Beck-Verlag bestätigt Plagiatsverdacht : Zu viel Wikipedia in historischem Sachbuch

Der Beck-Verlag hat nach der Prüfung von Plagiatsvorwürfen die Auslieferung des Buchs "Große Seeschlachten" gestoppt. Einer der beiden Autoren hat bei Wikipedia abgekupfert.

Sebastian Drescher
Der Plagiatsfall beim Beck-Verlag befeuert die Diskussion um den wissenschaftliche Umgang mit Wikipedia.
Der Plagiatsfall beim Beck-Verlag befeuert die Diskussion um den wissenschaftliche Umgang mit Wikipedia.Foto: DPA

Der C.H. Beck-Verlag hat die Auslieferung des Buchs "Große Seeschlachten: Wendepunkte der Weltgeschichte von Salamis bis Skagerrak" gestoppt. Damit reagierte der Wissenschaftsverlag auf die Plagiatsvorwürfe gegen die beiden Autoren Olaf Rader und Arne Karsten. Bei einer Überprüfung mit zwei Plagiatssuchprogrammen seien in den von Olaf Rader verfassten Kapiteln eine Reihe nicht nachgewiesener Zitate entdeckt worden, teilte der Verlag am Dienstag mit. Bei den meisten Stellen handele es sich um eine nicht kenntlich gemachte Übernahme aus Wikipedia. Als unberechtigt erwiesen sich dagegen die Vorwürfe gegen Arne Karsten: In den sechs von ihm verfassten Kapiteln hat der Verlag kein einziges nicht nachgewiesenes Zitat gefunden.

Der Verlag entschuldigt sich für die nicht kenntlich gemachten Übernahmen aus Wikipedia-Artikeln. In der Stellungnahme schreibt der Beck-Verlag: "Olaf Rader bedauert die nicht nachgewiesene Nutzung fremder Texte zutiefst." Rader, der an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften arbeitet, ist derzeit im Urlaub und war für den Tagesspiegel nicht zu erreichen. Arne Karsten, der als Juniorprofessor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Bergischen Universität Wuppertal tätig ist, sagte, die Rücknahme des Buches sei die einzig vernünftige Lösung.

Ein Facebook-User hatte die Plagiate öffentlich gemacht

Auslöser für die Prüfung des 2013 erschienen Sachbuchs war vergangene Woche der Eintrag eines Facebook-Users: Arne Janning schrieb dort, er habe bei einem Textvergleich des Buches mehrere Passagen entdeckt, die offensichtlich von Wikipedia kopiert wurden, in den Fußnoten jedoch auf die bei dem Internet-Lexikon angegebenen Original-Quellen verwiesen. Seinen Vorwurf, das Buch sei vollständig aus Wikipedia-Artikeln zusammenkopiert, hat Janning inzwischen zurückgenommen.

Als „problematisch“ bezeichnete der Beck-Verlag vor allem zwei von Rader verfasste Kapitel. Der Quellencheck im ersten Kapitel über die Seeschlacht von Salamis habe bei rund fünf Prozent des Textes Übereinstimmungen mit dem Wikipedia-Artikel zur „Schlacht von Salamis“ ergeben. Im neunten Kapitel über die Schlacht von Trafalgar habe Rader seine Beschreibung des Schlachtablaufes an den 2003 von Thomas Siebe im Internet publizierten Artikel „Mythos Trafalgar“ angelehnt. Hier hätten die Lektoren bei rund zehn Prozent des Textes sehr ähnliche Formulierungen entdeckt. 

„Die wissenschaftliche und geistige Leistung der Autoren, Seekriegsgeschichte in einer kulturhistorischen Perspektive darzustellen“, sieht der Verlag durch die Übernahmen aus Fremdtexten auf der Faktenebene nicht beeinträchtigt. Die Orientierung eines Kapitels an dem Artikel eines anderen Autors zum gleichen Thema entspreche jedoch nicht den Ansprüchen des Verlags, heißt es in der Stellungnahme. Unklar sei, ob sie urheberrechtlich relevant seien. Rader habe sich mit Thomas Siebe über die Nutzung des Artikels "Mythos Trafalgar" verständigt - offenbar nachträglich.

Der Verlag will, dass Wikipedia als "Arbeitsinstrument" anerkannt wird

Der Beck-Verlag betont, man begrüße die Debatte über den wissenschaftlichen Stellenwert von Wikipedia, der nun anlässlich des Falls Rader aufkomme. „Jeder benutzt sie, keiner zitiert sie – das scheint bisher die Devise zu sein“, heißt es in der Stellungnahme. Eine Sprecherin des Verlags plädierte gegenüber dem Tagesspiegel für eine neue Praxis im Umgang mit Wikipedia: „Es ist zwar nicht wünschenswert, ganze Bücher mit Wikipedia zu schreiben, aber man sollte die Enzyklopädie als Arbeitsinstrument anerkennen.“ Auch Olaf Rader dürfte die Diskussion um den Umgang mit Wikipedia weiter beschäftigen: Inzwischen nehmen die Lektoren auch seine 2010 bei Beck erschienene Kaiserbiographie „Friedrich II.“ unter die Lupe. Die Schriftstellerin Kathrin Passig hatte Rader vorgeworfen, sich im Kapitel über Friedrich als Falkner teilweise bei Wikipedia bedient zu haben.

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