Berliner Charité : Angehende Zahnärzte beklagen Studienbedingungen

Studierende der Zahnmedizin an der Berliner Charité beschweren sich über mangelnde Betreuung und erhöhte Anforderungen. Ihr Professor kritisiert im Gegenzug deren Leistungen.

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Eine Zahnmedizinerin hantiert mit Spiegel und Haken in einer offenen Mundhöhle.
Tiefe Einblicke. Beschwert haben sich Studierende auch über hohe Kosten für Instrumente und Materialien, die sie selber tragen...Foto: picture alliance / dpa

In der Zahnklinik der Charité begrüßen bunte Luftballons die jungen Besucher, die zum Tag der Zahngesundheit auf den Campus an der Aßmannshauser Straße in Wilmersdorf kommen. Eine Schulklasse in Ausflugsstimmung strömt am Freitagmorgen durch den Haupteingang. In den studentischen Übungsräumen im Erdgeschoss und im ersten Stock aber herrscht eine ganz andere Stimmung. Hochkonzentriert beugen sich Studierende in grünen Kitteln über ihre prothetischen Übungsstücke. Wer nicht bis zum frühen Abend mit seiner Brücke, mit einer Knirschschiene, einer Gaumenplatte und Abformungen fertig wird, muss den Phantomkurs 1, der am Ende des dritten Semesters ansteht, wiederholen.

Eigentlich sollte der Kurs schon am Mittwoch enden, doch nach Beschwerden von Studierenden wurde die Zeit für die zahntechnischen Übungen um zwei Tage verlängert. In einem Brandbrief, der per Mail auch den Tagesspiegel erreichte, hatten Zahnmedizinstudierende von unzumutbaren Zuständen in der Vorklinik berichtet. Unter anderem sei die Bedienung von Geräten im Labor nicht erklärt und Prüfungsmodalitäten seien kurzfristig geändert worden. Die Folge: Von rund 100 Studierenden, die das Praktikum in der vorlesungsfreien Zeit begonnen haben, habe ein großer Teil aufgegeben und nur 17 hätten die Klausur bestanden. Von hohen Abbruch- und Durchfallquoten wird auch aus dem ersten Semester berichtet.

Die zuständige Prodekanin für Lehre an der Charité, Adelheid Kuhlmey, bestätigt Beschwerden von Studierenden, die den Vorwürfen aus dem Brandbrief teilweise entsprächen. Sie hätten sie schon seit Längerem über das interne Onlinebeschwerdesystem erreicht und würden „sehr ernst genommen“. Sie habe mehrfach sowohl mit Studierenden als auch mit dem Professorenteam aus der Vorklinik gesprochen. „Dass nur 22 Prozent die Klausur bestehen, ist zu wenig“, sagt Kuhlmey. „Entweder sind die Leistungsanforderungen zu hoch, oder die Ausbildung ist nicht gut genug.“ Mit den Studierenden selber habe das „wenig zu tun“.

Auch der für den Phantomkurs zuständige Professor, Peter Pospiech, stellvertretender Leiter der Abteilung Zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre, nennt die hohe Durchfallquote „nicht üblich“. Die Fakultät stehe vor der Aufgabe, „die Studierenden wieder an ein höheres Leistungsniveau heranzuführen“.

Umfang der verlangten Leistungen war "zu spät" bekannt

Während einer fünfjährigen Vakanz der Professur habe es in der Qualität der Lehre in der Vorklinik Einbußen gegeben. Nachdem sich zahnmedizinische Kliniker darüber beschwert hätten, seien die Anforderungen bereits 2015 präzisiert und erhöht worden, sagt Pospiech, der damals von der Uniklinik Würzburg an die Charité gekommen ist.

Doch die aktuell Studierenden wurden davon offenbar überrascht, fühlten sich überfordert, Übungsstücke in kurzer Zeit in der geforderten Qualität vorzulegen. „Wenn sich Leistungsanforderungen erhöhen, muss dies zu Beginn des Semesters bekannt gegeben werden. Das ist zu spät geschehen“, sagt Prodekanin Kuhlmey. Zum einen sei deshalb die Übungszeit um zwei Tage verlängert worden. Zum anderen werde allen Teilnehmern, auch denen, die vorzeitig aufgegeben haben, ein Wiederholungstermin für den Kurs sowie für Prüfungen angeboten, ohne das gesamte Semester wiederholen zu müssen.

Hohe Kosten für Material und Instrumente

Die Vorwürfe der Studierenden gehen aber noch weiter. Unter anderem ist von Materialkosten in Höhe von „mindestens 3000 Euro pro Student“ die Rede. Pospiech habe die bisher üblichen kostengünstigeren Materialien „nicht erlaubt“. Eine Studentin aus dem ersten Semester berichtet ebenfalls von Kosten für einen Instrumentenkoffer von bis zu 3700 Euro. Bei der Einführungsveranstaltung im April hätten Firmenvertreter bereitgestanden, die Instrumente zu verkaufen – und ein Vertreter der Apotheker- und Ärztebank, der einen entsprechenden Kredit angeboten habe.

Pospiech sagt, dass für Instrumente und zahntechnisches Material tatsächlich hohe Kosten anfallen. Der Instrumentenkoffer, den jeder Studierende benötige, werde ab dem ersten Semester aufgebaut – und könne teilweise bis weit ins Berufsleben hinein genutzt werden. Neu sei allerdings, dass die Studierenden im dritten Semester ein rund 500 Euro teures Handstück für den „Bohrer“, das früher von der Charité gestellt wurde, seit einem Jahr selber anschaffen müssen. Und der sogenannte Artikulator, ein Gerät zur Simulation der Kiefergelenksbewegung, in das Kronen und Brücken probeweise eingesetzt werden – Kostenpunkt rund 700 Euro –, müsse jetzt bereits im ersten und nicht erst im dritten Semester angeschafft werden.

Professor: Verlange "gute Qualität, aber nicht die beste"

Er verlange „gute Qualität, aber nicht die teuerste“, sagt Pospiech. Dass Firmen- und Bankvertreter bei der Einführung bereitstehen, gehe nicht auf ihn, sondern traditionell auf die studentische Fachschaft zurück. Pospiechs Chef, Abteilungsleiter Florian Beuer, nickt dazu. Auch die Sprecherin des dritten Semesters, Nirina Götze, bestätigt auf Anfrage, dass es sich um eine Initiative der Fachschaft handele.

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