Australien : Gaststudenten in Gefahr

Der offenbar rassistische Mord an einem Inder stellt den Mythos vom australischen Uniparadies in Frage.

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Trauer und Wut. In dem Park, in dem Schläger den indischen Gaststudenten Nitin Garg am 2. Januar mit Messern attackierten, haben...AFP

Das Geschäft mit der Bildung ist einer der umsatzstärksten australischen Wirtschaftszweige. Doch seit die Überfälle auf junge Studierende zunehmen, wackelt der Mythos des unbeschwerten Studienorts. Betroffen sind vor allem Inder. Rund 430 000 Gaststudenten sind an australischen Universitäten, Colleges, Berufs- und Sprachenschulen eingeschrieben. Der Anteil der Inder stieg in den letzten Jahren stark an. Mit insgesamt 90 000 Studierenden stellen sie inzwischen die zweitgrößte Gruppe, nach den Chinesen.

Der grausamste Überfall ereignete sich Anfang Januar. Nitin Garg, 21, aus dem Punjab stammend, war im Westen Melbournes auf dem Heimweg von einer Spätschicht in einem Schnellimbiss. Unbekannte lauerten ihm in einem Park auf und verletzten ihn bestialisch mit einem Messer. Die Wunde war so groß, dass Garg noch auf dem Weg ins Krankenhaus starb. 34 von 51 Todesfällen ausländischer Studenten in Australien zwischen November 2007 und November 2008 waren nach Recherchen der Zeitung Sydney „Morning Herald“ ein Jahr später noch ungeklärt.

Ruchir Punjabi, bis vor kurzem Präsident der Studentengewerkschaft der University of Sydney, organisierte mehrere Großdemonstrationen, als die Situation im Juni 2009 schon einmal unerträglich wurde. „An drei Abenden nacheinander, des großen Zulaufs wegen.“ Wie in Melbourne gingen in Sydney tausende Studenten auf die Straße. „No more Curry Bashing!“, war auf Transparenten zu lesen. Viele indische Studenten vermuten rassistische Motive hinter den Attacken. Punjabi erzählt, er selbst sei einmal angegriffen worden, dabei jedoch unverletzt geblieben. „Ich habe mit einem Angriff seit längerem gerechnet“, sagt er. „Dadurch war ich wohl besser vorbereitet.“

Gaststudenten, die ihrem Erscheinungsbild nach dem indischen Subkontinent zugerechnet werden – ob sie aus Indien, Pakistan oder Bangladesch stammen – sind offenbar bevorzugte Ziele der Gewalt. Vor genau zwei Jahren traf es, ebenfalls im Westen der Millionenstadt Melbourne, einen Universitätsmitarbeiter. Er wurde von einer Jugendbande zu Tode geprügelt, weil ihn die Jugendlichen fälschlicherweise für einen Inder hielten. Rund 1500 Messerattacken, Schlägereien und Raubüberfälle wurden im Vorjahr angezeigt. Studentenvertreter gehen davon aus, dass die Dunkelziffer um das Sechsfache höher liegen dürfte.

Sind Gaststudenten in Australien, einem früheren Vorzeigeland für gelungene Integration, also noch gut aufgehoben? Oder muss das Land am Südpazifik eingestehen, von angehenden Akademikern zwar hohe Gebühren zu kassieren, sie aber nicht wirklich zu integrieren?

Bildungsministerin Julia Gillard, zugleich Stellvertreterin des Premierministers, sagt: „Die australische Regierung versichert Menschen, die in unser Land kommen, dass sie bei uns willkommen sind – ganz egal, ob sie Einwanderer, Studenten oder Besucher sind.“ Dann spricht sie von einem „multikulturellen, weltoffenen“ Australien. Für Familien von Verbrechensopfern, die ihre Kinder mit Studiengebühren in fünfstelliger Höhe auf den Inselkontinent schickten, muss das wie blanker Hohn klingen. Insbesondere in Melbourne häufen sich die Beschwerden. Dünnhäutig wies ein Polizeisprecher des Bundesstaats Victoria rassistische Hintergründe des Mords an Nitin Garg zurück, obwohl die Ermittlungen zu diesem Zeitpunkt erst begannen. Ein Raubmord war die Tat aber offenbar nicht, denn dem 21-Jährigen wurden weder Geldbörse noch Handy gestohlen.

Schon im Juni vergangenen Jahres goss ein Polizeisprecher noch Öl ins Feuer, indem er indische Studenten als „soft targets“ bezeichnete, da diese nachts „mit größeren Geldsummen, Laptops, Handys und i-Pods“ durch die Straßen liefen. Er empfahl ihnen, auf Gespräche in der Muttersprache zu verzichten, sich nur in Gruppen zu bewegen und Selbstverteidigung zu praktizieren. Siddalingeswara Orekondy, Vorstand der United Indian Associations, empfindet solche Aussagen als zynisch. Er sieht eine Mitverantwortung der Polizei: „Bei vielen Überfällen hat sie einfach nicht reagiert oder ist erst mit teils mehrstündiger Verspätung erschienen“, sagt er.

David Barrow, der neue Präsident der Studentengewerkschaft der University of Sydney, kritisiert, das Bündel an Maßnahmen, das die sozialdemokratische Regierung beschloss, um die Gewalt einzudämmen, sei „einfach nicht effektiv“. Die Labourregierung verspricht, die Wohn- und Arbeitssituation der Studenten wie auch deren Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr zu verbessern. Das sei offenbar „noch nicht gelungen“, meint Barrow. Tatsächlich verschlechtern sich die Studienbedingungen seit vielen Jahren, da die liberalkonservative Vorgängerregierung sowohl den Hochschul- als auch den Wohnungsbau sträflich vernachlässigte. Durch den zeitgleichen, langanhaltenden Wirtschaftsaufschwung kletterte das Niveau der Nettomieten in Metropolen wie Sydney und Melbourne zum Teil weit über jenes deutscher Städte. So hausen Studenten oft zu dritt oder viert in einem Zimmer, um ihre Miete zahlen zu können. Einen Platz im Studentenwohnheim findet nur etwa ein Fünftel.

In Australien wird der Bildungssektor, das Geschäft mit den ausländischen Studierenden, als größtes Exportgeschäft nach der Rohstoffindustrie gesehen. Die australische Wirtschaft verdient tatsächlich ausgesprochen gut an dieser Situation. Und auch der australische Fiskus: Allein mit ihren Studiengebühren finanzieren Studenten aus Übersee etwa ein Viertel des australischen Bildungsetats. Universitäten, Berufs- und Sprachenschulen kassierten laut Statistikamt zuletzt jährlich rund 15 Milliarden Dollar (umgerechnet 9,4 Milliarden Euro).

„Nicht selten fühlen sich Gaststudenten hier als cash cows“, sagt David Barrow, als Melkkühe des Landes. Und gerade weil sie sich als billige Arbeitskräfte nachts verdingen müssten, um neben den Studiengebühren die hohen Lebenshaltungskosten aufzubringen, würden sie zum Ziel von Gewalt. „Viele arbeiten schwarz, oft 30 Stunden am Stück, für drei Euro pro Stunde“, sagt Barrow. „Mit großer Angst: Denn fliegt das auf, werden sie des Landes verwiesen.“

Die „Wut gegen Ausbeutung“ wachse, sagt Barrow. In Indien sei sie bereits so groß, meint Siddalingeswara Orekondy, dass die Zahl indischer Studenten in Australien bald deutlich zurückgehen werde – nicht zuletzt aufgrund der Überfälle. Tatsächlich mussten mehrere Colleges bereits schließen. Australische Hochschulverbände meldeten zu Jahresbeginn, dass sie bereits 2010 mit knapp einem Drittel weniger Studenten vom indischen Subkontinent rechnen.

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