Wissen : Bachelor spezial

Viele der neuen Studiengänge befassen sich mit sehr eng umrissenen Gebieten. Ob das auf dem Arbeitsmarkt Erfolg hat, ist offen

Tina Rohowski

Wenn Stefanie Hoppe erzählt, welches Fach sie studiert, dann beflügelt das die Fantasie ihrer Zuhörer. „Viele glauben, wir lernen Selbstverteidigung und werden später Spezialagenten, wie man sie in Filmen sieht“, sagt die 23-Jährige. Der Grund: Stefanie Hoppe ist an der Uni Magdeburg im Fach „Sicherheit und Gefahrenabwehr“ immatrikuliert – einem 2003 eingeführten Bachelor-Studiengang, der Kurse in Natur- und Ingenieurwissenschaften, Mathematik, Informatik und Psychologie umfasst. Die Absolventen sollen später allerdings keine filmreifen Spezialaufträge übernehmen, sondern für Versicherungen Risiken abschätzen, bei der Feuerwehr arbeiten oder Unternehmen in Sicherheitsfragen beraten.

Dass dafür ein völlig neues Fach entwickelt wurde, ist kein Einzelfall an deutschen Hochschulen: Studenten der BTU Cottbus lernen „eBusiness“. Einen Bachelor im Fach „Unternehmensgründung und Unternehmensnachfolge“ bietet die Berliner Fachhochschule für Wirtschaft an. „Kreativitätspädagogik“ heißt ein neues Programm in Leipzig. Setzt sich also mit Bachelor und Master der Trend zum Spezialstudium durch?

In den letzten Jahren habe sich „die Zahl der Neukreationen deutlich erhöht“, sagt Christoph Affeld von der Akkreditierungsagentur Acquin, die im Auftrag der Unis die Qualität neuer Studiengänge überprüft. Zwei neue Programmtypen seien im Fächerkanon auszumachen: Einerseits entwickelten die Hochschulen immer mehr „Hybrid-Studiengänge“, die einzelne Inhalte aus klassischen Disziplinen so zusammenstellen, dass ein neues Ausbildungsprofil entstehe. Andererseits gebe es auch zahlreiche neue Studiengänge, die ein Spezialgebiet eines größeren Faches vermitteln. „Solche Fächer klingen dann eher nach einem einzelnen Modul als nach einem ganzen Studienfach“, so Affeld.

Insgesamt hätten beide Trends zu einer „Diversifizierung in der Hochschulausbildung“ geführt. Oftmals stehe dahinter der Versuch, sich durch neue Spezialstudiengänge ein „Alleinstellungsmerkmal“ zu schaffen, glaubt Affeld. Denn die Konkurrenz zwischen traditionellen Hochschulen, neuen Privatunis, Berufsakademien und sonstigen Bildungsinstituten nehme immer weiter zu. Wer die besten oder auch die zahlungswilligen Studenten locken will, müsse „in der Masse der Angebote auffallen“ – zum Beispiel durch einzigartige Studienfächer.

Sabine Kunst, Präsidentin der Universität Potsdam, spricht angesichts der neuen Vielfalt von den „zwei Phasen der Studienreform“. Zunächst sei es darum gegangen, die herkömmlichen Disziplinen, die es auch als Magister-, Diplom- oder Staatsexamensfächer gab, in eine „erste Generation von Bachelor- und Masterprogrammen“ zu gießen. Nun würden in der zweiten Phase Studieninhalte fusioniert oder Fächer so zugespitzt, dass ungewöhnliche Spezialstudiengänge entstehen. „Toxikologie“ oder „Fremdsprachenlinguistik“ heißen einige der neuen Studienfächer, mit denen die Uni Potsdam künftig Bewerber locken will. Ziel sei es, vor allem Fächer zu kreieren, „die arbeitsmarktrelevant für die Studierenden sind“, sagt Kunst.

Arbeitsmarktdaten, Bedarfsanalysen und die Wünsche von Wirtschaftsunternehmen – anhand dieser Faktoren werden tatsächlich viele der neuen Studienangebote gestaltet. Bevor etwa 2004 das Fach „eBusiness“ in Cottbus startete, habe man in Unternehmen nach neuen Trends und den gewünschten Absolventen gefragt, berichtet Uwe Meinberg, Professor für Informationstechnik und Leiter des Studiengangs. In der einjährigen Entwicklungsphase habe man sich „ganz klar am Markt orientiert“. Die Absolventen sollten schließlich „nicht als Arbeitslose enden, nur weil Professoren meinen, sie müssten sich ein spannendes neues Fach ausdenken“. Der Abschluss qualifiziere nun zum Beispiel dafür, bei einem Online-Handelshaus zu arbeiten oder die Software für solche Geschäfte zu entwickeln. Wichtig sei aber, dass das Studium „keine extremen Spezialisten entlässt, sondern auch das Handwerkszeug, also solide BWL- und Informatikkenntnisse, vermittelt“.

Ob ein neuer Studiengang fachliche Grundlagen beinhaltet, ist auch für Christoph Affeld bei der Akkreditierung ein entscheidendes Kriterium. Aufgrund wechselnder Trends in vielen Branchen könnte sonst schon der Spezialbachelor zur „Sackgasse“ werden. Da Masterfächer meist forschungsorientiert seien, setzten die Unis die Spezialisierung hier oft sinnvoller ein. Auf beiden Ebenen meldeten Universitäten jedoch immer wieder Studiengänge an, die „absolut kein Hochschulniveau“ hätten. „Hochschulen geben ihren neuen Programmen sehr kreative Titel. Aber der Inhalt hält manchmal nicht, was die Verpackung verspricht“, sagt Affeld. Größere Vielfalt könnte daher zugleich mehr Verwirrung bei Studienbewerbern, Arbeitgebern und sogar Dozenten bedeuten.

Spezialisierte Bachelor seien vor allem etwas für Studenten, die schon genau wissen, wohin sie nach dem Abschluss möchten, rät das Hochschulteam der Arbeitsagentur. Manche Bewerber suchen sich ihr Fach sogar passgenau zur Lebenssituation aus – wie zum Beispiel Anne Stadler, 22, die „Unternehmensgründung und Unternehmensnachfolge“ in Berlin studiert. „Meine Großmutter, die inzwischen über 60 Jahre alt ist, führt eine Schauspieleragentur“, sagt die Studentin. Vor einem Jahr sei sie gefragt worden, ob sie die Agentur später übernehmen wolle. „Eine Freundin erzählte mir dann, dass es einen Studiengang gibt, der genau darauf vorbereitet“, so Stadler. Im letzten Semester des Bachelorprogrammes sollen die Studenten ein Unternehmen gründen oder übernehmen. Bis dahin besucht Anne Stadler morgens oder abends Kurse an der Hochschule und arbeitet nebenbei schon in der Agentur.

Stefanie Hoppe blickt ein wenig skeptischer in ihre berufliche Zukunft. Ihr Studium im Fach „Sicherheit und Gefahrabwehr“ will sie in diesem Sommer abschließen. „Wenn ich mich zusammen mit einem Maschinenbauer auf eine Stelle bewerbe, wird der Personalchef das bekanntere Studienfach bevorzugen“, befürchtet sie. Wer wisse denn schon, was genau sie in ihrem Fach gelernt habe? Wahrscheinlich werde sie, sagt Hoppe, erst einmal erklären müssen, dass sie im Chemielabor Schadstoffe untersuchen kann, sich mit der Steuerungstechnik von Maschinen auskennt, aber auch Seminare über die psychologische Betreuung von Einsatzkräften in Katastrophenfällen besucht hat. Sie hoffe, dass Personalabteilungen dann nicht denken, sie hätte in allen Wissensgebieten „nur eine oberflächliche Ausbildung“.

Für den Qualitätsprüfer Affeld steht fest: Der Arbeitsmarkt muss „schon aufgrund der Vielzahl spezialisierter Studiengänge einen Lernprozess durchmachen“ und sich die Fächer und ihre Inhalte genau ansehen. Die Einführung von Bachelor und Master habe „eine Tragweite, die über veränderte Abschlüsse hinausgeht“. Da viele neue Fächer erst in den nächsten Jahren ihre ersten Absolventen hervorbringen, vollziehe sich dieser Lernprozess aber „nicht von heute auf morgen“. Ob dann die neuen Spezialisten oder Akademiker mit klassischen Abschlüssen gefragter sein werden, mag niemand vorhersagen. „Im Moment ist das Kaffeesatzleserei“, heißt es aus der Studienberatung der Arbeitsagentur.

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