• Berlin im 19. Jahrhundert: "Lieber Diesterweg": Einblicke in das Leben einer bürgerlichen Familie

Berlin im 19. Jahrhundert : "Lieber Diesterweg": Einblicke in das Leben einer bürgerlichen Familie

Die Briefe von Sabine Diesterweg, der Frau des Reformpädagogen Adolph Diesterweg, geben Einblick in das Leben einer bürgerlichen Familie Mitte des 19. Jahrhunderts.

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Im Stil des 19. Jahrhunderts kostümierte Menschen stehen vor einem historischen Gebäude in Berlin.
Berlin, 1848. Auch Sabine Diesterwegs Mann wurde in den Wirren des Revolutionsjahrs als liberal Gesinnter entlassen. Im Bild...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Maxime, die sich auf dem Denkmal in der Berliner Burgstraße findet, klingt ziemlich modern: „Lebe im Ganzen“ ist auf der ovalen Tafel zu lesen. Sie lehnt an einem Schultisch, an dem zwei Kinder eifrig lernen und auf dem die Büste eines würdigen Herrn abgestellt ist. Der Herr ist Adolph Diesterweg (1790-1866), einer der wichtigsten deutschen Reformpädagogen, Theoretiker und Praktiker der Lehrerausbildung und Bildungspolitiker, Namensgeber zahlreicher Schulen und nicht zuletzt bekannt durch den Schulbuchverlag, den sein Sohn Moritz gründete.

Sie starb 1866 an der Cholera - wenige Tage vor ihrem Mann

Zu einem Ganzen wurde Diesterwegs Leben und Wirken auch durch seine Frau Sabine, mit der zusammen der Lehrer, Rektor, Buchautor, Seminarleiter und Abgeordnete der Fortschrittspartei zehn Kinder hatte und die wie er 1866 in Berlin an der Cholera starb – zwei Jahre nach der festlich begangenen Goldenen Hochzeit und nur wenige Tage vor ihrem Mann.

Jetzt, 150 Jahre später, ist eine Auswahl der Briefe der Sabine Diesterweg unter dem Titel „Dieß schreibt Dir aus liebendem Herzen“ erschienen, herausgegeben von Klaus Goebel, Geschichtsprofessor an der Uni Dortmund und Mitherausgeber der Werke Diesterwegs. Sabine Diesterwegs Briefe geben tiefe Einblicke in das Leben einer bürgerlichen Familie im Berlin der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Das Porträt einer Frau auf einem Buchumschlag.
Herausgegeben wurden die Briefe von Sabine Diesterweg an ihre Familie im Wallstein-Verlag.Foto: Promo

Nur wenige der Briefe aus dem Familienarchiv sind an den Gatten gerichtet, den seine Frau dort durchweg als „Lieber Diesterweg“ anredet. In den allermeisten anderen Schreiben allerdings dreht sich ebenfalls viel um ihn, um seine rastlose Tätigkeit, um seine Ämter, um Bücher, die er studiert und schreibt und um derentwillen er an Familienunternehmungen nicht teilnimmt.

In den Wirren des Revolutionsjahrs 1848

Auch die Wirren des Revolutions-Jahres 1848 und die Entlassung des liberal Gesinnten vom Amt des Direktors des Lehrerseminars wegen seiner „hartnäckig behaupteten oppositionellen Haltung und regierungsfeindlichen Gesinnung“ sind immer wieder ein Thema in den Briefen an die erwachsenen Kinder, ebenso wie die langen Sitzungen im Preußischen Abgeordnetenhaus und die restaurativen Tendenzen in der Schulpolitik, die er dort bekämpft.

Diesterweg, der Verfechter der „naturgemäßen Erziehung“, der 1848 schon als künftiger Unterrichtsminister gehandelt wurde, setzte sich zeitlebens dafür ein, den Lehrerberuf zu professionalisieren und ihn vom Image des armen Dorfschulmeisterleins zu befreien. Adolph Diesterweg kämpfte dafür, dass die preußischen Volksschulen besser ausgestattet würden, wollte das Bildungswesen demokratisieren, Staat und Kirche strikt trennen und einen überkonfessionellen Religionsunterricht einführen.

"Doch will ich zuerst abwarten, was der Vater beschließt"

Immer wieder schimmert in den Briefen durch, dass seine Frau Sabine, eine überzeugte evangelische Christin, diese Grundsätze teilt und vieles davon auch bei der häuslichen Erziehung anwendet. Zugleich wird deutlich, wie in der Ehe die Aufgaben verteilt sind, dass Sabine eher „drinnen“ waltet und es als ihre Hauptaufgabe ansieht, Adolph ein behagliches Heim zu schaffen. „Doch zuerst will ich abwarten, was der Vater beschließt und wo er hingehen will. Dann erst spreche ich von mir“, heißt es sinngemäß mehr als einmal.

Die Mehrzahl der Briefe dient dem Austausch von Informationen und guten Wünschen mit den verheirateten Kindern, vor allem der Tochter Julie, die den hessischen Arzt Heinrich Köhler geheiratet hatte. Vieles davon würde heute per E-Mail oder Kurznachricht kommuniziert – und wäre für die Nachwelt mit großer Wahrscheinlichkeit verloren. Nicht um jede Bestellung von „Frankfurter Bratwürsten“ und um nicht jede Ermahnung, sich warm zu kleiden und vor Erkältungen zu hüten oder mit der Wäsche sparsamer hauszuhalten, wäre es schade.

Immer wieder ist von "Gemüthsleiden" im Bekanntenkreis die Rede

Informativ ist dagegen, wie häufig davon die Rede ist, dass ein Verwandter oder Bekannter gerade ein „Gemüthsleiden“ durchmache. Depressionen, das wird hier deutlich, sind durchaus keine Modeerscheinung des heutigen „Burnout“-Zeitalters. Und im frühen 19. Jahrhundert standen die Angehörigen ihrem Ausbruch machtlos gegenüber. Bis hin zum Suizid der Tochter Hermine.

Eine Frau, so mahnt Sabine die Tochter und möglicherweise auch sich selbst, „die anstatt den Mann zu erheitern, wenn er von schweren Amtsgeschäften (…) heimkehrt, ihm neue Sorge und Trübseligkeit bringt“, die sei doch „ein traurig Wesen“. Die Musikertochter versucht stattdessen Musik, Gesang und ein wenig Leichtigkeit in das Leben der Familie zu bringen.

Spielt fleißig eure Instrumente!

Sie bittet Kinder und Enkel, fleißig ihre Instrumente zu spielen, dann werde die Musik zur Quelle der Freude. Sehr lebensklug wirkt schließlich, wie sie ihre Lieben in der Ferne ihre Zuneigung spüren lässt. Als Pädagogin erweist sie sich auch in diesem Punkt, wenn sie ihnen schreibt: „Wunderlich genug ist der Mensch, daß er oft leichter seine Liebe als seinen Haß verbirgt. Macht es nicht also!“

Dieß schreibt Dir aus liebendem Herzen: Briefe von Sabine Diesterweg und ihrer Familie. Herausgegeben von Klaus Goebel; Wallstein-Verlag, Göttingen 2016. 355 Seiten, 19,90 Euro

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