eine gefährliche Sucht. Sie zerstört Geist und Körper, zerfrisst Familien, gefährdet die soziale Existenz und bringt auch andere in tödliche Gefahr, etwa im Straßenverkehr oder durch im Rausch verübte Gewalttaten. Vielen Abhängigen gelingt es nicht, abstinent zu werden. In dieser Situation können Medikamente wie Baclofen eine Hilfe sein. Sie erleichtern es, „trocken“ zu werden, oder mildern zumindest das Verlangen nach Alkohol – den „Saufdruck“. Ameisen sagte von sich, er könne wieder, wie vor seiner Sucht, ein Glas trinken und müsse dann nicht weitermachen. Das ist das „kontrollierte Trinken“, von dem viele Alkoholiker träumen, eine sehnsüchtige Erinnerung an jene Zeit, in der sie ihr Problem noch im Griff hatten.

Lange vor Baclofen verwendeten die Ärzte bei Süchtigen bereits Disulfiram (vermarktet als „Antabus“). Hat man zuvor Disulfiram eingenommen, so führt Alkoholkonsum zu sofortigen Katersymptomen wie Übelkeit, pochenden Kopfschmerzen, Herzrasen, Durst und Schweißausbrüchen.

Spätere „Anti-Alkohol-Pillen“ waren da sanfter. In Deutschland sind zur Alkoholismus-Behandlung Acamprosat („Campral“), Nalmefen („Selincro“) und Naltrexon („Adepend“) zugelassen. Ersteres dämpft den Appetit auf Wein und Bier, Letztere (als Gegenspieler körpereigener Opiate) das Hochgefühl nach Alkoholkonsum. Baclofen soll das Denken an Alkohol in den Hintergrund treten lassen und zudem Angstgefühle verringern. Und Topiramat und Gabapentin sind eigentlich Mittel gegen Krampfleiden (Epilepsie), beide können jedoch auch das Bedürfnis nach Alkoholischem schwächen.

Ganz oder gar nicht, sagen Abstinenzler

Die Aufzählung ist bei Weitem nicht vollständig. Eigentlich gibt es also ein gut bestücktes Regal mit Medikamenten gegen die Sucht. Unumstritten sind sie jedoch nicht. Kritik kommt etwa von Abstinenzverbänden, die überwiegend die reine Lehre des „Ganz-oder-gar-nicht“ vertreten. „Kontrolliertes Trinken“ kommt für sie nicht infrage, gilt als Selbstbetrug des Süchtigen. Auch Wissenschaftler bezweifeln die Therapieerfolge der Medikamente. Eine neue Analyse findet kaum Belege für echte Behandlungserfolge verbreiteter Anti-Sucht-Mittel mit dem Ziel des „kontrollierten Trinkens“.

Clément Palpacuer vom Clinical Investigation Centre in Rennes und sein Team werteten 32 Studien zu Nalmefen, Naltrexon, Acamprosat, Baclofen und Topiramat aus. Ergebnis der im Fachblatt „Addiction“ veröffentlichten Übersicht: keine stichhaltigen Belege dafür, dass die Medikamente helfen, den Alkoholkonsum zu reduzieren. Einige Untersuchungen deuten auf gewisse Erfolge hin, doch dies sind möglicherweise nicht wiederholbare Einzelerfolge. Hinweise auf gesundheitlichen Nutzen fanden sich nicht. „Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass diese Medikamente nicht wirken“, fasst der Studienleiter Palpacuer zusammen. „Wir wissen es ganz einfach nicht, daher brauchen wir bessere Studien.“

"Begrenzte Wirksamkeit" der Medikamente

„Die Ergebnisse bestätigen zum Teil meine Erfahrungen“, sagt der Suchtexperte Andreas Heinz von der Berliner Charité. „Medikamente sind beim kontrollierten Trinken nur begrenzt wirksam.“ Obwohl völlige Trockenheit am erstrebenswertesten sei, könne es auch schon ein Gewinn sein, weniger zu trinken – etwa, weil die körperlichen Schäden durch Alkohol dann geringer ausfallen. Heinz sieht zwischen „normal“ und „süchtig“ keine absolute Grenze. „Beim Süchtigen ist nicht etwa ein Schalter im Gehirn kaputt“, sagt er. „Es gibt einen allmählichen Übergang zur Sucht.“

Der Psychiater schätzt, dass es zehn bis 15 Prozent der Alkoholiker gelingt, nach einer Entwöhnungskur dauerhaft nüchtern zu bleiben. Zusätzliche Medikamente könnten jeweils weiteren zehn Prozent zur Abstinenz oder zu reduziertem Trinken verhelfen. Am Ende schafft es etwa jeder dritte der „reduziert Trinkenden“, dauerhaft weniger Alkohol zu konsumieren. Für Heinz ist klar, dass die Medikamente keine Wundermittel sind. Aber sie können helfen, den Weg zur Abstinenz oder zumindest zu weniger Alkoholkonsum zu ebnen.

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