''Berlin School of Public Health'' : Kein Platz für die Gesundheit

Die „Berlin School of Public Health“: ein Trauerspiel

Rosemarie Stein

Blamiert sich Berlin? In der „Stadt der Wissenschaft“, der „Gesundheitsstadt Berlin“ werden die Gesundheitswissenschaften nach Ansicht von Fachleuten derart vernachlässigt, dass ihr Ende abzusehen ist. Zwar wurde im Januar 2007 die Gründung einer „Berlin School of Public Health“ pompös gefeiert. Bis heute aber hat sie nur einen Lehrstuhl – mit „kw“-Vermerk („kann wegfallen“). Und eine ausgeschriebene zweite Wissenschaftlerstelle ist auf fünf Jahre befristet.

Die „Berlin School“ sei ein Potemkinsches Dorf, sagt Rolf Rosenbrock, selbst Mitglied der Einrichtung und Leiter der Forschungsgruppe Public Health im Wissenschaftszentrum Berlin. Er spricht von einem doppelten Skandal: Erstens, weil man ausgerechnet in Berlin, Pionierstadt der Gesundheitswissenschaften, heute so ignorant damit umgehe, zweitens wegen des Widerspruchs zwischen Wort und Tat.

Was ist eigentlich Public Health? Der internationale Ausdruck für Gesundheitswissenschaften wird von der Weltgesundheitsorganisation so definiert: „Public Health ist die Wissenschaft und Praxis der Krankheitsverhütung, Lebensverlängerung und der Förderung psychischen und physischen Wohlbefindens durch bevölkerungsbezogene Maßnahmen.“ Es geht darum, die für die Gesundheit wichtigen Verhältnisse und das damit verbundene Verhalten zu erforschen und zu beeinflussen; außerdem das Versorgungssystem so zu gestalten, dass es bezahlbar bleibt und bedeutende medizinische Fortschritte trotzdem allen zugute kommen. Eine notwendige Ergänzung also der „Krankheitswissenschaft“ Medizin, deren Schwerpunkt auf der Behandlung der einzelnen Patienten liegt.

Vordenker der Gesundheitwissenschaften war der Berliner Pathologe Rudolf Virchow (1821-1902). Er erfuhr schon als junger Mann, dass die Medizin allein nicht viel für die Gesundheit der Bevölkerung ausrichten kann. Die schlesische Fleckfieber-Epidemie führte er auf die elenden Lebensverhältnisse zurück und forderte soziale und politische Reformen. Als Kommunalpolitiker sorgte Virchow für die Gesundheit der Berliner, indem er sich für Schwimmbäder, Markthallen, Schlachthöfe und eine Kanalisation einsetzte. Virchow verkörperte ansatzweise schon die moderne Sozialhygiene. Von Mitstreitern und Nachfolgern wurde sie weiterentwickelt, bis die Nazis sie pervertierten und die Pioniere der Sozialhygiene in die Emigration trieben.

Die Gesundheitswissenschaften kamen als „Public Health“ nach Deutschland zurück. Dank Förderung durch das Bundesforschungsministerium begann sie wieder Fuß zu fassen. Eine in Berlin 1989 geplante „Hochschule für Gesundheit“ kam zwar nicht zustande. Aber ein Forschungsverbund arbeitete erfolgreich, und die Absolventen eines Aufbaustudiums an der Technischen Universität Berlin (TU) sind jetzt überall im Gesundheitswesen tätig. „Es gab in Berlin eine exzellent bewertete gesundheitswissenschaftliche Forschung und postgraduale Lehre“, sagt Rosenbrock. Bis die TU Public Health unter dem Druck der Haushaltsmisere abwickelte.

Von der Charité wurde Public Health wiederbelebt, aber so wenig gepflegt, als wolle man sie erneut sterben lassen. Die Diskrepanz zwischen Wort und Tat könnte größer nicht sein. „Dies ist eines der wichtigsten Projekte der Charité“, sagte der damalige Dekan Martin Paul bei der Gründungsfeier der Berlin School of Public Health. Von einem „einmaligen Potenzial“ sprach Wissenschaftsstaatssekretär Hans-Gerhard Husung. „Wir sprechen von einer Wissenschaft, die sich mit der Wissenschaft der Welt messen muss“, jubelte Detlef Ganten, bis vor kurzem Charité-Vorstandsvorsitzender.

Und die Realität? Statt der drei gesundheitswissenschaftlichen Lehrstühle an der TU gibt es nur noch einen, den Ulrike Maschewsky-Schneider von dort mitbrachte. Samt ihrem kleinen Team sitzt die Professorin in einem schwer zu findenden Haus im Dahlemer Garten des früheren amerikanischen Hospitals. Mit Dozenten kooperierender Institutionen muss der Unterricht für zwei Studiengänge bewältigt werden: Master of Public Health und Master of Science in Epidemiology.

Nun setzt Ulrike Maschewsky-Schneider große Hoffnungen auf den neuen Vorstandsvorsitzenden Karl Max Einhäupl. Der hatte bei seiner Amtseinführung gesagt, die Medizinische Fakultät müsse sich den Fragen der sozioökonomischen Bedingungen von Gesundheit und Krankheit wie der Gesundheitsversorgung stellen. „Ein klassisches Public-Health-Thema“, findet Maschewsky-Schneider. Und hofft, dass es diesmal nicht bei Worten bleiben wird. Rosemarie Stein

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