• Autismus: Neue Mutation mit der Hälfte aller Fälle von Autismus in Verbindung gebracht

Autismus : Neue Mutation mit der Hälfte aller Fälle von Autismus in Verbindung gebracht

Störung geht mit genetischen Unterschieden zwischen Eltern und Nachkommen einher.

Heidi Ledford

Die Hälfte aller Fälle von Autismus bei Jungen und Männern könnte durch spontane genetische Mutationen verursacht sein - zu dieser Aussage kommen Forscher, die sich mit den genetischen Ursachen dieser Erkrankung befasst haben. Nachkommen, die eine solche Mutation ererben, haben ein größeres Risiko, selbst ein autistisches Kind zu bekommen.

Menschen, die an Autismus leiden, haben große Probleme, soziale Beziehungen zu anderen einzugehen und neigen dazu, sich exzessiv mit einigen wenigen Dingen zu beschäftigen. Man geht davon aus, dass drei bis sechs von tausend Menschen diese Erkrankung haben; ihre Ursache ist unbekannt, ein genetischer Zusammenhang wird vermutet.

"Dass die Genetik eine wichtige Rolle spielt, ist seit 20 Jahren oder länger bekannt", sagt Isabelle Rapin, Neurologin am Albert Einstein College of Medicine in New York, die nicht an der Studie beteiligt war. "Dazu gibt es keine zwei Meinungen."

Aber die genetischen Mechanismen, die zu Autismus führen, zu identifizieren, ist schwierig. Autismus ist eine komplexe Erkrankung mit einem breiten Spektrum an Symptomen und Schweregraden. Aus unbekannten Gründen sind viermal mehr Männer als Frauen betroffen.

Spontanmutation

Anfang des Jahres brachten genetische Screenings numerische Mutationen bestimmter Gene mit einigen Fällen von Autismus in Verbindung. Zehn Prozent der Patienten wiesen numerische Mutationen auf, die ihre Eltern nicht besaßen, wodurch klar ist, dass es sich um Spontanmutationen handelt. (1)

Michael Wigler, Genetiker am Cold Spring Harbor Laboratory und einer der Autoren der Studie, meint jedoch, dass die Studie einige numerische Mutationen nicht erfasst hat. "Wir sind sicher, dass zehn Prozent eine zu geringe Schätzung sind."

Daher wandten sich Wigler und seine Kollegen an eine Datenbank, die die Stammbäume von Familien mit zwei oder mehr autistischen Kindern enthält, und fragten: Wenn die ersten beiden Kinder der Familien autistisch sind, wie stehen dann die Chancen, dass es das dritte ebenfalls ist?

Bei 86 Familien mit zwei autistischen Kindern und einem dritten, männlichen Kind, wiesen 42 dieser drittgeborenen Kinder autistische Symptome auf, berichten die Forscher in Proceedings of the National Academies of Schiences. (2)

Dies legt nahe, dass die Eltern mit einer Wahrscheinlichkeit von 2:1 die Mutation an ihre Nachkommen weitergeben, was für einen dominanten Erbgang spricht. Eine weitere Datenbankrecherche brachte dasselbe Ergebnis.

Vererbung

Aufgrund eines mathematischen Modells wurde Wiglers Team klar, dass die simpelste Art, das Muster der Vererbung von Autismus zu beschreiben, darin besteht, die Eltern in zwei Risikogruppen einzuteilen: diejenigen mit einer vorbestehenden Mutation, die Autismus hervorruft, und diejenigen ohne.

Dieses Modell legt nahe, dass etwa die Hälfte aller Kinder mit Autismus von Eltern abstammt, die keine genetische Disposition für diese Erkrankung haben, was wiederum nahe legt, dass diese Fälle auf spontanen Mutationen beruhen.

In diese Kategorie könnten auch ältere Mütter fallen, die eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, ein autistisches Kind zu bekommen, merkt Wigler an. Die Eizellen dieser Mütter waren über längere Zeit schädigenden Einflüssen ausgesetzt, was zu Mutationen führen kann.

Ist diese Spontanmutation einmal weitergegeben, hat der Nachkomme - insbesondere Frauen, die Träger sein können, ohne Symptome zu zeigen - ein hohes Risiko, ein autistisches Kind zu bekommen.

Männer, die diese Mutation tragen, haben dieses Risiko ebenfalls, bei ihnen ist jedoch die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie selbst an Autismus leiden und daher eher keine Kinder bekommen.

Das Modell der Wissenschaftler legt nahe, dass etwa ein Viertel aller Kinder mit Autismus eine numerische Genmutation von ihren Eltern ererbt hat.

"Es ist eine neue Art, die vorliegenden Daten zu betrachten", sagt Rapin. Weitere Studien, die Daten anderer Familienmitglieder nutzen, werden notwendig sein, fügt sie hinzu. Andere Faktoren wie Komplikationen während der Schwangerschaft und der Einfluss weiterer genetischer Faktoren könnten für die Entstehung von Autismus ebenso eine wichtige Rolle spielen.

(1) Sebat, J. et al. Science 316, 445-449 (2007).
(2) Zhao, X. et al. Proc. Natl Acad. Sci. USA doi: 10.1073/pnas.0705803104 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 24.7.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news070723-1. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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