Begabtenförderung : Das Elternhaus zählt

Die Stipendiaten der Begabtenförderungswerke stammen meist aus Akademikerfamilien, zeigt eine Studie. Bundesbildungsministerin Schavan mahnt die Stiftungen zu größerer sozialer Vielfalt.

Amory Burchard

Die Stipendiaten der elf Begabtenförderungswerke kommen zumeist aus gebildeten Elternhäusern. Das ergab jetzt eine Studie des Hochschul-Informations-Systems HIS. Nach der bundesweit ersten Untersuchung zum sozialen Profil der Begabtenförderung hat in zwei Dritteln der Herkunftsfamilien mindestens ein Elternteil ein Studium absolviert. Unter allen Studierenden im Erststudium ist das lediglich in jedem zweiten Elternhaus der Fall. 97 Prozent der Stipendiaten haben die deutsche Staatsangehörigkeit, Männer und Frauen sind wie in der Studierendenschaft nahezu gleich vertreten. An der Online-Befragung des HIS haben im Oktober 2008 knapp 10 000 der bundesweit rund 20 000 Stipendiaten teilgenommen.

Der zweithäufigste berufliche Abschluss ist eine Lehre. Nur sehr wenige Eltern sind ohne beruflichen Abschluss (drei Prozent der Väter, sechs Prozent der Mütter). Den mehrheitlich akademischen Hintergrund der Stipendiaten – in der Hälfte der Familien haben sogar beide Eltern studiert – erklären die Hochschulforscher mit den „leistungsbezogenen Kriterien für die Aufnahme in die Begabtenförderung“. Begabung werde in der Regel über hervorragende schulische und akademische Leistung definiert, es stehe aber nur „ein begrenztes Potenzial von Bewerberinnen und Bewerbern mit mittlerem und niedrigem sozialen Hintergrund zur Verfügung“, heißt es in der Studie.

Tatsächlich sind hervorragende Leistung in Schule und Studium nur eines von mehreren Aufnahmekriterien. Gefragt sind immer auch politisches oder soziales Engagement und „charakterliche Qualitäten“. Die schulische und akademische Leistung aber steht für die Stiftungen offensichtlich im Vordergrund. Etliche verfolgen jedoch seit langem das Ziel, vorrangig Stipendiaten aus einkommensschwachen oder bildungsfernen Familien zu fördern, etwa die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung, die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung und die Grünen-nahe Heinrich- Böll-Stiftung. Die Ebert-Stiftung startete jetzt ein Stipendium auf Probe für Erstsemester, das sich an „Jugendliche aus einkommensschwachen Familien oder mit Migrationshintergrund“ richtet. Bundesbildungsministerin Annette Schavan, deren Ministerium die Studie in Auftrag gab, rief die Stiftungen auf „noch stärker als bisher Begabte aus allen sozialen Bereichen zu finden und zu fördern“.

Die soziale Zusammensetzung der Promovierenden, die von den Stiftungen unterstützt werden, ist indes heterogener als die der Promovierenden insgesamt. Daraus ließe sich ablesen, dass die Förderpolitik in diesem Bereich sozial ausgleichende Effekte hat, schließt das HIS.

Die meisten Geförderten erhalten lediglich ein Büchergeld, jeweils nur ein Viertel bekommt ein Teil- oder Vollstipendium. Denn die Förderung wird abhängig vom Einkommen der Eltern gewährt – ein weiterer Hinweis auf den insgesamt vergleichsweise hohen sozialen Status der Stipendiatenfamilien.

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