Attacken auf Kliniken : Mit WhatsApp gegen die Gräuel in Syrien

Die Weltgesundheitsorganisation nutzt das Social-Media-Netzwerk, um zu erfahren, wie oft Kliniken unter Beschuss geraten.

Edda Grabar
Kriegsverbrechen. So wie die Al-Quds-Klinik in Aleppo werden im Syrienkrieg offenbar gezielt Krankenhäuser angegriffen, belegen nun Daten der WHO. Foto: Reuters/Abdalrhman Ismail
Kriegsverbrechen. So wie die Al-Quds-Klinik in Aleppo werden im Syrienkrieg offenbar gezielt Krankenhäuser angegriffen, belegen...Foto: Abdalrhman Ismail/ REUTERS

Die Nachricht vom Giftgasangriff auf die syrische Stadt Chan Schaichun, etwa 100 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, ging Anfang April durch alle Medien. Weniger bekannt ist, dass kurz darauf auch das Krankenhaus der Stadt angegriffen wurde, noch während Ärzte und Rettungskräfte verzweifelt versuchten, das Chlorgas von den Opfern zu waschen.

Zwar verstoßen Angriffe auf Krankenhäuser, Gesundheits- oder andere zivile Einrichtungen gegen das Völkerrecht. Dennoch gehört es in Syrien offenbar zur Militärstrategie, gerade diese Institutionen unter Beschuss zu nehmen. Bereits im März 2016 sprach Amnesty International von vorsätzlichen und gezielten Angriffen auf sechs Krankenhäuser im Regierungsbezirk von Aleppo innerhalb von zwölf Wochen. Auch die Union of Medical Care and Relief Organizations (UOSSM) beklagt in einem Bericht systematische Angriffe auf Kliniken und medizinische Zentren. Danach wurden im Dezember 2016 alle 107 der von UOSSM untersuchten Krankenhäuser im Norden und Süden Syriens mindestens einmal, manche gar bis zu 25 Mal, direkt oder indirekt das Ziel von Luftangriffen.

Dokumentieren, was wirklich geschieht

Allerdings bilden diese Berichte nicht die ganze Wirklichkeit ab. Sie sind lokal begrenzt. Aussagen könnten durch die Erlebnisse verzerrt oder auch politisch motiviert sein. Eine systematische Übersicht mit standardisierten Abfragen über Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen fehlte bislang. Mit einer ungewöhnlichen Maßnahme versucht nun die Weltgesundheitsorganisation WHO diese Lücke zu schließen. Im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlichten sie die Daten, die systematisch in einer eigens eingerichteten WhatsApp-Gruppe von Gesundheitshelfern in Syrien erhoben wurden und in der die Betroffenen seit November 2015 selbst gesehene oder erlebte Angriffe gemeldet hatten.

Die physische Zentrale dieses Netzwerks sitzt im türkischen Gaziantep. Das dort ansässige Gesundheitszentrum der WHO koordiniert nicht nur die humanitären Aktivitäten der WHO, der Vereinten Nationen und etwa 50 unabhängiger Hilfsorganisationen in Syrien. Es unterstützt auch 352 Gesundheitseinrichtungen in zehn von 14 Regierungsbezirken Syriens. An der WhatsApp-Gruppe beteiligten sich 293 Institutionen oder Helfer und erhielten eine anonymisierte E-Mail-Adresse und einen persönlichen Verschlüsselungscode, mit denen sie ihre Nachrichten absenden konnten. „Es wurden jedoch niemals die Namen oder die Organisation genannt“, betont Alaa Abou Zeid, Koordinator des Projekts. Jeder Teilnehmer, der einen Angriff meldete, wurde in einem nächsten Schritt gebeten, einen anonymisierten und standardisierten Fragebogen so weit wie möglich zu beantworten. So wurde die Zahl der Toten, Verletzten, die Art der Hilfseinrichtung oder des Angriffs abgefragt. Wenn nur eine einzige Meldung einging, wurde zu benachbarten Organisationen Kontakt aufgenommen, um weitere Zeugen zu finden. Innerhalb von 24 Stunden wurden diese Informationen dann in Gaziantep ausgewertet, an die Partner der WHO weitergeleitet und mit Berichten von Nicht-Gesundheits-Organisationen wie etwa Menschenrechtsorganisationen oder nicht beteiligten Hilfsverbänden abgeglichen.

Hunderte von Opfern bei den Angriffen

Von den 402 bis Dezember 2016 insgesamt gemeldeten Angriffen konnten auf diese Weise 158 durch andere Quellen bestätigt werden. Von den Attacken waren die Hälfte aller in Rebellengebieten liegenden Krankenhäuser betroffen. Ein Drittel wurde mehr als einmal, sechs von ihnen zwischen fünf und 16 Mal bombardiert. 437 Menschen wurden dabei verletzt, 157 getötet, ein Viertel davon Ärzte oder andere Helfer. In 28 Fällen mussten medizinische Einrichtungen komplett geschlossen werden, meist nach Luftangriffen aber auch nach Einsatz von Bodentruppen, wenn ein bestimmtes Gebiet übernommen werden sollte. „Wir bekommen nun täglich mit, was die Einsatzkräfte leisten, um ihre medizinischen Einrichtungen funktionstüchtig zu halten“, sagt Alaa Abou Zeid. Etwa indem die Kliniken auf verschiedene Orte verteilen werden, damit bei einem Angriff nicht alles zerstört wird, oder indem unter Tage gearbeitet wird.

Allerdings sind es nicht allein Zahlen über die vielen Angriffe, die Toten und Verletzten, die die WHO über das WhatsApp-Netzwerk erheben kann. Vielmehr legen die Daten die Schlussfolgerung nahe, dass trotz der Proteste von Organisationen wie der WHO und der UN die Angriffe auf Gesundheitszentren unbeeindruckt fortgeführt werden.

„Es ist der Verlust jeglicher Menschlichkeit“, sagt Otmar Kloiber, Generalsekretär des Weltärztebundes, der nicht an der Studie beteiligt war. „Es sind Angreifer, die jede Moral verloren haben.“ Kloiber appelliert an die internationale Gemeinschaft, die Verletzung der Genfer Konventionen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ahnden. Sonst werde das Sammeln solcher Daten zu einer zynischen Pflichtübung. Die Methode über WhatsApp-Gruppen Angriffe zu zählen, hält er für ein probates Mittel. „Wir können uns den Luxus nicht mehr leisten, nach zu hohen Verifizierungsstandards zu fragen, auch wenn wir immer im Auge behalten müssen, woher die Informationen kommen – denn auch Informationen können als Waffe eingesetzt werden.“

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