Auf den Gipfel : Berlins Unipräsidenten über den Elitewettbewerb

An der Exzellenzinitiative scheiden sich die Geister. Selbst Professoren siegreicher Universitäten hegen dem Wettbewerb gegenüber ambivalente Gefühle.

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Große Hoffnungen. Die Präsidenten Steinbach, Alt und Olbertz.Foto: B. Wannenmacher
Große Hoffnungen. Die Präsidenten Steinbach, Alt und Olbertz.Foto: B. Wannenmacher

Für „ganz fatal“ hält Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität, das vom Wissenschaftsrat und der DFG angestrebte Ziel, mit der Exzellenzinitiative innerhalb der einzelnen Universität und zwischen den Universitäten eine „Ausdifferenzierung“ zu erreichen, sagte Alt am Mittwochabend in Berlin. Im Vorfeld der nächsten Runde des Elitewettbewerbs hatten das Inforadio des RBB und die Technologiestiftung Berlin die drei Berliner Universitätspräsidenten zu einem „Gipfeltreffen“ in die Deutsche Kreditbank eingeladen.

„Eine Universität ist nur stark durch die Breite ihrer Fächer“, sagte Alt. Deshalb müsse die Freie Universität auch als „Exzellenzuniversität“ ihre Fächervielfalt bewahren und dürfe ihre innere Struktur nicht für alle Zeit den erfolgreichen Exzellenzprojekten unterordnen: „Große Themen haben ihre Zeit. Aber die Wissenschaft ist nun einmal dynamisch“, sagte Alt. Nicht umsonst seien DFG-Projekte immer befristet. Die von anderen Professoren beklagten „enormen Kollateralschäden“ des Wettbewerbs kann Alt allerdings nicht erkennen: „Für die Spitzenforschung können die neuen Kooperationen nur förderlich sein“, sagte er. Außerdem sei der wissenschaftliche Nachwuchs noch nie so gut gefördert worden wie dank des Exzellenzwettbewerbs.

„Das Risiko von Kollateralschäden ist da“, meint hingegen Jörg Steinbach, der Präsident der Technischen Universität. Es sei dafür zu sorgen, dass die „kleinen Pflanzen“ der Forschung einer Uni nicht von den erfolgreichen „großenTankern“ erdrückt würden. Denn wenn die großen Projekte ihre Aufgaben erledigt hätten, müssten die kleinen so weit herangewachsen sein, dass sie selbst die nächsten Großanträge stellen können. Steinbach wünscht sich auch einen Wettbewerb, der Risikoforschung jenseits der Pfade des Mainstreams belohnt.

Kritisch sieht er auch die Auswirkungen des Exzellenzwettbewerbs auf die Lehre. Die erfolgreichen Professoren beanspruchten eine Reduktion ihrer Lehrverpflichtung, wollten sich also ein Stück weit von ihren Studierenden zurückziehen. Er habe dem nur unter der Bedingung zugestimmt, dass sie einen Teil der verbleibenden Lehrverpflichtung im Bachelor absolvieren. Die Studierenden sollten schon früh mit bedeutenden Wissenschaftlern in Kontakt kommen. Bei Steinbach weckt es auch Befürchtungen, dass die Universitäten in ihren Exzellenz-Anträgen erklären müssen, die zunächst DFG-finanzierten Stellen später aus eigenen Mitteln zu verstetigen: „Das Land hat hier die Verpflichtung, sich zu engagieren“, sagte Steinbach. „Die Politik lässt uns schon manchmal im Stich beim Spagat zwischen Massenuni und Spitzenforschung.“

Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität, glaubt zwar, dass die Exzellenzinitiative der Wissenschaft „einen enormen Schub“ gebracht hat. Auch profitierten Absolventen erfolgreicher Hochschulen stark von deren gestiegener Reputation. Allerdings generiere die Initiative auch paradoxe Effekte wie einen „enormen Aufwand“ für Evaluationen und Verwaltung. Auch dürfe die Wissenschaft ihre Fragen nicht nur so stellen, dass sie tauglich für Drittmittel werden: „Die Wissenschaft wird Schaden erleiden, wenn sie sich nur noch ihren eigenen Förderrichtlinien unterordnet.“ Darum dürften Grundmittel für die Universitäten „kein Luxus“ sein.

Nachdenklich stimmt Olbertz auch, dass der Wettbewerb bundesweit deutliche Disparitäten zutage gefördert habe, zwischen Ost und West und Nord und Süd: „Es ist zu überlegen, ob das freie Spiel der Kräfte ausreicht, um die deutsche Wissenschaft zu gestalten“, sagte Olbertz. Sollte es eine dritte Runde des Wettbewerbs geben, müsse die Politik über ein kompensatorisches „Begleitprogramm“ nachdenken. Bis dahin verstärkt der Exzellenzwettbewerb die Asymmetrien zwischen den Hochschulregionen, hat Olbertz festgestellt: Die Humboldt-Universität habe bisweilen Schwierigkeiten, Abwerbungen ihrer Wissenschaftler nach Bayern zu verhindern, weil sie finanziell einfach nicht mithalten könne.

Ungeachtet mancher Bedenken rechnen sich die drei Unipräsidenten für ihre Hochschulen gute Chancen aus, wenn am 2. März in Bonn im zweiten Durchgang des Wettbewerbs über die Antragsskizzen für Graduiertenschulen, Cluster und Zukunftskonzepte entschieden wird. Der von den Gutachtern und dem Berliner Wissenschaftssenator gern gesehenen Kooperation zwischen den drei Berliner Universitäten scheint jedenfalls nichts mehr im Wege zu stehen. Die drei Präsidenten beteuerten, der Umgang miteinander laufe – anders als unter den Amtsvorgängern – bestens: „Es macht Spaß mit den beiden“, sagte Steinbach, was bei den etwa 100 Zuhörern im Saal erfreuten Applaus auslöste.

Das Inforadio 93,1 überträgt das Gespräch am Sonntag um 9.21 Uhr sowie um 14.24 und um 19. 24 Uhr.

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