Wissen : Aufrechtes Kleinhirn

Die Vormenschen gingen schon vor sechs Millionen Jahren auf zwei Beinen. Das Gehirn wuchs erst später

Roland Knauer

Der aufrechte Gang auf zwei Beinen wurde von vielen Evolutionsforschern als der Schlüssel zur Menschwerdung betrachtet. Sobald sich ein Menschenaffe aufrichtet, hat er die Hände frei. Damit lässt sich die Beute festhalten, eine Frucht vom Baum pflücken oder ein Werkzeug herstellen. Wer aber Werkzeuge bastelt, braucht Grips. Daher führen manchen Evolutionsforscher das im Vergleich mit seinen Verwandten sehr große Gehirn des Menschen auf den aufrechten Gang zurück.

Dieser Zusammenhang wird nun durch eine aktuelle Studie infrage gestellt. Wie Brian Richmond (George-Washington-Universität, Washington D.C.) und William Jungers (Stony-Brook-Universität, US-Bundesstaat New York) jetzt im Journal „Science“ (Band 319, S. 1662) schreiben, bewegten sich Menschenaffen bereits vor sechs Millionen Jahren auf zwei Beinen durch Ostafrika. Das Gehirn der Frühmenschen begann aber erst vor rund 2,5 Millionen Jahren deutlich zu wachsen.

Bisher hatten Forscher angenommen, der zweibeinige Gang sei von einer Australopithecus genannten Menschengattung erfunden worden. Die ältesten Überreste dieser Gattung waren knapp vier Millionen Jahre alt und wurden ebenfalls im Osten Afrikas gefunden. Von Australopithecus sind einige Arten bekannt, die alle flott auf zwei Beinen unterwegs waren. Ihr Gehirn war kaum größer als das Denkorgan von Schimpansen und Bonobos. Auch die Paranthropus genannte Gattung, die vermutlich aus Australopithecus entstand und erst vor einer Million Jahren ausstarb, blieb bei der Gehirngröße von 0,4 bis 0,5 Litern.

Da hatte Homo rudolfensis, dessen älteste Knochen von Friedemann Schrenck (Forschungsinstitut Senckenberg, Frankfurt) 1991 in Malawi gefunden wurden, mit rund 0,75 Litern Gehirn schon deutlich mehr graue Zellen im Schädel. Bis zu den rund 1,3 Litern des Gehirns eines modernen Menschen ging es schrittweise weiter. Die Gattung Homo wiederum, als deren letzte Art der moderne Mensch Homo sapiens überlebte, stammt vermutlich von einer Australopithecus-Art ab.

Im Jahr 2000 fand nun ein Team um den britischen Vormenschenforscher Martin Pickford (College de France, Paris) im Westen Kenias die Überreste einer Orrorin tugenensis genannten Vormenschen-Art, die rund sechs Millionen Jahre alt ist. Dieser „Millenium-Mensch“ elektrisierte die Forscher in aller Welt, weil es so alte Fossilien aus der Verwandtschaft des Menschen und seiner unmittelbaren Vorfahren sonst kaum gibt.

Aber gehört Orrorin tugenensis wirklich in diese Verwandtschaft? Um diese Frage zu beantworten, müsste man die Überreste genauer analysieren, als es im Jahr 2000 geschah. Genau das haben Brian Richmond und William Jungers jetzt gemacht. Das Ergebnis ist eindeutig: Der Oberschenkel des Millenium-Menschen gehört zweifellos zu einem Lebewesen, das normalerweise auf zwei Beinen läuft. Dieser Knochen ähnelt obendrein stark dem Oberschenkel der Gattungen Australopithecus und Paranthropusk. Er hat aber weniger Gemeinsamkeiten mit den Beinen der Gattung Homo. Orrorin tugenensis dürfte daher zu den Vorfahren von Australopithecus-Vertretern mit ihren kleinen Gehirnen gehören. Wenn aber der zweibeinige Gang bereits vor sechs Millionen Jahren entwickelt war, das Gehirn sich aber erst 3,5 Millionen Jahre später zu vergrößern begann, dürfte zwischen beiden Ereignissen kaum ein direkter Zusammenhang bestehen. Roland Knauer

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