Wissen : Aufrecht in den Bäumen

Roland Knauer

Noch während sie durch das Kronendach des Regenwaldes turnten, haben die Vorfahren des Menschen den aufrechten Gang gelernt. Das schreiben Susannah Thorpe (Universität Birmingham) und ihre Kollegen jetzt im Magazin „Science“, Band 316, S. 1328. Damit widersprechen sie der gängigen Lehrmeinung, wonach die Frühmenschen sich erst auf die Hinterbeine gestellt hätten, als ein Klimawandel den Regenwald im Osten Afrikas verschwinden ließ.

Als damals die Niederschläge knapper wurden und oft das Wasser nicht mehr für einen geschlossenen Wald reichte, entstand die noch heute für Ostafrika typische Savanne mit einzelnen Baumgruppen. Die Vorfahren des Menschen konnten jetzt nicht mehr ohne Weiteres von Baum zu Baum hüpfen, sondern mussten ihren Weg am Boden suchen.

Dass sie dort die Vorteile des aufrechten Ganges entdeckt haben sollen, leuchtet ein. Auf zwei Beinen hat man schließlich die Hände frei, um Beute, Früchte oder Nüsse bequem tragen zu können. Diese Theorie klingt einleuchtend, hat aber einen Haken: Wenn der aufrechte Gang in der Savanne so vorteilhaft ist, wieso sind dann nicht andere Tiere ebenfalls auf die gleiche Idee gekommen?

Weil der Übergang von vier auf zwei Beine beim Laufen gar nicht so einfach ist, lautet die Antwort. Schließlich sind dafür einige körperlichen Veränderungen nötig. So muss die Hüfte kräftiger, der Fuß großflächiger werden.

Solche Anpassungen fallen leichter, wenn schon die Vorfahren auf zwei Beinen durchs Geäst turnten. Genau das tun – so die Forscher – auch die Orang-Utans in Südostasien. Daher werden diese Menschenaffen auch „Waldmenschen“ genannt. Im Geäst hat das Stehen auf zwei Beinen einige Vorteile. Etwa dass der Orang-Utan die Hände frei hat, um nach Früchten greifen zu können.

Wichtiger aber scheint ein anderer Effekt. Der Gang auf schmalem Untergrund fällt viel leichter, wenn man oben mit den Händen einen Halt findet. Ein Kind balanciert zum Beispiel viel leichter über einen niedrigen Balken, wenn Vater oder Mutter ihm dabei die Hand reicht. Dem Orang-Utan geht es nicht viel anders, sagt Thorpe. Besonders dünne Äste mit weniger als vier Zentimetern Durchmesser schwanken unter dem Gewicht des Waldmenschen erheblich. Genau auf diesem schmalen Untergrund laufen die Orang-Utans am häufigsten aufrecht und suchen mit den Armen zusätzlichen Halt an noch dünneren Ästchen, die über dem Kopf wachsen.

Genau wie die Orang-Utans heute mit Hilfe ihrer langen Arme durch das Geäst balancieren, könnten die frühen Vorfahren des Menschen durch die Bäume des afrikanischen Regenwaldes geturnt sein. Andere Forscher haben denn auch bereits die Überreste von Vorfahren des Menschen entdeckt, die vor vier bis sieben Millionen Jahren aufrecht gingen, obwohl sie in einer waldreichen Gegend zu Hause waren. Diese Frühmenschen hatten noch die langen Arme, die Balancieren erleichtern und für den Orang-Utan typisch sind. Erst als das Klima später trockener und die Bäume seltener wurden, wichen die Frühmenschen auf den Boden aus und brauchten keine langen Arme zum Balancieren mehr. Roland Knauer

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