Auszeichnung : Im Ruhestand nach Harvard

Ernst-Schering-Preis für den Molekulargenetiker Klaus Rajewsky.

Adelheid Müller-Lissner

Auf dem Foto, das Klaus Rajewsky im Leibnizsaal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften an die Wand warf, steht er recht vergnügt auf einer Jolle und hisst die Segel. „Das war die Zeit der Atlantiküberquerung“, kommentierte der Molekulargenetiker.

In Wirklichkeit bediente sich der Wissenschaftler für seinen Umzug eines schnelleren Transportmittels. Wichtiger als der Scherz ist jedoch der wahre Kern der Geschichte: Mit Erreichen der Altersgrenze für eine ordnungsgemäße Pensionierung und Emeritierung verließ Rajewsky im Jahr 2001 die Universität Köln, an der er fast 40 Jahre gewirkt hatte. „Jetzt musste etwas Neues passieren“, sagte er rückblickend. Das Neue war die Harvard Medical School im amerikanischen Boston, wo er seitdem arbeitet.

In Berlin nahm der 72-Jährige jetzt den mit 50 000 Euro dotierten Ernst-Schering-Preis entgegen, verliehen für seine Pionierarbeiten bei der Erforschung des Immunsystems. Rajewsky lieferte wichtige Bausteine zum Verständnis von Lymphknotenkrebs. Der Mediziner und Chemiker Rajewsky war auch immer wieder als Nobelpreisträger im Gespräch.

Die Schering-Stiftung hat bei der Wahl des Preisträgers aber nicht nur an diese wissenschaftlichen Erfolge gedacht. Sie hatte auch das Bild mit der Jolle im Kopf. Mit der Verleihung wolle man „auf den Verlust von herausragenden Wissenschaftlern aufmerksam machen, den das deutsche Wissenschaftssystem durch starre Altersgrenzen erleidet".

In Boston wurde dagegen für den 65-Jährigen eine eigene Professur geschaffen. Die Übersiedelung in die USA sei „ein tief greifender Entschluss“ gewesen, erzählte der Preisträger. Inzwischen verbucht er sie als persönlichen Gewinn. Seine Arbeitsgruppe in Boston beschrieb er als „einen kleinen Kosmos von Leuten aus der ganzen Welt“.

Seinen europäischen Stützpunkt hat Rajewsky inzwischen in Berlin. Er kooperiert mit Wissenschaftlern am Max-Delbrück-Centrum beim Thema Lymphknotenkrebs.

Für sein zweites Gebiet, die Kontrolle kleiner Bruchstücke der RNS in Zellen des Immunsystems, kann er am MDC auf einen „alten Bekannten“ zurückgreifen: Mit seinem Sohn Nikolaus Rajewsky hat er schon zusammengearbeitet, als der Bioinformatiker noch an der New York University an mathematischen Modellen für die Genforschung tüftelte.

Rajewsky ist davon überzeugt, dass das amerikanische Modell der Forschungsförderung die besseren Anreize liefert: „Dort sind die Institutionen davon abhängig, dass die Wissenschaftler Drittmittel einwerben“, erläuterte er im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Er plädiert zwar nicht dafür, den deutschen Forschungseinrichtungen das amerikanische Modell einfach überzustülpen, „aber schrittweise sollten wir uns dem annähern“. Natürlich kommt das US-Modell exzellenten Forschern entgegen, die dort ohne Altersgrenze weiterarbeiten können, wenn sie möchten. Für den Ruhestand gebe es ein einfaches Kriterium, sagt Rajewsky: „Aufhören sollte man, wenn man keine Drittmittel mehr bekommt.“Adelheid Müller-Lissner

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