Berlin : Humboldt streitet um die Zukunft

Die Universität lehnt große Teile des Konzepts des HU-Präsidenten Christoph Markschies ab. Der warnt mittlerweile vor einem Niedergang der Hochschule.

Anja Kühne

Steht die Humboldt-Universität noch hinter ihrem Präsidium? Diese Frage hat HU-Präsident Christoph Markschies am Dienstag im Akademischen Senat aufgeworfen. Anlass war eine sehr knappe Abstimmungsniederlage im zentralen Punkt des Zukunftskonzepts der Universität.

Der Akademische Senat (AS) hatte zuvor erneut ausgiebig über das im Elitewettbewerb gescheiterte Zukunftskonzept diskutiert. Als es schließlich zur geheimen Abstimmung über den weiteren Umgang mit dem Papier kam, folgte das Gremium jedoch nicht dem vom Präsidenten befürworteten Antrag aus der konservativen „Fensterfraktion“ der Professoren, sondern dem des Studierendenvertreters Peter Hartig von der „Offenen Linken“ – mit elf gegen zehn Stimmen bei zwei Enthaltungen. Damit verabschiedet sich der Akademische Senat im Wesentlichen von der Mehrheit der im Zukunftskonzept vorgeschlagenen Maßnahmen. Diese gelten jetzt nur noch als eine Quelle der Inspiration für weitere Diskussionen: Sie sollen „nicht als Konzept für die zukünftige Entwicklung“ der HU betrachtet werden, heißt es in dem Antrag. „Sinnvolle Einzelmaßnahmen“ sollen aber „als Vorschläge für die weiteren Diskussionen dienen“. Nur am geplanten „Institut für Integrative Lebenswissenschaften“ hält das Gremium fest. Hier fordert es das Präsidium auf, einen Finanzplan und einen Einrichtungsbeschluss vorzulegen.

Für Markschies ist das eine Niederlage. Er hatte sich gewünscht, dass sich der AS dem Beschluss des HU-Kuratoriums anschließen würde. Dieses hatte in seiner letzten Sitzung empfohlen, das Zukunftskonzept umzusetzen. Fünf Arbeitsgruppen sollten bis zum Sommer Konzepte entwerfen: für die drei vom Präsidium geplanten integrierten Institute für die Lebenswissenschaften, die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften sowie für die sechs geplanten Profilbereiche, für Lehre und wissenschaftlichen Nachwuchs und für die Organisations- und Leitungsstrukturen. Diese AGs soll es nun zwar trotzdem geben. Eine zügige Umsetzung des gesamten Konzepts hat der AS aber verhindert. Markschies warf dem Gremium in einer emotionalen Stellungnahme vor, die Arbeit vieler Menschen am Zukunftskonzept zunichte zu machen.

Aus seiner Sicht dürfte sich die HU jetzt genau an dem Punkt befinden, vor dem er sie vor der Abstimmung in einer leidenschaftlichen Grundsatzrede gewarnt hatte. Die HU stehe am Scheideweg. Sie habe die Wahl, entweder die Arbeit an ihrem Zukunftskonzept und ihre Profilbildung „entschlossen fortzusetzen“ oder aber als „trüber Rest“ von den deutschen Spitzenuniversitäten abgehängt zu werden, hatte Markschies gesagt und den Akademischen Senat eindringlich aufgefordert, nicht mehr weiter „über den Prozess zu streiten, der zum Zukunftskonzept geführt hat“. Der AS habe sich damals zu den Grundprinzipien des Konzepts bekannt. Anstatt davon nun abzurücken, solle die Uni die Hinweise der Gutachter im Elitewettbewerb jetzt aufnehmen und sich „entschlossen um die Finanzierung kümmern“. Denn während andere Universitäten viel Geld hätten, um ihre Konzepte umzusetzen, sei die Situation der HU durch eine sinkende Grundförderung gekennzeichnet, die mit immer mehr Einwerbungen kompensiert werden müsse. Markschies kündigte an, das Präsidium werde „dafür kämpfen, dass wir uns den Herausforderungen stellen“.

Rosemarie Will, Professorin an der Juristischen Fakultät, entgegnete dem Präsidenten, „so dramatisch ist es nicht“. Die Uni müsse sich der Kritik des Wissenschaftsrats an möglichen „Doppelstrukturen“ bei der geplanten Neuorganisation stellen und intern für Transparenz der Pläne sorgen. Von der einflussreichen konservativen „Fensterfraktion“ im AS erhielt der Präsident hingegen viel Zustimmung. Mehrere Professoren unterstützten Markschies in seinem Festhalten am Zukunftskonzept. Allerdings forderte der Anglist Jürgen Schläger, man müsse sich weiter Gedanken darüber machen, was falsch gelaufen sei – „nicht um Schuld zu verteilen, sondern um es besser zu machen“. Der Biologe Richard Lucius forderte, mit dem Zukunftskonzept müsse die Verwaltung gründlich reformiert werden. Der Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Kamecke sagte, im Zuge der anstehenden Schwerpunktdebatte müsse klar gesagt werden, „was wir uns dann nicht mehr leisten können“.

In der Tat steht die HU vor finanziellen Herausforderungen, wie Rainer Hansel vom Personalrat darstellte. Der Wissenschaftsrat habe die Ablehnung des Konzepts mit unrealistischen zeitlichen wie finanziellen Vorstellungen begründet. „Bevor wir weitermachen, muss es einen Kassensturz geben“, sagte Hansel. Er erwartet für die HU in den kommenden Jahren zusätzliche Belastungen von jährlich 25 Millionen Euro wegen steigender Ausgaben für Personal und für Energie sowie für die Effekte der Inflation und für die Verstetigung der im Exzellenzwettbewerb eingeworbenen Cluster. Diese Summe entspreche der letzten großen Mittelkürzung durch den Berliner Senat, die die HU damals 78 Professuren und mehrere hundert Mitarbeiter gekostet hatten. „Wenn diese Probleme nicht gelöst werden, brauchen wir im Jahr 2010 nicht mehr über das Jubiläum zu reden, sondern nur noch über Reste“, sagte Hansel.

Dieser Analyse schloss sich der Vizepräsident für Haushalt, Frank Eveslage, an. Auf einen Dissens im Präsidium verweist die Aussage Eveslages, er wisse nicht, wie die HU die geplanten drei integrativen Institute finanzieren solle. Selbst wenn nach einer neuen Stärken-Schwächen-Analyse Mittel umverteilt würden, sei es eine „Illusion“ zu glauben, man könne die neue Struktur damit finanzieren. Auch nach der Abwicklung von Fächern herrsche dort über Jahre Vertrauensschutz für die Studierenden, auch die Professoren müssten noch jahrelang weiter bezahlt werden. Die HU müsse für ihren jetzigen Personalüberhang noch 17 Millionen Euro ausgeben. „Wie die drei Institute zu finanzieren sind – das kann ich nicht beantworten“, sagte Eveslage.

Karl Max Einhäupl von der Charité gab dem Präsidenten gleichwohl mit einem flammenden Plädoyer Rückenwind. Er habe Eveslage nicht so verstanden, „dass wir kein Geld haben“, sagte Einhäupl und appellierte an den AS, Mut zur Profilbildung und zu strafferen Leitungsstrukturen aufzubringen. „Die anderen Unis rüsten auf“, sagte Einhäupl, die HU dürfe sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen.

Wie will sich die HU dem Wettbewerb stellen? Nachdem der AS große Teile des Zukunftskonzepts nicht für den richtigen Weg hält, wird weiter diskutiert werden.

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