Augenkrankheiten : Antikörper gegen das Erblinden

In unserer älter werdenden Gesellschaft werden zukünftig auch mehr Menschen im Alter erblinden. Augenärzte wollen dagegen nun ein Krebsmedikament einsetzen.

Adelheid Müller-Lissner

„Das Auge funktioniert meist ein ganzes Leben lang gut“, sagt Norbert Pfeiffer, Direktor der Mainzer Universitäts-Augenklinik. Doch er schränkt gleich ein: „Ein Steinzeitleben lang.“ Jenseits der 60, in einem Alter, das unsere Vorfahren selten erreichten, melden sich der graue Star und der auch Glaukom genannte grüne Star – Augenleiden, die man heute jedoch recht erfolgreich behandeln kann.

Doch in unserer älter werdenden Gesellschaft werden in Zukunft auch mehr Menschen im Alter erblinden. Eine bedrückende Vorstellung. „Befragungen haben ergeben, dass die meisten Menschen mehr als die Hälfte ihrer restlichen Lebenszeit dafür geben würden, dass sie nicht ihr Augenlicht verlieren“, sagte Pfeiffer letzte Woche anlässlich des Augenärzte-Kongresses der deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG).

Dort war auch die häufigste Erblindungsursache Thema – die altersbedingte Makuladegeneration. Diese Augenkrankheit kann dazu führen, dass der Seheindruck im Zentrum des Gesichtsfeldes verschwindet. Wenn die Sinneszellen an dieser Stelle des schärfsten Sehens, der macula lutea (gelber Fleck), absterben, können die Betroffenen Gesichter nicht mehr erkennen und nicht mehr lesen.

Augenärzte unterscheiden zwei Formen der Makuladegeneration. Bei der „trockenen“ Form bilden sich stoffwechselbedingte Ablagerungen unter der Netzhaut. Später sterben lichtempfindliche Zellen ab, weil sie nicht mehr ausreichend ernährt werden. Bei der „feuchten“ Makuladegeneration bilden sich Gefäße neu, um den Abbau von Zellen zu kompensieren. Eine an sich einleuchtende Reaktion des Organismus, die in diesem Fall jedoch verheerend ist. Denn es kommt zu Schwellungen und damit zum weiteren Verlust von Nervenzellen. Die Neubildung von Blutgefäßen soll jetzt ein Mittel verhindern, das in ähnlicher Form schon in der Krebsbehandlung eingesetzt wird. Die gentechnisch hergestellten Fragmente von Antikörpern hemmen den Wachstumsfaktor, der die Neubildung der Blutgefäße bewirkt. Der Wirkstoff Ranibizumab mit dem Handelsnamen Lucentis wurde Anfang des Jahres bereits zugelassen, nachdem Studien ergeben hatten, dass sich die Makuladegeneration damit aufhalten lässt. Und „40 Prozent der Patienten konnten danach wieder lesen“, sagte Pfeiffer. Doch Lucentis ist mit fast 1525 Euro pro Injektion recht teuer, die Patienten müssen teilweise um die Kostenübernahme kämpfen. Und dabei gäbe es eine günstigere Alternative. Das chemisch eng verwandte Bevacizumab (Handelsname: Avastin), das vor allem bei Darmkrebs eingesetzt wird, wirkt auch gegen das Augenleiden – und zwar ähnlich gut wie Lucentis, wobei eine Injektion nur 70 Euro kostet. Grund zur Freude für Krankenkassen, Augenärzte und Patienten, sollte man meinen. Doch das Mittel kann bisher nicht eingesetzt werden, erläuterte Anselm Kampik, Direktor der Münchner Universitäts-Augenklinik. Denn Bevacizumab ist für die Behandlung der Makuladegeneration nicht zugelassen. Und die Herstellerfirma plant auch nicht, sich um eine solche Zulassung zu bemühen, für die große vergleichende Studien eingereicht werden müssten. Die bisherigen Erkenntnisse beruhen auf der weit weniger aussagekräftigen Auswertung von Fallserien. Sowohl das Augenmittel Lucentis als auch das Krebsmedikament Bevacizumab wurden in den Labors der US-Firma Genentech entwickelt, einer Tochter der Roche AG, die Bevacizumab in Deutschland vermarktet, während Novartis für Ranibizumab zuständig ist.

Weil die Pharmaindustrie mauert, will die DOG nun selbst eine Studie starten, in der Wirksamkeit und Sicherheit der Antikörperpräparate verglichen werden. Das Geld dafür müsste vom Bundesgesundheitsministerium oder von den Krankenkassen kommen – die im Unterschied zu den Firmen ein Interesse an der Studie haben. Bleibt die juristische Frage, wie es zur Zulassung des Medikaments kommen kann, wenn die Herstellerfirma sie nicht beantragt.

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