Ausbildung von Mathe-Lehrern : Unterrichten mit dem Rücken zur Klasse

Es hat schon viele Versuche gegeben, den Mathe-Unterricht zu verbessern. Vor einem Jahr eröffnete in Berlin das Deutsche Zentrum für Lehrerbildung Mathematik. Jetzt arbeitet das Zentrum an einem bundesweiten Standard für die Fortbildung von Lehrern.

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Anschaulich soll der Unterricht in Mathematik sein. Doch vor allem am Gymnasium sehen Experten Defizite bei den Lehrkräften.
Anschaulich soll der Unterricht in Mathematik sein. Doch vor allem am Gymnasium sehen Experten Defizite bei den Lehrkräften.Foto: dpa

Wer heute mit 27 Jahren Lehrer wird, übt diesen Beruf im Idealfall 40 Jahre lang aus – 40 Jahre, in denen sich sowohl im Stoff als auch in der Didaktik viel verändern kann. Da zudem nicht jeder Lehramtler, der die Uni verlässt, automatisch ein guter Lehrer ist, ist Fortbildung ein fundamentaler Bestandteil des Berufs. Um insbesondere Mathelehrer zu unterstützen, gründete sich im Juni 2011 das Deutsche Zentrum für Lehrerbildung Mathematik (DZLM) auf Initiative der Deutsche Telekom Stiftung. Vorbild war der „National Council of Teachers of Mathematics in England“, der im Gegensatz zum DZLM staatlich finanziert ist. In Deutschland konnten sich die 16 Länder nicht gemeinsam dazu durchringen.

Vor allem didaktisch gibt es viele Defizite im Matheunterricht: „An den Gymnasien noch mehr als an den Grundschulen“, sagt Elsbeth Stern von der ETH Zürich, die auf der ersten DZLM-Jahrestagung in Berlin am Freitag den Hauptvortrag hielt. „Dort unterrichten viele Lehrer viel frontal, oft auch dorsal, also mit dem Rücken zur Klasse.“ Daher bestehe hier ein höherer Fortbildungsbedarf als in der Primarstufe.

Ein großes Problem ist der fachfremde Unterricht: Lehrer unterrichten Fächer, für die sie gar nicht qualifiziert sind: „Viele unterrichten Mathe, obwohl sie das nie studiert haben, also mit Schulwissen“, sagt Günter M. Ziegler, Mathematikprofessor an der Freien Universität Berlin (FU). Schätzungen zufolge beträgt der Anteil fachfremden Unterrichts an der Primarstufe 80 bis 85 Prozent, in der Sekundarstufe I noch 15 Prozent, in der Sekundarstufe II hingegen ist er äußerst gering.

Um nicht nur den Unterricht, sondern vor allem die Fortbildung zu verbessern, bietet das DZLM verschiedenste Kurse für Fortbilder an und unterstützt und bündelt bestehende Angebote unter dem Dach des Zentrums. In einer Fortbildungsdatenbank können Lehrer bundesweit Veranstaltungen überblicken. Neben Materialien für Lehrer gibt es auf der Webseite auch die „Madipedia“, ein enzyklopädisches Wiki mit dem Fokus auf Mathematikdidaktik. All das ist dringend nötig, findet Ziegler: „Die Lehrer-Fortbildung ist praktisch tot – nicht nur in Mathe.“ Wenn bei Gymnasiallehrern fünf Prozent der Arbeitszeit für Fortbildungen aufgewendet werden könnten, dann wäre das schon „genial“, sagt Ziegler. Mit der DZLM wolle man nun einen „bundesweiten Standard“ in der Mathematik-Fortbildung vorlegen, sagt Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung und DZLM-Vorstand.

Damit ist ein altbekannter Mangel noch nicht behoben: das geringe Interesse, das die meisten Universitäten den Lehramtsstudierenden entgegenbringen. „Die Lehramtsausbildung wird oft sehr nebenbei gemacht“, meint Ziegler. Hier kommt nur langsam etwas in Bewegung. Als Modell gilt die TU München, die für ihre Lehrerausbildung eine eigene „School“ gegründet hat.

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