Atomenergie : „Der Ausstieg aus dem Ausstieg ist nötig“

Physiker-Präsident Eberhard Umbach: Zum Erreichen der Klimaziele brauchen wir die Kernenergie.

Atomkraftwerk
Klimafreundlich. Kernenergie erzeugt Strom, ohne dass dabei Kohlendioxid entsteht. -Foto: ddp

Weltweit mehren sich die Anzeichen für eine Rückkehr der Kernenergie. Sollte Deutschland auf dem Ausstieg beharren?

Wir haben uns vorgenommen, den Klimawandel zu verlangsamen. Das wird nur gelingen, wenn wir die erneuerbaren Energien ausbauen. Allerdings werden wir dieses Ziel mit Sicherheit verfehlen, wenn wir die Kernkraftwerke vorzeitig ausschalten, bevor sie entsprechend ihrer technisch sinnvollen Laufzeit ihren Dienst getan haben. Es wäre wichtig, nun den Ausstieg aus dem Ausstieg zu machen. Denn das frühzeitige Abschalten, so wie es im Koalitionsvertrag vorgesehen ist, ist wirtschaftlich, technisch und wissenschaftlich unsinnig und eine schlechte Entscheidung für die Zukunft.

Technisch und wissenschaftlich unsinnig?

Umweltminister Sigmar Gabriel möchte die klimaschädlichen Gase über eine Zeit von 30 Jahren, im Zeitraum von 1990 bis 2020, um insgesamt 40 Prozent verringern. Wenn wir uns anschauen, was wir in den letzten 16 Jahren geschafft haben, dann haben wir eine CO2-Reduzierung um 15 Prozent erreicht, davon etwa zehn Prozent in den ersten fünf Jahren nach der Wende. Im Klartext heißt das: im Osten Deutschlands wurden Fabriken geschlossen. Seitdem stagniert die CO2-Abnahme nahezu. Es könnte sogar sein, dass der Ausstoß an CO2 wieder zunimmt – durch den Kernenergieausstieg. Denn zu glauben, wir könnten die Stromlücke, die beim Ausstieg entsteht, allein mit erneuerbaren Energien stopfen, ist nicht haltbar.

Warum nicht?

Wenn wir auf die Kernenergie verzichten, müssen im Wesentlichen fossile Energieträger einspringen. Das bedeutet einen zusätzlichen CO2-Ausstoß von 120 Millionen Tonnen im Jahr, die wir realistisch nicht durch Energieeinsparung und erneuerbare Energien vollständig verhindern können. Wir werden daher unsere Klimaziele weit verfehlen.

Eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt kommt zu einem anderen Ergebnis. Danach ist es möglich, bis zum Jahr 2050 ohne Mehrkosten drei Viertel der Stromerzeugung von fossilen auf regenerative Energiequellen umzustellen. Dafür muss die Energieeffizienz vervierfacht werden, durch Stromsparen und Wärmedämmung.

Hier werden Erwartungen geweckt, die durch Tatsachen und abschätzbare Entwicklungen nicht gedeckt sind. Die meisten Fachleute werden heftig widersprechen. Es würde dem Klimaschutz sehr helfen, wenn man mit mehr Realitätssinn diskutieren würde.

Die jüngsten Pannen in den Akw in Brunsbüttel und Krümmel haben das Vertrauen in die Kernenergie eher erschüttert.

Da sind vor allem Kommunikationspannen passiert. In jedem Kraftwerk gibt es technische Zwischenfälle, das ist unvermeidlich. Aber die Internationale Atomenergiebehörde hat die Vorfälle auf einer Skala von null bis sieben bei null eingestuft. Tschernobyl war Stufe sieben. Im Fall von Brunsbüttel und Krümmel heißt das: keine Gefahr im Zusammenhang mit dem Reaktor, also durch Freiwerden von Radioaktivität oder Ähnliches.

Ist das Personal noch ausreichend qualifiziert?

Ich glaube, dass unsere Kernkraftwerke mit die sichersten sind. Leider herrscht Nachwuchsmangel. Aber wir brauchen weiterhin Forschung zur nuklearen Sicherheit und Entsorgung. Diese Forschungszweige sind „gedeckelt“, tatsächlich werden sie abgebaut. Dabei müsste es eigentlich unser Anliegen sein, am Ball zu bleiben. Damit wir beim Thema Sicherheit unsere Interessen wahren können, auch gegenüber den Nachbarländern, wenn dort neue Kernkraftwerke entstehen. Und zum anderen kann es durchaus sein, dass sich in 20 Jahren der Wind dreht und neue Kernkraftwerke auch bei uns entstehen sollen. Es wäre eine Katastrophe, dann wieder bei null anfangen zu müssen. Wir sollten den Abstand nicht zu groß werden lassen.

Inzwischen ist von Kernkraftwerken der vierten Generation die Rede.

Wir haben Anlagen der zweiten Generation, alte Technologie. In Ordnung, aber man könnte wesentlich mehr rausholen. Kraftwerke der vierten Generation werden sicherer und effizienter sein.

Bleibt das Problem der Endlagerung.

Ich halte es für lösbar. Die Endlagerstätten sind sorgfältig untersucht, das Konzept liegt auf dem Tisch. Das Thema ist aber so ideologisiert und emotionalisiert, dass im Moment keine vernünftigen Entscheidungen zu treffen sind.

Gerade die Folgekosten durch die Endlagerung zeigen doch, dass Atomstrom gar nicht so billig ist wie behauptet.

Die Entwicklung der Kernenergie hat viel Geld gekostet. Die Endlagerung schlägt ebenfalls zu Buche. Aber selbst wenn man sie in den Strompreis einrechnen würde, wäre die Kernenergie immer noch günstig. Das ist doch der Hauptgrund, weshalb so viele Länder Kernkraftwerke bauen wollen! Im Übrigen: Auch die erneuerbaren Energien werden massiv subventioniert, etwa durch das Einspeisegesetz, das die Kosten über den Strompreis allen Verbrauchern zumutet.

Wie lange halten die Uranvorräte?

Zuerst wird uns das Erdöl ausgehen und kurz darauf das Erdgas. Man schätzt, dass es 50 bis 100 Jahre dauert, bis die Förderung sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt, nach heutigen Maßstäben. Die Kernenergie-Brennstoffe werden voraussichtlich weit mehr als 100 Jahre vorhalten. Am längsten hält die Kohle, abgesehen von den erneuerbaren Energien. Die Sonne brennt noch ein Weilchen.

Welches Potenzial haben erneuerbare Energien?

Fangen wir mit dem geringsten Beitrag an, der Fotovoltaik. Die Stromgewinnung aus Sonnenlicht wird zwar im Moment stark propagiert, aber keine große Rolle spielen. Die Herstellungskosten sind hoch, und man braucht große Flächen, um relativ wenig Strom zu ernten. Besser sieht es mit der Solarthermie aus, also der Wärmegewinnung aus Sonnenenergie. Da ist ein gewisses Potenzial vorhanden, vor allem in südlichen Ländern.

Deutschland ist das Land der Windräder.

Da gibt es ein wichtiges Potenzial, aber zumindest auf dem Festland stößt man hierzulande an die wirtschaftlichen Grenzen. Hinzu kommt, dass konventionelle Kraftwerke einspringen müssen, wenn Flaute herrscht.

Und nachwachsende Rohstoffe?

Pflanzen zur Energiegewinnung statt als Nahrungsmittel zu gebrauchen, finde ich eher problematisch. Weil das die Preise für Nahrungsmittel erhöht und in armen Ländern zu Knappheit führen kann. Heu, Stroh und Restholz bereiten da keine Probleme. Trotzdem gilt für alle erneuerbaren Energien zusammen, dass sie Grenzen haben. Das Rückgrat der Versorgung werden auch noch in den nächsten 50 Jahren fossile Energieträger darstellen.

Das Ende aller Energieprobleme verspricht der Fusionsreaktor.

Der Fusionsreaktor wird länger brauchen als ursprünglich geplant. Wenn die fossilen Brennstoffe anfangen auszugehen, so in gut 50 Jahren, wäre genau der richtige Zeitpunkt für diese Technik.

Was ist aus Ihrer Sicht die richtige Strategie, um dem Klimawandel zu begegnen?

Wir können heute nicht seriös vorhersagen, welche Bedingungen in 30 oder 50 Jahren herrschen. Deshalb müssen wir uns alle Wege offen halten, von der Fusionstechnik und Kernspaltung bis zur Fotovoltaik und Energieeinsparung.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

Eberhard Umbach (59)
leitet das Forschungszentrum Karlsruhe. Der Energieexperte ist Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft.

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