Aurora-Preis zur Förderung der Menschlichkeit : "Man wird Arzt, um Leben zu retten"

Denis Mukwege aus der Demokratischen Republik Kongo schützt Frauen vor Gewalt. Für sein Engagement wurde er für den Aurora-Preis nominiert.

von
Der Arzt Denis Mukwege in dem von ihm gegründeten Panzi Hospital in Bukavu in der Demokratischen Republik Kongo.
Der Arzt Denis Mukwege in dem von ihm gegründeten Panzi Hospital in Bukavu in der Demokratischen Republik Kongo.Foto: Aurora Prize

„Ich fühlte mich schon immer zum Arzt berufen, aber ich hätte mir damals niemals vorgestellt, dass ich einmal der Vorkämpfer gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen werden würde“, erzählt der Arzt Denis Mukwege, der 1955 in Bukavu im damaligen Belgisch-Kongo geboren wurde. Er ist heute einer der führenden Spezialisten für die Behandlung von Unterleibsverletzungen, die Frauen, Mädchen und Kindern bei Vergewaltigungen zugefügt wurden. Mukwege, Gründer und leitender Chirurg des Panzi-Hospitals in Bukavu, heute Demokratische Republik Kongo, war einer der fünf Nominierten für den „Aurora Preis zur Förderung der Menschlichkeit“ 2017. Für die Nominierung wurden ihm bei der Gala in Yerewan in diesem Jahr 25 000 US-Dollar für sein Wirken überreicht. „Der Preis ist sehr wichtig für unsere Arbeit und gibt mir die Gelegenheit, das Problem der Gewalt gegen Frauen sichtbarer zu machen“, erzählt er nach der Preisverleihung in einem Hotel in Jerewan.

Eigentlich hatte Mukwege ganz andere Pläne. Er wollte Kinderheilkunde studieren, denn der erste Schock seines Lebens sei es gewesen, als er ein Kind sterben sah. Sein Vater, Pastor einer Mission in Burundi, konnte nur noch für das Kleine beten, denn es gab keine Medikamente für dieses Kind.

Den zweiten Schock erlebt er, als er dort mitbekam, wie viele Frauen bei der Geburt ihrer Kinder starben. „Das hat in mir den Entschluss reifen lassen, Gynäkologie und Geburtshilfe in Angers in Frankreich zu studieren.“ Nach fünf Jahren in Angers entscheidet er sich, in sein Land zurückzukehren, um im Krankenhaus von Lemera den Kampf gegen die Sterblichkeit der Frauen bei der Geburt zu organisieren. „Ich habe in diesem Krankenhaus gearbeitet, habe eine Schule für Krankenschwestern gegründet und habe Gesundheitszentren aufgebaut, das war eine wunderbare Arbeit“, erzählt Mukwege. „Ich habe gegen ein konkretes Übel gekämpft, und ich habe konkrete Resultate gesehen.“

"Der erste Kongo-Krieg begann in meinem Krankenhaus"

1996, im ersten Kongo-Krieg, wurde sein Engagement jäh beendet. „Dieser Krieg hat genau in meinem Krankenhaus angefangen“ erzählt Mukwege. Das Krankenhaus sei der erste Ort gewesen, der damals von den Rebellen der Allianz Demokratischer Kräfte zur Befreiung Kongos (AFDL) angegriffen wurde. Bis heute wisse er nicht, warum. „Ich verlange Gerechtigkeit für die Opfer des Krankenhauses. Aber ohne ein funktionierendes Rechtssystem ist das nicht möglich. Meine Patienten wurden in dem Krankenhaus getötet, das Personal, das nicht fliehen konnte, wurde ebenfalls umgebracht.“ Das sei ein schwerer Schock für ihn gewesen. „Denn man wird Arzt, um Leben zu retten und nicht um zuzusehen, wie Menschen getötet werden.“

Mukwege wollte zwei Jahre lang nicht darüber reden. Aber als er nach Bukavu versetzt wurde, realisierte er, dass das Problem noch präsent war. „Es war sogar noch viel schlimmer in Bukavau. Es gab keine Arbeit, keinerlei Perspektive. Und es sind immer die Frauen und die Kinder, die darunter zu leiden haben.“ Denis Mukwege musste und wollte etwas tun für diese Frauen und gründete in Bukavu ein Krankenhaus in Zelten. Eines diente als Schlafsaal, in einem zweiten wurde operiert. Österreich hatte dieses Projekt unterstützt. „Kaum war alles fertig, begann unglücklicherweise der zweite Krieg und alles wurde wieder vernichtet. Ich fühlte mich verloren.“

Doch er gab nicht auf. Er suchte leere staatliche Gebäude, um dort ein Krankenhaus einzurichten. Am 1. Dezember 1999 waren die Gebäude fertig – und er erlebt eine Überraschung: „Ich wartete auf Frauen, die für die Geburtshilfe oder einen Kaiserschnitt kamen. Aber die erste Frau, die kam, war 50 Meter vom Krankenhaus entfernt von Soldaten vergewaltigt worden: Wir mussten ihr helfen. Wir taten alles, was wir konnten. Ich habe sie kürzlich erst wieder gesehen, sie lebt glücklicherweise. Aber auch dieser Vorfall hat mich schockiert. Warum machen Menschen so etwas? Dafür gibt es keine rationale Erklärung. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dies immer noch ein Problem war“, sagt Mukwege.

"Die Frauen sind nicht das Schlachtfeld des Mannes"

Wie schlimm die Situation ist, beweisen die Zahlen. Seit 1999 hat er in seinem Panzi-Krankenhaus 50 000 Frauen behandelt – alle Opfer unterschiedlichster Formen sexueller Gewalt, angefangen vom Baby bis zu über 80jährigen Frauen. Die Verletzungen im Unterleib seinen unvorstellbar. „Obwohl ich geplant hatte, Geburtshilfe zu leisten, habe ich meine Pläne geändert, um diesen Frauen zu helfen. Ich fühlte mich verpflichtet, eine humane Antwort auf diese Probleme zu geben. Ich kann helfen und tue es“, sagt er einfach. Mukwege hofft, dass es eines Tages Untersuchungen geben werde, die diesen Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es gelte herauszufinden, wer das warum und auf welchen Befehl getan habe. Er möchte darüber nicht spekulieren, er verlange Gerechtigkeit.

Über den Preis ist er sehr glücklich. „Ich kann damit jetzt 50 Opfer operieren.“ Mit seiner Anwesenheit zur Preisverleihung lenke er noch mehr Aufmerksamkeit auf das Problem der Gewalt gegen Frauen. „Wir zeigen die Gewalt gegen Frauen als eine Waffe des Krieges.“ Für ihn ist es ein universelles Problem. Das habe es schon in China 1937 durch japanische Soldaten gegeben – das zeige die Macht des Mannes in einer patriarchalischen Gesellschaft. „Die Männer benehmen sich gegenüber den Frauen so, wie wir es noch nicht einmal aus dem Tierreich kennen.“ Die Opfer wollten zuerst nicht über die Situationen sprechen, es sei unglaublich, was diese Frauen erzählen. In Kolumbien wurden Frauen vergewaltigt, in Bosnien war es nicht anders. „Das große Problem für diese Frauen ist ein psychologisches“, auch die dabei gezeugten Kinder seien ein Riesenproblem. „Mir ist wichtig zu zeigen, dass diese Gewalt keine typisch afrikanische ist. Solche Dinge gab es auch in Armenien, wenn man in die Geschichte schaut.“

Sein Appell: „Die Frauen verdienen Würde, sie sind nicht das Schlachtfeld des Mannes. Die Staaten müssen ihre Verantwortung übernehmen.“ Mit Aurora, so das Fazit des Arztes, werde das Leiden dieser Frauen niemals vergessen werden.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben