Atlantik : Kein Eisen fürs Meer

Umweltschützer haben ein Forschungsprojekt zur Algendüngung mit Eisen gestoppt. Dabei ist die künstliche Düngung geringer als die natürliche.

Ralf Nestler

Es ist nicht das erste Experiment dieser Art, doch dieses Mal schlagen die Wellen besonders hoch: Ein deutsch-indisches Forscherteam will sechs Tonnen Eisenpulver in den Südatlantik schütten und damit eine Algenblüte auslösen. Für ihr Wachstum nehmen die Einzeller große Mengen Kohlendioxid (CO2) auf. Noch hält das Schiff „Polarstern“ Kurs auf das 300 Quadratkilometer große Versuchsgebiet, doch die Eisendüngung hat das am Projekt beteiligte Bundesforschungsministerium (BMBF) vorerst untersagt.

Grund dafür ist der Protest von Umweltschützern, wie etwa dem „Aktionsbündnis Nordsee“. Sie glauben nicht, dass die Forscher nur herausfinden wollen, wie der Kohlenstoffkreislauf im Ozean funktioniert. Stattdessen forcierten die Wissenschaftler eine Idee, wonach die Eisendüngung die Aufnahmefähigkeit von CO2 im Meer erhöht und somit das Treibhausgas der Atmosphäre entzieht. Es sei ein größenwahnsinniger Plan, der vom Interesse an einer billigen Lösung des weltweiten CO2-Problems geleitet sei.

Die Umweltschützer verweisen auf die Beschlüsse der Biodiversitätskonferenz im vergangenen Jahr, wo sich die 191 beteiligten Staaten einigten, „Aktivitäten zur künstlichen Düngung von Meeresgebieten mit dem Ziel der CO2-Bindung zu unterlassen.“ Diese Sorgen teilten sie dem Bundesumweltministerium mit, das widerum das Forschungsministerium aufforderte, das Vorhaben zu stoppen. Das ist nun geschehen. Nach mehr als einem Jahr Vorbereitung und einer Woche, die die Polarstern bereits auf See ist – wobei jeder Tag auf dem Schiff allein 50 000 Euro Betriebskosten verursacht.

„Ich verstehe das und bin vom BMBF nicht enttäuscht“, sagt Ulrich Bathmann vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, das den deutschen Anteil an dem Projekt leistet. „Die müssen so reagieren.“ Wenn es seitens des Umweltministeriums Bedenken gebe, müssten diese ernst genommen werden – und eben auch das Experiment ausgesetzt werden.

„Sehr wohl haben wir im Vorfeld mögliche Auswirkungen auf das Meeresgebiet untersucht“, sagt der Wissenschaftler. „Wir konnten aber keine negativen Auswirkungen auf das Ökosystem feststellen.“ Außerdem werde die künstliche Planktonblüte weitaus kleiner sein als in den Bereichen, die durch einen natürlichen Eiseneintrag gedüngt werden. Das geschieht durch schmelzende Eisberge, die während ihres Wachstums durch herangewehten Staub relativ große Mengen des Metalls aufgenommen haben.

Bei dem bereits fünften Projekt dieser Art in antarktischen Gewässern wollen die Forscher herausfinden, was aus den Planktonmassen wird, die infolge der Eisendüngung heranwachsen. Eine Hypothese besagt, dass die Einzeller zu Boden fallen und dort eine Art Kohlenstoffhalde bilden. Möglicherweise löst die Algenblüte auch eine Vermehrung des Krills aus, der Nahrungsgrundlage vieler Fische ist. Der Kohlenstoff würde somit in der Nahrungskette fixiert. „Während der der nächsten Wochen wird der Gehalt einzelner Elemente, Nährstoffe und die Anzahl mehrerer Tierarten erfasst“, sagt Bathmann. Das sei Grundlagenforschung. Ob das Verfahren künftig zur Reduktion des CO2-Gehalts in der Atmosphäre genutzt werde, sei noch völlig offen.

Das BMBF will nun zwei unabhängige Forschungsinstitute beauftragen, weitere Gutachten zur möglichen Gefährdung zu erstellen. Danach werde erneut entschieden. AWI-Forscher Bathmann ist zuversichtlich, dass auch die anderen Fachkollegen keine Einwände haben werden. Die Düngung solle ohnehin erst in zehn Tagen beginnen, so dass der Zeitplan durch die Unterbrechung noch nicht gefährdet sei. „An Bord werden die Vorbereitungen für die Versuche fortgesetzt.“

Und wenn es bei dem Stopp bleibt, das Eisen nicht über Bord gehen darf? „Auf der Polarstern sind 48 kreative Wissenschaftler“, sagt Bathmann. „Die werden nicht unverrichteter Dinge zurückkehren, sondern andere wichtige Messungen im Ozean vornehmen.“ Ralf Nestler

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