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Pisa ist mehr als eine Schulolympiade: Die wichtigsten Fakten zur großen Studie

Tilmann Warnecke/Amory Burchard
Buch zum Erfolg. Lesen gilt bei Pisa-Forschern als Schlüsselkompetenz. Foto: dpa
Buch zum Erfolg. Lesen gilt bei Pisa-Forschern als Schlüsselkompetenz. Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Was bringt die neue Pisa-Studie, deren Ergebnisse am heutigen Dienstag offiziell vorgestellt werden? Eins steht schon jetzt fest: Anders als oft in der Öffentlichkeit wahrgenommen, ist Pisa mehr als eine Schulolympiade, deren Ergebnisse sich in einigen wenigen Tabellen niederschlagen. Vielmehr werden viele wichtige Fragen untersucht: die der Chancengerechtigkeit etwa, oder welche Faktoren Schulen erfolgreich machen. In fünf dicken Bänden werden die Forscher dieses Mal ihre Resultate zusammenfassen. Hier die wichtigsten Fakten zur Pisa-Studie.

Wofür Pisa steht

Pisa steht für „Programme for International Student Assessment“. Bei Pisa sollen die grundlegenden Kompetenzen von 15-Jährigen getestet werden. Es wird nicht einfach Faktenwissen abgefragt, sondern die Fähigkeit, vorhandenes Wissen auf Probleme aus dem Alltagsleben oder auch aus der Wissenschaft anzuwenden. Pisa stellt wirklichkeitsnahe Fragen.

Welche Länder mitmachen

Die neue Pisa-Studie vergleicht Schülerleistungen in 65 Ländern – mehr als je zuvor. Weltweit wurden 470 000 Schülerinnen und Schüler getestet, pro Land 4000 bis 30 000 Schüler. In Deutschland nahmen 4979 Schülerinnen und Schüler aus 223 Schulen teil. Die Daten wurden im Jahr 2009 erhoben. Es ist der vierte Pisa-Zyklus nach 2000, 2003 und 2006. Durchgeführt wird Pisa von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Die Schwerpunkte

Schwerpunkt der diesjährigen Pisa-Studie ist wie bei der ersten Studie im Jahr 2000 das Lesen. Es wird als Schlüsselkompetenz gesehen, um im Alltags- und Berufsleben bestehen zu können. 50 Prozent der Fragen kommen aus diesem Bereich. Die anderen getesteten Bereiche sind Mathematik (der Schwerpunkt 2003) und Naturwissenschaften (Schwerpunkt 2006).

Was Pisa unter Lesen versteht

Bei Pisa geht es nicht allein darum, dass Schülerinnen und Schüler Unterhaltungsliteratur, etwa die Harry-Potter-Bücher, ohne Probleme lesen können. Vielmehr wird Lesen umfassender verstanden: Texte verstehen, reflektieren, interpretieren und sie im Alltag anwenden. Schüler müssen sich daher mit Texten vieler Gattungen auseinandersetzen: m it Erzählungen, Zeitungsartikeln, Fachtexten, aber auch mit Gebrauchsanweisungen, Anschreiben und Formularen und selbst mit Grafiken und Landkarten. Zusätzlich wurde untersucht, wie Schüler mit Texten umgehen, die im Internet stehen.

Was noch gefragt wird

Die Forscher wollten von Schülern, Lehrern und Eltern wissen, welche Rolle Lesen im Alltag und in der Schule spielt. Abgefragt wurde auch, wie sich die Zusammenarbeit im Lehrerkollegium gestaltet und wie sich Eltern an der Schule engagieren. Die Wissenschaftler hoffen so zu erkennen, welche Lernumgebungen zu bestimmten Ergebnissen führen.

Die bisherigen Ergebnisse

Die erste Pisa-Studie 2000 war für Deutschland ein Schock. An Deutschlands Schulen herrscht nur Mittelmaß, es gibt einen erschreckend hohen Anteil von „Risikoschülern“, die nur auf einem elementaren Niveau lesen und rechnen können, lautete das Ergebnis. Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulleistung ist hierzulande besonders hoch. Seitdem gab es nur kleine Verbesserungen. Beim Lesen und in Mathematik lag Deutschland 2006 nur am OECD-Mittelwert. Nur bei den Naturwissenschaften schnitten die deutschen Schüler deutlich über dem OECD-Mittelwert ab. Ob das Ergebnis der Naturwissenschaften einen Fortschritt bedeutete, war umstritten. OECD-Koordinator Andreas Schleicher argumentierte, die Tests seien nicht vergleichbar, weil Naturwissenschaften erst 2006 umfassend geprüft wurden. Der damalige deutsche Pisa-Chef Manfred Prenzel widersprach: Ein Vergleich sei zulässig, ein Aufstieg erkennbar.

Die Vergleichbarkeit

Die neuen Ergebnisse seien mit denen von 2006 komplett vergleichbar, sagt OECD-Koordinator Andreas Schleicher. Was die Vergleichbarkeit mit den früheren Studien angeht, beharrt Schleicher auf seinem Standpunkt. Die Werte seien erst ab dem Punkt komplett vergleichbar, als der entsprechende Bereich das erste Mal Schwerpunkt bei Pisa war. Die Leseergebnisse also seit 2000, Mathematik seit 2003, Naturwissenschaften seit 2006. Dass immer mehr Länder an Pisa teilnehmen, beeinflusse die Mittelwerte nicht. Alle Ergebnisse orientierten sich an dem Durchschnittswert von 2000.

Die Risikogruppe

Die „Risikoschüler“ sind die Sorgenkinder der Pisa-Studien. Die Ergebnisse von 2000 waren dramatisch: 23 Prozent der deutschen Schüler konnten nur auf einem elementaren Niveau lesen. Dies sei keineswegs nur ein Problem der Kinder mit Migrationshintergrund, betonten die Pisa-Forscher: Fast die Hälfte der Risikoschüler sei ebenso wie ihre Eltern in Deutschland geboren und spreche zu Hause deutsch. Der OECD-Schnitt der Risikogruppe lag bei 18 Prozent, in Finnland waren es nur 15 Prozent. Der Anteil der Risikoschüler in Deutschland verringerte sich im Lesen bis 2006 auf 20 Prozent.

Die Bundesländer

Einen Pisa-Vergleich zwischen den Bundesländern wird es nicht geben. Im Sommer wurden aber die Ergebnisse eines nationalen Leistungsvergleichs auf der Grundlage der neuen Bildungsstandards veröffentlicht. Überprüft wurden Kompetenzen in Deutsch und Englisch. Bayern und Baden-Württemberg lagen vorne. Die Schüler vom Schlusslicht Bremen hinkten mit ihren Leistungen ein Schuljahr hinterher. Der nationale Test wurde zeitgleich mit Pisa erhoben, die Punkteskalen ähneln sich. Dennoch könne man diese Ergebnissen nicht direkt mit Pisa vergleichen, sagt Schleicher. Dafür hätten mehr internationale Aufgaben in den nationalen Vergleich einfließen müssen. Tilmann Warnecke/Amory Burchard

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