Ausgründungen aus Unis : Geist zu Geld

Hochschul-Start-ups in Berlin und Brandenburg schaffen Tausende von Jobs und setzen Milliarden um.

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Erfolgsgeschichte. Der Regierende Bürgermeister mit TU-Präsident Thomsen (Mitte) bei seinem Besuch von Start-ups an der TU Berlin am Montag.
Erfolgsgeschichte. Der Regierende Bürgermeister mit TU-Präsident Thomsen (Mitte) bei seinem Besuch von Start-ups an der TU Berlin...Foto: Philipp Arnoldt/TU Berlin

Es ist der ideale Termin für den ersten großen öffentlichen Auftritt des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller als Wissenschaftssenator: die Präsentation der „Gründungsumfrage 2016“ am Montag an der TU Berlin. „Berliner Hochschul-Start-ups schaffen 22000 Arbeitsplätze und erwirtschaften drei Milliarden Euro“ lautet die Überschrift über der Pressemitteilung der neun beteiligten Hochschulen in Berlin und Brandenburg. Solche guten Nachrichten verkündet Müller nur zu gerne: „Beeindruckend“ nennt er die Zahlen, „hervorragend entwickelt“ habe sich die Berliner Start-up-Szene, die Hochschulen seien dabei ein „wichtiger Standortfaktor“: „Die starke Forschung zieht Unternehmen in unsere Stadt“, sagt Müller. „Auch Studierende aus der ganzen Welt nehmen als potenzielle Botschafter mit, was Berlin zu bieten hat.“ Die fünf Hochschulpräsidenten an Müllers Seite sehen zufrieden aus.

Befragt wurden, koordiniert vom Centre for Entrepreneurship der TU Berlin, 745 Unternehmen, die aus den Hochschulen der Region heraus gegründet wurden. 653 von ihnen beschäftigten im Jahr 2015 rund 22 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die 605 Unternehmen, die Angaben zu ihrem Umsatz machten, kamen zusammen auf etwa drei Milliarden Euro. Die Berliner Hochschulen vergleichen diese Zahl mit den Mitteln, die sie selbst den Steuerzahler kosten, nämlich 1,7 Milliarden Euro pro Jahr. Die Botschaft lautet: Wir machen Geist zu Geld und zu Arbeitsplätzen. Das kann nicht deutlich genug gesagt werden, haben doch soeben die Verhandlungen über neue Hochschulverträge offiziell begonnen: mit einem ersten Treffen der Hochschulpräsidenten mit Müller unmittelbar vor der Gründungs-Pressekonferenz.

Aus der Uni Potsdam werden jährlich mindestens 30 Unternehmen ausgegründet

Wie viele Ausgründungen aus den Hochschulen es jährlich genau gibt, können die Hochschulen nicht sagen, schließlich gibt es keine Meldepflicht für die jungen Unternehmerinnen und Unternehmer. Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam, sagte jedoch, aus seiner Uni würden jährlich mindestens 30 Unternehmen ausgegründet, in manchen Jahren bis zu 50. Die Uni Potsdam hat etwa 20 000 Studierende. Die Hochschulen rechnen aber mit einer höheren „Dunkelziffer“ von Gründern, die keinen Kontakt mehr zu ihren Hochschulen haben.

Die Hochschulen unterstützen Gründungsaktivitäten inzwischen mit zahlreichen Maßnahmen. Schon im Lehrplan gibt es Angebote zur Vorbereitung auf die Gründung. Häufig werden Gründungsaktivitäten von Studierenden/Absolventen forschend von Professoren begleitet.

Daneben gibt es Anlaufstellen an den Hochschulen, die bei den ersten Schritten wie bei der Erstellung des Businessplans helfen. 44 Prozent der befragten Unternehmen haben solche Angebote der Hochschulen genutzt. Für sie ist gerade das „intellektuelle Klima“ und die Ausstattung der Hochschulen attraktiv, wie FU-Präsident Peter-André Alt sagte. Die vielen Maßnahmen hätten in den vergangenen Jahren zu einem „Schub“ bei den Ausgründungen geführt. Berlin gehört heute zu den zehn wichtigsten Start-up-Metropolen weltweit, stellte Michael Müller fest. Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam, glaubt, dass der Anreiz, zu gründen, für Absolventen in der Region auch deshalb so groß ist, weil Unternehmen wie Bosch oder Daimler als attraktive Arbeitgeber fehlen.

Die meisten Start-ups fühlen sich der digitalen Wirtschaft zugehörig

Am häufigsten werden Unternehmen in Dienstleistungsbranchen, etwa der Informations- und Kommunikationstechnik, Medien und Kultur, aus Hochschulen der Region gegründet (siehe Grafik). 43 Prozent der befragten Unternehmen fühlen sich der digitalen Wirtschaft zugehörig, wobei Industrieunternehmen eine wichtige Rolle als Kunden und als Kooperationspartner oder Zulieferer spielen. Unter den aus Hochschulen der Region gegründeten Start-ups, die sich im Lichthof der TU präsentierten, waren Unternehmen wie ALLVR, das für die Bau- und Immobilienbranche eine cloud-basierte Businessplattform für Visualisierung mithilfe von Virtual-Reality-Brillen entwickelt, oder die Firma Calimoto, die an einer Navigations-App speziell für Motorradfahrer arbeitet. Ein Unternehmen, das aus der UdK gegründet wurde, ist Veit, ein Möbelhersteller, dessen Produkte für die „urbane Wohnkultur“ sich ständig in Farben, Größen und Funktionen anpassen lassen.

Etwa 80 Prozent der gegründeten Unternehmen überleben die ersten Jahre. Unter den befragten haben 79 Prozent bereits die Gewinnzone erreicht – 60 Prozent schaffen das schon im ersten Jahr ihres Bestehens. Bei der externen Finanzierung griffen die Hochschul-Start-ups meistens auf Beteiligungskapital zurück (64 Prozent), gefolgt von Bankdarlehen (40 Prozent). Offenbar sind die Geschäftsmodelle der Hochschul-Start-ups für Investoren besonders gewinnbringend – denn etwa dem KfW-Gründungsmonitor nach greifen nur sechs Prozent auf Beteiligungskapital zurück, heißt es in der Studie. 30 Prozent der Start-ups sind demnach hauptsächlich auf internationalen Märkten unterwegs.

Frauen sind an der Hälfte der Gründungen beteiligt

In 68 Prozent der befragten Unternehmen sind mindestens drei Viertel der Belegschaft Akademiker. Fast jedes zweite Unternehmen beschäftigt nur Akademiker. Frauen sind an der Hälfte der Gründungen beteiligt. Allerdings liegt ihr Anteil an den Gründungsteams – im Mittel 2,5 Personen – erst bei einem Drittel. Frauen würden seltener technische Fachrichtungen studieren, sagte Klaus Semlinger, der Präsident der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Und anderen Ergebnissen der Gründungsforschung nach seien sie weniger risikofreudig. Die Hochschulen reagieren darauf mit speziellen Beratungsangeboten für potenzielle Gründerinnen.

Michael Müller kündigte an, die Entwicklungen weiter unterstützen zu wollen und „aus der Dynamik mehr zu machen“. Dabei werde die Zusammenführung der fünf Jahre getrennten Senatsressorts für Forschung und Wissenschaft helfen, ferner die bereits ins Leben gerufene Digitalisierungstrategie, in deren Rahmen auch 50 Professuren für Digitales geschaffen werden sollen, sowie der Ausbau des Robert-Koch-Forums in Mitte, in das das „Einstein-Zentrum Digitale Zukunft“ ziehen soll. Müller schien auch durchblicken zu lassen, dass er gegenüber den finanziellen Wünschen der Unipräsidenten in den Hochschulvertragsverhandlungen aufgeschlossen ist: „Es geht um gute Rahmenbedingungen“, sagt er.

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