Ausstellung : Churfürst Pingsi von Berlin

Eine Ausstellung zum 350. Jubiläum der Staatsbibliothek zeigt Historisches und Kurioses. In neun Kapitel ist die Reise in die Welt der Buchkunst unterteilt.

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Leibarzt Mentzel porträtierte den Kurfürsten gemäß der chinesischen Mode.
Leibarzt Mentzel porträtierte den Kurfürsten gemäß der chinesischen Mode.Foto: Promo

Auf dem Holzschnitt von 1685 ist sein mächtiger Schädel lockenumwölkt, die Nase markant, die Augen stechend. Um das Porträt herum läuft ein Band chinesischer Schriftzeichen, die den Dargestellten als „überaus weisen Kurfürsten Pingsi“ auszeichnen. Pingsi? „Ping“ steht für Frieden im Chinesischen. Das Wort Frieden ähnelt dem Namen Friedrich. Der Sinologe und Kurfürstliche Rat Christian Menzel hatte also niemand geringeren als Friedrich Wilhelm porträtiert, den Großen Kurfürst. Jener, der vor 350 Jahren die „Churfürstliche Bibliothek zu Cölln an der Spree“ gründete. Mit einer Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) feiert die Staatsbibliothek nun ihren runden Geburtstag. Sie öffnete ihre Magazine und holte neben dem chinesisch anmutenden Holzschnitt, der zur damaligen Asienmode passte, etwa 45 kostbare Drucke und Handschriften hervor.

In neun Kapitel ist die Reise in die Welt der Buchkunst unterteilt, ausgehend von religiöser Buchmalerei, dem Codex Wittekindeus aus dem Jahr 970, über den ersten Buchdruck, eine von nur noch 50 weltweit erhaltenen Gutenberg-Bibeln, bis zu den handschriftlichen Zeilen des Dichters Hoffmann von Fallersleben und seinem „Lied der Deutschen“ von 1841, dessen dritte Strophe später der Text der Nationalhymne wurde.

Auch wenn Friedrich Wilhelm anfangs nicht so systematisch ankaufte, wie man das heutzutage zu tun pflegt, legte er doch Wert auf Vielseitigkeit, inhaltlich wie sprachlich. Gefragt waren alle Schriften zu Staatsrecht, Geschichte und Altertumskunde, auch aus Jahrhunderten vor der Eröffnung der Bibliothek 1661 im Apothekenflügel des Berliner Schlosses. Mit dem sogenannten Astrolabium des Gelehrten Leonhardt Thurneysser konnte man um 1575 herum das Horoskop ermitteln. Die drehbaren Scheiben aus Papier liegen normalerweise übereinander, in der Ausstellung werden sie wie eine mehrstöckige Torte präsentiert, so dass man die fein gezeichneten Blätter in Ruhe betrachten kann. Tierkreiszeichen sind darauf zu sehen, ein Pfeil hat die Form eines Drachenkopfes, und über allem steht ein Text zur Erde, die man damals noch auf ein Alter von etwa 6000 Jahren schätzte.

So sind die Exponate der Ausstellung „Eine Bibliothek macht Geschichte“ nicht nur Beweise für eine herausragende Sammlung der Staatsbibliothek, die zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehört und als die größte wissenschaftliche Universalbibliothek Deutschlands gilt. Die Objekte sind auch als Meilensteine deutscher und preußischer Kulturgeschichte zu lesen. Einen der reichsten Nachlässe hat Alexander von Humboldt im 19. Jahrhundert der Staatsbibliothek vermacht. Gezeigt wird daraus etwa ein Brief Charles Darwins an den großen Berliner Naturforscher. Genauso wie ein Notenblatt Felix Mendelssohn Bartholdys. 1828 hatte der damals 19-jährige Komponist eine Kantate für Humboldt geschrieben, anlässlich eines internationalen Kongresses in Berlin.

Die Idee, die Jubiläumsschau in die ständige Ausstellung im Zeughaus des DHM einzubauen, ist so einfach wie gut: Ein dicker Wälzer mit Schlachtordnungen, ein Band für Theorie und Praxis der Kriegsführung, wurde gegenüber einer Ritterrüstung samt Rossharnisch platziert. Der Brief Friedrich II an den französischen Dichter Voltaire, datiert auf den 15. April 1740, liegt so aus, dass der Blick auch auf eine Tafel der DHM-Ausstellung fällt, die vom Aufstieg des Bürgertums und die europäischen Aufklärung berichtet. Der Kronprinz dankte in dem Schreiben Voltaire für die Zusendung einer Komödie und wünschte sich, den Dichter doch bald einmal persönlich zu treffen. Tatsächlich lebte der Aufklärer zehn Jahre später einige Zeit auf Einladung des Königs in Potsdam und zählte zu den Gästen der erlesenen Tafelrunden.

Die Erfindung des Buchdrucks war bahnbrechend. Aber die Ausstellung zeigt auch: Vor allem der Anblick von Handschriften, Autografen historischer Persönlichkeiten, ruft ein wohliges, ehrfürchtiges Erschaudern über den Lauf der Zeit hervor – bevor sie wieder zurück in ihre dunklen Schubladen müssen. Anna Pataczek

Deutsches Historisches Museum, bis 19. Juni, täglich von 10 bis 18 Uhr

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