Wissen : Berlin bildet am besten

Die Stadtstaaten können bei der Qualifikation von Fachkräften international am ehesten mithalten

Tilmann Warnecke

Deutschland bildet im internationalen Vergleich nicht genügend Hochqualifizierte aus – allein die Stadtstaaten können einigermaßen mit den wichtigsten Industrienationen mithalten. Zu diesem Ergebnis kommt jetzt eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes zur OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“. Das Statistische Bundesamt untersuchte dabei, wie die einzelnen Bundesländer bei den OECD-Kriterien abschneiden. Die OECD, die die 30 wichtigsten Industriestaaten umfasst, hatte ihre Studie am Dienstag vorgestellt.

In Deutschland schlossen wie berichtet 2006 nur 21 Prozent des Altersjahrgangs ein Hochschulstudium ab, während es im OECD-Schnitt 37 Prozent waren. Bremen und Berlin sind die Einzigen, die an den internationalen Wert herankommen. In Bremen absolvierten 35,1 Prozent erfolgreich die Universität oder die Fachhochschule, in Berlin knapp ein Drittel. Mit Hamburg (25,5 Prozent) folgt ein weiterer Stadtstaat. Deutlich unter dem deutschen Schnitt liegen Bayern, Niedersachsen und das Saarland sowie außer Sachsen der gesamte Osten. Schlusslicht ist Schleswig-Holstein: Hier absolvierten nur 14,1 Prozent erfolgreich ein Studium.

Auch bei den Studienanfängerzahlen schnitten die Stadtstaaten deutlich besser als die Flächenstaaten ab. In Bremen schrieben sich mit knapp zwei Drittel der entsprechenden Alterskohorte sogar mehr Erstsemester als im OECD-Schnitt ein (55,9 Prozent, deutscher Schnitt 35,4 Prozent). In Hamburg nahm etwas mehr als die Hälfte des Jahrgangs ein Studium auf, in Berlin 43,7 Prozent. Schlusslichter sind Brandenburg (22,3 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (25 Prozent). Bei den Promotionen – bei denen Deutschland im internationalen Vergleich sehr gut abschneidet – liegt bundesweit Berlin vorn.

Wie jedes Jahr wiesen jetzt allerdings konservative Politiker die Kritik zurück, Deutschland hinke bei den Hochqualifizierten zurück. Sie warfen der OECD vor, sie berücksichtige nicht, dass Deutschland die geringe Zahl von Hochschulabsolventen durch sein duales System der Berufsausbildung wettmache. Im dualen System werde Wissen erworben, wofür man anderswo auf eine Hochschule gehen müsse – der Mangel an Spitzenkräften sei daher gar keiner.

Ist das Bild zuungunsten Deutschlands verzerrt? Die OECD verweist darauf, dass Deutschland auch dann zurückliegt, wenn man den gesamten tertiären Bereich betrachtet. Dazu gehören nicht nur Absolventen von Unis und FHs (die die OECD im „Tertiären Bereich A“ zusammenfasst). Vielmehr zählt die OECD mit dem „Tertiären Bereich B“ auch Absolventen anderer höherwertiger Ausbildungen zu den Spitzenkräften dazu.Tatsächlich erwarb in Deutschland 2006 ein Drittel des Altersjahrgangs einen Abschluss im gesamten tertiären Bereich, während der OECD-Schnitt mit 46,4 Prozent deutlich höher lag.

In Deutschland zählt die OECD einen ganzen Strauß an Ausbildungsberufen zum Tertiären Bereich B: Etwa alle Krankenschwestern, Altenpfleger, Hebammen, Logopäden, Physiotherapeuten und medizinisch-technische Assistenten. Genauso zählt die OECD Erzieher und Heilpädagogen zum tertiären Bereich.

Ferner gehören die Fachkräfte dazu, die sich nach einer abgeschlossenen ersten Berufsausbildung auf einer Fachschule für Technik, Agrarwirtschaft, Gestaltung oder Wirtschaft weiterbilden lassen. Diese meist zweijährigen Lehrgänge werden für mehr als hundert Fachrichtungen angeboten: etwa für Forstwirtschaft, Sanitärtechnik und Hotelgewerbe oder Wirtschaftsinformatik. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts absolvieren derzeit etwa 275 000 Schüler eine Ausbildung im Tertiären Bereich B. Zum Vergleich: An den Unis und FHs – also dem Tertiären Bereich A – sind zwei Millionen Studierende eingeschrieben.

Nicht zum tertiären Bereich zählen allerdings die Meister in den Handwerksberufen – obwohl sie wie die Techniker eine Weiterbildung nach ihrer ersten Ausbildung absolvieren. Warum die OECD hier Unterschiede macht, ist unklar. Andreas Schleicher, Bildungsexperte der OECD, sagte auf Anfrage, die deutschen Behörden seien für die Einteilung verantwortlich. Bei der Kultusministerkonferenz dagegen heißt es, die OECD sei zuständig – einen Unterschied könne man nicht erkennen. Fazit: Da die Meister nicht zum tertiären Bereich gehören, haben die Vorwürfe der Konservativen teilweise ihre Berechtigung.Vermutlich würde sich allerdings auch bei dem Einschluss der Meister an dem Gesamtbild Deutschlands bei der Ausbildung von Hochqualifizierten nicht viel ändern. Tilmann Warnecke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben