Aurora-Preis zur Förderung der Menschlichkeit : Einer für 750 000 Menschen

Der katholische Arzt und Missionar Tom Catena wurde für seinen Einsatz im Sudan mit dem Aurora-Preis geehrt

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Ohne den Einsatz von Tom Catena gäbe es in der Nuba-Region im Süden des Sudans keine ärztliche Versorgung.
Ohne den Einsatz von Tom Catena gäbe es in der Nuba-Region im Süden des Sudans keine ärztliche Versorgung.Foto: Aurora Prize for Awakening Humanity

Die Preisverleihung stand an. Tom Catena saß auf der großen Bühne des Kulturpalastes von Jerewan, in all dem Glitzer und Glamour der Show drumherum. Als er den „Aurora-Humanitarian-Award“ in den Händen hielt, sagte er zuerst: „Ich danke dem Komitee für den Anzug, den ich heute trage, denn ich besitze keinen!“ Das ist typisch Tom Catena, amerikanischer Arzt und Missionar aus Amsterdam, New York, – an sich denkt er zuletzt. Was er auf sich genommen hat, ist unglaublich. Tom Catena ist der einzige Arzt im 435-Betten-Krankenhaus in Gidel in der Provinz Süd-Kordofan im Süden des Sudan. Als der Bürgerkrieg begann, verließen seine Kollegen das Krankenhaus. Catena blieb. Seither ist er zuständig für die Bevölkerung in den Nuba-Bergen. Rund 750 000 Menschen wohnen dort.

Wenn die Flugzeuge der Regierung kommen und das Rebellengebiet bombardieren, suchen die Menschen Schutz unter Felsen und in Erdlöchern: „Auch ich fühlte mich wie ein Tier im Käfig“, sagte Catena bei der Preisverleihung in Jerewan. Hilflos musste er mitansehen, wie Menschen starben. Jenen, denen er helfen konnte, dankten ihm, oft auf berührende Weise. Das gebe ihm Kraft, weiterzumachen. „Die Menschen haben einen, der mit ihnen leidet, das hilft ihnen“, sagt er.

Tom Catena ist der zweite Empfänger des „Aurora Preises für gelebte Menschlichkeit“, der mit 100 000 Dollar dotiert ist und von der Aurora Humanitarian Initiative gestellt wird. Zu dieser Summe für das eigene Projekt erhält der Preisträger eine weitere Million US-Dollar für maximal drei Hilfsprojekte, um den Kreislauf des Helfens in Gang zu setzen. Aurora zeichnet die Helfer aus, die unter schwersten Bedingungen Leben retten und die mit der Million weiteren Organisationen ihrer Wahl zum Helfen helfen.

Einen Teil das Preisgeldes steckt er in sein Hospital im Rebellengebiet

„Das Wichtigste an diesem Preis ist für mich, dass ich so auf diesen kaum beachteten Konflikt im Sudan aufmerksam machen kann“, sagte Catena nach der Preisverleihung. Zu den Gefahren des Krieges komme nun auch noch der Hunger. Mit dem Preisgeld von 100 000 Dollar will er das Mother of Mercy Hospital, das im Rebellengebiet in den Nuba-Bergen liegt, ausbauen lassen und lokale Kräfte ausbilden, denn der Arbeitsaufwand ist immens: 400 bis 500 Patienten pro Tag, 1000 Operationen pro Jahr und das seit elf Jahren. Manche Patienten sind sieben Tage unterwegs, um sich von ihm behandeln zu lassen. Der augenblickliche Waffenstillstand sei fragil, er hoffe aber, dass eines Tages Frieden einkehren könne. „Dr. Tom“, wie man ihn in den Nuba-Bergen nennt, wird seine gewonnene Million an die African Mission Healthcare Foundation (USA), an das Catholic Medical Mission Board (USA) sowie an die deutsche Aktion Chanchanabury spenden, die sich vor allem um HIV-Patienten kümmert.

Die stillen Helden der Krisenregionen
Für viele ist er die einzige Hoffnung. Dr. Tom Catena arbeitet in den Nuba-Bergen im Sudan im Mother of Mercy Hospital, dem einzigen voll funktionsfähigen Krankenhaus der Region. Er ist einer der fünf Nominierten für den Aurora-Preis zur Förderung der Humanität, der am 28. Mai von der Aurora Humantarian Initiative in Jerewan verliehen wird.Weitere Bilder anzeigen
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24.05.2017 16:49Für viele ist er die einzige Hoffnung. Dr. Tom Catena arbeitet in den Nuba-Bergen im Sudan im Mother of Mercy Hospital, dem...

Catena war schon 2016 für den Preis nominiert – hatte die Nominierung aber dankend abgelehnt. Er könne nicht nach Armenien kommen und seine Patienten im Stich lassen, hatte er dem Komitee mitgeteilt. Dass er in diesem Jahr nach Armenien kommen konnte, hatte er der Aurora-Initiative und drei armenischen Ärzten zu verdanken. Sie hatten sich bereit erklärt, in den Sudan zu reisen und seinen Platz einzunehmen. Die Ärzte kamen ein bisschen früher, damit Catena sie einarbeiten konnte, und sie blieben ein wenig länger, um wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Das nennt man gelebte Humanität. Nur durch den Einsatz der armenischen Ärzte war Catena bereit, die lange Reise nach Jerewan anzutreten, um den Preis entgegenzunehmen. „Die Nuba trauen der Regierung nicht“, erzählt Catena. „Aber sie vertrauen mir. Wir sind alle Kinder Gottes. Die Nuba behandeln mich als einen der Ihren.“

Tom Catena tut alles für die gute Sache, lässt sich interviewen und fotografieren, kein Selfie ist ihm zuviel. So hält er auch einen Vortrag im hypermodernen TUMO Centre for Creative Technologies in Jerewan vor Schülern und Studenten, die wissen wollen, warum er in die Nuba-Berge gegangen ist und all das auf sich genommen hat.

"Ich wollte dorthin, wo es nichts gibt"

„Als Kind wollte ich Senator werden, aber das hat sich schnell geändert“, antwortet er lachend auf eine Frage aus dem Publikum. „Später wollte ich Ingenieur werden, ich liebe Mathematik und Physik. Dann lernte ich einen Missionar kennen und wollte auch Missionar werden. Nach der Universität habe ich aber festgestellt, dass Ingenieur und Missionar keine gute Kombination ist. Wohl aber Arzt.“ Also studierte er Medizin und ging nach Afrika. Er kannte Kenia, suchte aber eine neue Herausforderung. „Ich wollte dorthin, wo es nichts gibt, ich wollte alles lernen, dort, wo niemand ist.“ Sein Glaube half ihm: „Im Christentum haben wir Jesus als Vorbild. Viele Heilige sind Ärzte gewesen.“

Der Anfang in den Nuba-Bergen sei nicht leicht gewesen. Die Nuba haben eine 2000 Jahre alte Kultur, sie sind freundlich, aber auch reserviert. „Der Chef war sehr misstrauisch mir gegenüber. Aber ich habe die Frau des Troubleshooters gerettet, ich hatte sogar Blut für sie gespendet. Als der Krieg dann kam, bin ich geblieben. Und damit begann die Integration“, erzählt Catena. Schnell lernte er Arabisch. Und passte sich den Bedingungen an. „Durch die Arbeit habe ich abgenommen und mich an ein einfaches Leben gewöhnt“, erzählt er schmunzelnd.

Die internationale Gemeinschaft tut zu wenig

Wenn man Catena zuhört, mag man kaum glauben, was er alles durchgemacht hat. Er ist gut gelaunt, wirkt locker und ganz bescheiden. Ob er sich noch einmal für die Nuba entscheiden würde, will eine Schülerin wissen. „Ich bin da, wo ich sein will“, antwortet Catena und setzt hinzu: „Die Leute dort sind so tapfer und unabhängig, ich lerne viel von ihnen. Und dann hilft mir mein Glauben. Wir sind dazu da, den Menschen zu dienen.“ Aber Catena verlässt sich nicht nur auf sich selbst. Es gebe einen Studenten in Uganda und einen in Kenia, die sein Team bald verstärken werden. Er werde sein Preisgeld auch nutzen, um die Ausbildung einheimischer Kräfte zu fördern. „Ich hätte auch gern Doktoren für kürzere Zeiten, für sechs Monate oder ein Jahr, das würde enorm helfen.“

Catena strahlt Zuversicht aus, was er sagt, hört sich selbstverständlich an. Er kritisiert die internationale Gemeinschaft: „Es gibt einen Mangel an internationaler Unterstützung. Die Europäische Union  zahlt dem Sudan Geld, um die Migration zu stoppen, und das Geld geht dann an den Geheimdienst. Sudan hatte nie Krieg mit seinen Nachbarn, aber führt einen Krieg gegen das eigene Volk.“

Zu den jungen Armeniern sagte er bei seinem öffentlichen Vortrag: „Erlaubt nicht, dass Hass in euch entsteht, Hass ist die Grundlage allen Übels. Viele Probleme in der Welt entstehen durch Engstirnigkeit. Bleibt offen, lernt, soviel ihr könnt über Leute, Länder und Religionen. Studiert, was euch Spaß macht, denn Geld alleine macht nicht glücklich.“ Dafür bekam Catena Standing Ovations.

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