Arzneitherapie : Wissen, welche Pillen man schluckt

Wie man die Arzneitherapie sicherer macht: Patienten sollten häufiger nachfragen – sonst passiert zu viel.

Rosemarie Stein

Einem gerade operierten jungen Patienten ging es in der Klinik immer schlechter. Keiner wusste, warum. Bis einer Krankenschwester der Geruch seines Atems nach Azeton auffiel. Er lag schon fast im Koma, denn er war zuckerkrank und hatte drei Tage lang sein Insulin nicht erhalten. Dass er Diabetiker war, diese Information war nicht dort angekommen, wohin sie gehörte. Der Mann konnte gerade noch gerettet werden.

Ein betagter Patient dagegen starb am vierten Tag in der Rehabilitationsklinik, in die er nach Hüftgelenkersatz direkt aus dem Akutkrankenhaus verlegt worden war. Es fehlte aber die Nachricht, dass er im Krankenhaus nach dem Eingriff einen Herzinfarkt erlitten hatte und lebenswichtige Medikamente brauchte.

Fälle von fehlender, aber auch überflüssiger oder falscher Behandlung mit Arzneimitteln kamen auf dem „Deutschen Kongress für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie“ zur Sprache. Er fand erstmals in Berlin statt. Zu den Veranstaltern gehörten die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und das Gesundheitsministerium.

Es ging darum, vermeidbare Schäden, die immer wieder bei der Behandlung mit Arzneimitteln vorkommen, zu verringern. Sie sind zu unterscheiden von den unvermeidlichen Nebenwirkungen, die Medikamenten eigen sein können – auch bei korrekter Anwendung. Die Sicherheit der Arzneimittel selbst zu erhöhen, ist Sache der Forschung. Die Arzneimitteltherapie zu verbessern, hingegen die aller Beteiligten, auch der Patienten selbst. Die Forschung, hier die Versorgungsforschung, kann nur den Weg weisen.

Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat zusammen mit Vertretern der Ärzte, Apotheker und auch der Patienten einen „Aktionsplan zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit in Deutschland“ entworfen und die Arzneimittelkommission mit der Koordination der verschiedenen Maßnahmen betraut. Einige Ergebnisse des ersten Aktionsplans (2008/09) stellte Walter Schwerdtfeger (BMG) auf dem Kongress vor. Zwei davon sind für (potenzielle) Patienten besonders wichtig. Das eine ist ein Merkblatt, mit „Tipps für eine sichere Arzneimitteltherapie“ (online unter www.ap-amts.de, oder beim Publikationsversand der Bundesregierung, Postfach 48 1009, 18132 Rostock, Telefon 01805 / 77 80 90).

Empfohlen wird zum Beispiel, eine Liste aller derzeit angewandten Mittel immer zum Arzt und in die Apotheke mitzubringen (schon um Wechselwirkungen oder Doppelverordnungen gleicher Substanzen mit verschiedenen Namen zu vermeiden). Umsichtige Ärzte geben ihren Patienten eine solche Liste als Computerausdruck oft selbst mit, aber es sollten auch die Medikamente eingetragen sein, die der Patient von sich aus anwendet.

Denn auch hochwirksame Arzneimittel werden aus der Rezeptpflicht entlassen, und viele halten sie für harmlos. Nach einer Apothekerstudie, über die Christiane Eickhoff vom Zentrum für Arzneimittelinformation und pharmazeutische Praxis in Berlin berichtete, führte die Selbstmedikation bei 17,6 Prozent der Patienten zu Problemen, weil die Mittel zum Beispiel ungeeignet oder falsch dosiert waren oder auch zu lange eingenommen wurden.

In dem ministeriellen Merkblatt wird den Patienten auch eingeschärft, die notwendigen Medikamente in der richtigen Dosierung und Häufigkeit und genauso lange wie verordnet einzunehmen. Vor allem sollen sie nachfragen, wenn eine Information unklar ist, denn eine falsche Anwendung kann böse Folgen haben. Als Beispiel wurde beim Kongress Methotrexat genannt, ein sehr eingreifendes Mittel gegen besonders schwere entzündliche rheumatische Krankheiten. Es darf nur einmal pro Woche genommen werden; Patienten sind aber gewohnt, ihre Mittel täglich zu nehmen, und viele taten es auch hier. So kam es zu gravierenden Schäden aus Informationsmangel. Manche Ärzte wissen gar nicht, dass sie rechtlich verpflichtet sind, ihre Patienten vor einer medikamentösen Therapie genauso wie vor einer operativen über Nutzen und Risiken aufzuklären, hieß es auf der Tagung.

Methotrexat gehört zu den Arzneimitteln, die zu Fehlbildungen des Kindes führen können, wenn die werdende Mutter sie einnimmt. Manche Schwangere nehmen vor lauter Angst selbst ihre lebenswichtigen Medikamente nicht mehr. Andere versäumen es zu verhüten, obgleich sie hochwirksame Aknemittel aus der Gruppe der Retinoide einnehmen, die das Ungeborene schädigen können.

„Es gibt gegen fast alle Krankheiten Mittel, die auch in der Schwangerschaft angewandt werden dürfen, was aber dem Beipackzettel nicht zu entnehmen ist“, sagte Christof Schaefer, Leiter des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryotoxikologie in Berlin, wo man sich persönlich beraten lassen kann. Dass Informationen über Arzneimittel in Schwangerschaft und Stillzeit im Netz zugänglich sind, ist nach Schwerdtfeger ein Resultat des ersten Aktionsplans.

Der von ihm vorgestellte zweite Aktionsplan (2010 bis 2012) zur Verbesserung der Arzneitherapiesicherheit soll die Voraussetzungen für die bestimmungsgemäße Anwendung von Medikamenten verbessern. Der erste Punkt betrifft die Sensibilisierung der Patienten für Risiken einer Arzneitherapie und für ihre Mitverantwortung, diese Risiken zu reduzieren. Helfen soll dabei ein zu entwickelnder Medikationsplan mit individualisierten Inhalten als Informationsquelle für alle Beteiligten.

Ebenfalls in die Hand bekommen sollen die Patienten künftig Merkblätter zu einzelnen Wirkstoffen mit hohem Anwendungsrisiko, wie Antikoagulanzien zur „Blutverdünnung“, etwa Marcumar. Denn der Informationsbedarf ist groß, und er wird im Arzt-Patienten-Gespräch oft nicht gedeckt. Das ermittelte Cornelia Mahler (Universität Heidelberg) in einer systematischen Befragung von fast 600 AOK-Versicherten, die meist ständig mehr als vier Mittel nehmen müssen.

Aber nur informierte, von der Notwendigkeit der verordneten Medikamente überzeugte Patienten nehmen sie zuverlässig ein. Chronisch Kranken, denen dauernd zu nehmende Mittel neu verordnet werden, riet die Heidelberger Versorgungsforscherin: „Lassen Sie sich gleich einen neuen Termin in zehn bis 14 Tagen geben und schreiben Sie alles auf, was Sie zu fragen haben!“ Sonst landen die wertvollen Arzneimittel nach der Lektüre des Beipackzettels oft ungenutzt im Müll.

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