Begabtenförderung : Stipendien fallen nicht vom Himmel

Schon bald sollen 10.000 Begabte mit Deutschlandstipendien gefördert werden, doch viele Unis finden kaum Sponsoren. Das Prestigprojekt der Bundesregierung startet holprig.

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Auf dem TU-Campus. Studierende vor dem Hauptgebäude auf der Straße des 17. Juni. Im Vordergrund steht eine Siemens-Statue.
Auf dem TU-Campus. Studierende vor dem Hauptgebäude auf der Straße des 17. Juni. Im Vordergrund steht eine Siemens-Statue.Foto: Ulrich Dahl/Technische Universität

Für Bundesbildungsministerin Annette Schavan sind sie eine Herzensangelegenheit: die von ihr geschaffenen „Deutschlandstipendien“. Jahrelang hat sie für eine weitere Säule der Begabtenförderung gekämpft, die auch die Wirtschaft mit ins Boot holen sollte. Die Verbände aber zeigten sich zunächst wenig begeistert. Und Empörung erntete Schavan von der SPD, den Grünen und der Linken, weil auch Studierende mit gut verdienenden Eltern gefördert werden sollten. Auch konservativ regierte Länder ließen Schavan dann im Bundesrat auflaufen, weil sie die Kosten nicht mittragen wollten. Schavan lud dem Bund allein den öffentlichen Teil der Finanzierung auf, um ihr Projekt zu retten. Zu guter Letzt musste sie die vielen skeptischen Hochschulen motivieren, indem sie versprach, sich auch noch zusätzlich an den Verwaltungskosten zu beteiligen.

Jetzt steht das Programm kurz vor seinem Start. Mit einer Auftaktveranstaltung an der Humboldt-Universität will Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) das „Deutschlandstipendium“ am 1. Februar zum Leben erwecken. Im Sommer dieses Jahres sollen rund 10 000 Studierende einen Sponsor haben , das wären knapp 0,5 Prozent aller Studierenden. Ihr ursprüngliches ehrgeiziges Ziel, bis zum Ende der Legislaturperiode acht Prozent der Studierenden, also rund 160 000 mit einem „Deutschlandstipendium“ zu versorgen, will Schavan jetzt erst in acht bis zehn Jahren erreichen.

Aber schon 10 000 Stipendien fallen nicht vom Himmel. 300 Euro pro Monat soll ein Stipendiat erhalten. Doch der Bund zahlt seine Hälfte nur, wenn die andere von einem privaten Stifter bereitgestellt wird. Außer der Deutschen Telekom und der Bayer AG haben Unternehmen bislang aber keine großen Stiftungen angekündigt. Entsprechend zäh läuft die Akquise an den Hochschulen an.

Die Technische Universität Berlin, in der Hauptstadt unter den drei Universitäten mit ihrem Fächerspektrum die natürlichste Partnerin für Unternehmen, will erst im Herbst Stipendien anbieten, „eine zweistellige Zahl“, wie Wolfgang Huhnt, Vizepräsident der Technischen Universität Berlin, sagt. Das Präsidium sei „mit der Industrie in Kontakt“, spruchreif sei aber noch nichts.

Fest steht, dass die TU Berlin keines der 360 Stipendien von der Telekom bekommt. Und das, obwohl das Unternehmen enge Kontakte mit der TU pflegt: Dort wurden 2005 die „Deutschen Telekom Laboratories“ eröffnet. Im Dezember bekamen sieben Hochschulen einen Zuschlag für zunächst je 15 Stipendien, darunter die Technischen Unis in Darmstadt, Münster und Dortmund sowie Fachhochschulen in München und Dortmund. Da das Engagement der Telekom in Berlin an der TU schon sehr intensiv sei, hätten bislang weniger geförderte Hochschulen den Zuschlag erhalten, sagt Unternehmenssprecher Christian Fischer.

Mühsam scheint die Akquise auch an der Freien Universität zu laufen. Man arbeite bereits „mit Hochdruck an der Einrichtung einer Fundraisingstruktur“, heißt es zwar. Bei den ersten Akquisitionsgesprächen des Uni-Präsidiums zeige sich allerdings, wie schwer es gerade im strukturschwachen Berlin sei, Stipendiengeber zu finden. Aus Universitäten in Ostdeutschland ist Ähnliches zu hören.

Immerhin freut sich die Humboldt-Universität über „eine sehr positive Grundhaltung bei den Unternehmen“, wie Sprecher Thomas Richter sagt. Rechtzeitig zu Schavans Startveranstaltung an der HU sind offenbar Zusagen eingetroffen. Die Namen der Stifter werden im Beisein der Ministerin am 1. Februar präsentiert. Schon jetzt ist bekannt, dass die HU wie die anderen beiden großen Berliner Unis je fünf Stipendien der Wissenschaftsstiftung der Bayer AG bekommt. Bayer ist neben der Telekom der zweite große Stipendiengeber. Die Berliner Universitäten hätten bei der Auswahl von ihrer Exzellenz und von bereits bestehenden Kooperationen profitiert, sagt Unternehmenssprecherin Katharina Jansen. Weitere Stipendien gehen unter anderem nach Aachen, an die TU und LMU München und an die TU Dresden.

Die FU ist skeptisch, ob die Wirtschaft bereit ist, auch Studierende in nicht unternehmensnahen Studiengängen zu unterstützen, sagt Sprecher Goran Krstin. Das Gesetz versucht, die Mittel auch in andere Bereiche zu lenken: Zwei Drittel dürfen von privaten Förderern zweckgebunden vergeben werden, das heißt, sie können Fakultät und Fach bestimmen, ein Drittel vergeben die Unis frei.

Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft sieht die Ursachen für die Schwierigkeiten beim Einwerben von Stipendien auch bei den Hochschulen selbst. Sie sollten ihre Berührungsängste ablegen. Bettelbriefe, in denen sinngemäß stehe, „Wir sind gezwungen, Stipendien einzuwerben, hier unsere Kontonummer“, führten nicht zum Erfolg. Wie man geschickt um Geld bittet, hat die Münchner Beratungsfirma „actori“ im Auftrag des Bundesbildungsministeriums (BMBF) bereits140 Hochschulvertretern in Kursen beigebracht. Viele Hochschulen seien aber nicht bereit, die Stipendien, wie von den Firmen gewünscht, mit deren Namen „zu labeln“, kritisiert Meyer-Guckel. Zudem hätten Datenschützer aus Hochschulen Bedenken angemeldet, den Förderern Namen und Adressen der Stipendiaten zu geben, damit sie mit den potenziellen Nachwuchskräften Kontakt aufnehmen können. Die Uni Duisburg-Essen lässt die Studierenden deswegen gleich eine Einverständniserklärung unterschreiben.

Duisburg-Essen geht die Sache auch sonst offensiv an. „Für 1800 Euro im Jahr bekommen Sie Kontakt zu den besten Studierenden der Universität“, versprechen Rektor Ulrich Radtke und Fundraiserin Petra Bölling. Und wenn Radtke von einem Unternehmen um einen Vortrag gebeten wird, erbittet er schon mal einen Stipendienanteil als Honorar. Schon knapp 50 neue Stipendien habe die Uni einwerben können – zusätzlich zu den mittlerweile 247 NRW-Stipendien, die vom Land gegenfinanziert werden, sagt Bölling.

Doch auch Duisburg-Essen will das neue Programm erst zum Wintersemester starten. Für zwei Auswahlrunden im Jahr wäre der Verwaltungsaufwand zu hoch, die sieben Prozent der privaten Anteile, die das BMBF den Unis erstattet, reichten bei Weitem nicht aus. Tatsächlich müsse die Uni rund 20 Prozent zuschießen, sie finanziert derzeit zweieinhalb Stellen für Fundraising. Um auf acht Prozent zu kommen, müsste der Aufwand um ein Vielfaches gesteigert werden. Denn bislang erhalten mit 247 Geförderten unter rund 33 000 Studierenden an den Unistandorten Duisburg und Essen 0,75 Prozent ein NRW-Stipendium, zum Wintersemester sollen mit etwa 140 Deutschlandstipendien 0,4 Prozent dazukommen.

Die Universität Duisburg-Essen hat sich vorgenommen, soziale Aspekte bei der Auswahl zu berücksichtigen, auch wenn das Gesetz das nicht vorschreibt. Denn auch das helfe, Sponsoren zu finden. Stiftungen und Einzelpersonen förderten gerne sozial Benachteiligte, sagt Bölling. Im schon laufenden NRW-Stipendium, dem Vorbild für das „Deutschlandstipendium“, haben 43 Prozent der Eltern der Stipendiaten der Uni Duisburg-Essen keinen akademischen Abschluss und mindestens 26 Prozent einen Migrationshintergrund – selbstverständlich haben aber alle gute Studienleistungen, wie Petra Bölling betont.

Der Stifterverband will das Stipendienwesen weiter ankurbeln. Mit Mitteln des Bundesbildungsministeriums richtet er ein Service-Zentrum ein, das Förderer und Unis zusammenbringen soll. Schon jetzt existiert eine Beratungshotline, die rund 20 Mal pro Woche angerufen werde, heißt es. Firmen und Stiftungen werde etwa geraten, ihre bisherige Studierendenförderung in das Deutschlandstipendium umzuleiten. Denn durch den 50-prozentigen Bundesanteil könne die Zahl der Stipendien verdoppelt werden. Eines Tages könnte das Zentrum auch nicht ausgeschöpfte Stipendien-Kontingente von Unis vermakeln, die besonders erfolgreich akquiriert haben. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Informationen im Internet:

www.deutschland-stipendium.de

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