Asteroiden : „Sie könnten eine ganze Stadt zerstören“

Asteroidenforscher Alan Harris über die Gefahr aus dem All und warum die Menschheit mehr kooperieren muss

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Asteroidenexperte Alan Harris Foto: privat
Asteroidenexperte Alan HarrisFoto: privat

Herr Harris, Sie leiten das Projekt „Neo-Shield“, das sich mit der Bedrohung durch Asteroiden befasst. Was haben Sie aus dem Jahrhundert-Ereignis in Tscheljabinsk gelernt?

Dass uns so etwas jederzeit wieder passieren kann. Denn das Objekt war so klein und seine Bahn so ungünstig, dass man es mit der verfügbaren Technik nicht vorher bemerken konnte. Theoretisch kann so etwas schon morgen wieder geschehen und wirklich zur Katastrophe werden. Wenn etwa das Objekt in einem anderen Winkel anfliegt oder ein bisschen robuster ist, dann explodiert es näher an der Oberfläche. Oder es schlägt wirklich ein und hinterlässt einen größeren Krater. Das könnte eine ganze Stadt zerstören.

Mit verbesserten Methoden sollen künftig mehr Objekte dieser Größe aufgespürt werden, die auf Kollisionskurs sind. Was, wenn Sie fündig werden? Schießen oder doch nur die Luft anhalten und hoffen?

Eher letzteres. Wenn wir gut sind, haben wir in dieser Größenklasse zwischen der Entdeckung und einer Kollision einige Wochen Zeit. Das ist zu wenig für eine Bahnablenkung, die bei größeren Asteroiden diskutiert wird. Aber man kann ausrechnen, in welcher Region das Objekt eintreffen wird und dort Katastrophenschutz betreiben: Evakuieren oder wenigstens die Leute aufrufen, vom Fenster wegzubleiben, damit Verletzungen wie in Tscheljabinsk vermieden werden. Rettungsdienste in Bereitschaft versetzen, Gasleitungen abschalten, solche Dinge.

Größere Asteroiden sind besser und damit früher erkennbar. Was tun, wenn einer auf uns zuhält?

Dann könnte man überlegen, wie man den Asteroiden vom Kurs abbringen kann. Das kann eine Raumsonde sein, die in das Objekt einschlägt und ihm so einen Impuls gibt, vielleicht auch unterstützt durch einen atomaren Sprengsatz. Oder eine schwere Raumsonde fliegt möglichst lange neben dem Objekt und zieht es gewissermaßen aus der Bahn. Aber all diese Ideen sind noch nicht getestet, da ist noch viel Forschungsarbeit nötig. Ich denke, dass man eine solche Mission auch erst ab einer Asteroidengröße von vielleicht 100 Metern und entsprechend hoher Einschlagswahrscheinlichkeit angehen wird. Schließlich muss man die Politik überzeugen, das Geld dafür zu geben.

Eine aktive Asteroidenabwehr ist nur in internationaler Kooperation möglich. Glauben Sie, dass sich die Weltgemeinschaft wirklich zusammenraufen würde, wo sie sich doch schon bei irdischen Problemen nicht einigen kann?

Das ist vielleicht die größte Unsicherheit dabei. Die USA, Europa und Russland arbeiten in der Raumfahrt gut zusammen. Aber was, wenn etwa Indien oder China sagt: Wir haben ein anderes Konzept. Dann droht Chaos. Wir brauchen ein internationales Gremium, das das Heft in die Hand nimmt.

Es gibt ja Bestrebungen, das unter dem Dach der Vereinten Nationen zu tun.

Ja, und Tscheljabinsk hat uns auch etwas geholfen, dass es vorangeht. Es soll ein internationales Netzwerk für frühzeitige Warnungen etabliert werden und ein Expertenteam, das mögliche Gegenmaßnahmen bewertet und koordiniert. Der Wille ist da, das Geld aber noch nicht.

- Alan Harris ist Asteroidenexperte am Berliner Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt. Mit ihm sprach Ralf Nestler.

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