Beliebter Herrscher : Der echte Fritz

Sensibler Schöngeist? Historiker suchen nach dem wahren Friedrich II. – jenseits der Legenden.

Bettina Mittelstrass

Als junger Mann, das ist bekannt, war er vor allem ein musischer Mensch, den nur die Prügel des Vaters, des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm II., zum guten Preußen gemacht haben. Als König gilt er gemeinhin als der größte deutsche Aufklärer auf einem Thron, seiner Zeit weit voraus. Als Feldherr war er hart, aber auch groß wie keiner vor ihm. Und am Ende soll der alte Fritz des Volkes schrulliger, aber liebster Herrscher gewesen sein.

Wenn im Jahr 2012 der 300. Geburtstag des berühmten Friedrich in Schloss Sanssouci und dem Neuen Palais gefeiert wird, will man seine Geschichten wieder erzählen, aber diesmal anders. Schluss mit den Legenden, keine alten Zöpfe mehr, sagt Jürgen Luh von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Wenn die alten Bestände für kommende Ausstellungen durchgesehen werden, will man wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit sein, um dem Publikum möglichst neue, auf jeden Fall aber differenzierte und gesicherte Erkenntnisse vermitteln zu können.

Friedrichs Wirkungsgeschichte außen vor zu lassen, um zu so etwas wie der „eigentlichen Person“ des Königs vorzudringen, ist kein leichtes Unterfangen. Es genüge nicht, wie in älteren Biografien geschehen, Friedrichs philosophische und politische Schriften inhaltlich zu analysieren, meint der Rostocker Historiker Andreas Pecar. Nimmt man den König in seinen Schriften zu ernst, entfernt man sich Pecars Ansicht nach erst recht von ihm.

Denn Friedrich, so Pecar, habe an der Inszenierung seiner selbst schon zu Lebzeiten fleißig mitgeschrieben. Ein frühes Beispiel ist der „Antimachiavell“. Diese in Rheinsberg, noch vor Friedrichs Regierungszeit geschriebene politische Schrift, in der sich der Thronanwärter für eine von den friedlichen Ideen der Aufklärung geleitete Herrschaft ausspricht, hält der Historiker Pecar nicht zuletzt für eine kluge Imagekampagne.

„Was sollten diese Texte bezwecken?“ – dieser Frage müsse man sich heute verstärkt zuwenden, um Neues über den großen König zu erfahren. Die Tatsache, dass Friedrich bereits ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des „Antimachiavell“ Schlesien überfiel und damit seine gerade erst formulierten politischen Vorstellung ad absurdum führte, erscheint dann nicht mehr so widersprüchlich, so Pecar: „Das ist uns auch in der Moderne sehr vertraut – Imagekampagnen, die nur für eine gewisse Zeit ihre Wirkung entfalten.“

Nicht nur seine politischen Schriften, auch seine Gedichte sprechen bei anderer Betrachtung nicht eindeutig für das Bild eines sensiblen Mannes, der hier ausdrückt, was ihn im Innersten bewegt. Wenn Friedrich II. zu Tod, Vergänglichkeit, Ehre und Ruhm dichtete, bewegte er sich mit diesen Themen in der Tradition der Gattung schlechthin. Wenn es bei ihm heißt, der wahre Ruhm liege im Wissen des Philosophen, dann, sagt Andreas Pecar, „haben wir hier nicht den Friedrich vor uns, der das glaubt, sondern wir haben einen Topos, wie er in der aufgeklärt philosophischen Zeit gang und gäbe war“.

Der König wusste Worte sehr zielgerichtet einzusetzen. Diese Sichtweise bedeutet auch, dass man schon dem jungen Kronprinzen Friedrich mehr politisches Kalkül zutrauen sollte, als es die üblicherweise kursierenden Vorstellungen erlauben. Vor allem die Geschichte um die Hinrichtung seines Jugendfreundes Hans Hermann von Katte durch Friedrichs Vater Friedrich Wilhelm II. trägt heute noch viel dazu bei, den Thronanwärter als gepeinigten Schöngeist zu betrachten, dessen Seele der Vater auf brutale Weise hart geschliffen hat.

Der Direktor des geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz Jürgen Kloosterhuis hält diese Betrachtungsweise für bedenklich, weil der Kronprinz bei genauem Studium der Prozessakten gefestigter erscheint als gemeinhin angenommen. Außerdem lebt der Vater-Sohn-Konflikt, der derzeit wieder wirkungsvoll und vor ausverkauftem Haus am Hans-Otto-Theater in Potsdam inszeniert wird, auch von einer Vielzahl von Legenden, die sich um die Person Friedrich Wilhelms II. ranken, so Kloosterhuis. Dazu gehören Ansichten über Friedrich Wilhelms Charakter, die sich aus den Quellen nicht mehr bestätigen lassen. So liegen zum Beispiel die düsteren Motive des Vaters gegenüber dem Sohn, über die sich alle seit allen Zeiten offenbar einig sind, de facto im Dunkeln. Die entscheidende Akte aus dem Königlichen Kabinett, die hier Auskunft geben könnte, verrät der Archivar Kloosterhuis, liegt seit 1826 nicht mehr im Archiv. Auch eine neuere Biografie des so- genannten Soldatenkönigs wäre also hilfreich, um die Legenden um die Kronprinzenerziehung zu entzaubern. Bettina Mittelstrass

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