Berliner Hochschulen : Die Stadt der Frauen

Studentinnen wählen technische Fächer, wenn das Angebot attraktiv gestaltet ist. In Berlin arbeiten mehr Forscherinnen als anderswo in Deutschland - ein Verdienst auch von Männern.

Anja Kühne

In der Wissenschaft ist Berlin die Stadt der Frauen. Nur 80 Prozent aller Professuren an Hochschulen sind mit Männern besetzt. Damit ist Berlin bundesweit Spitze bei der Gleichstellung. Im deutschen Schnitt haben Männer 86 Prozent der Professuren inne, in Bayern gar 90 Prozent.

Kann man die Wissenschaft einer Stadt tatsächlich als offen für Frauen bezeichnen, nur weil die Zusammensetzung ihrer Professorenschaft etwas weniger skandalös als die in anderen Bundesländern ist? Vielleicht. Denn die Zahlen sagen nichts über die Atmosphäre aus. Die aber hat sich in den letzten Jahren verändert.

Als Erste bemerkt haben das die Frauenbeauftragten der Hochschulen. Jahrzehntelang wurden sie bei jeder Wortmeldung im Akademischen Senat von Professoren belächelt – für ihr vermeintliches Bemühen, Sonderrechte für Frauen erwirken zu wollen, die das offenbar nötig hatten. Diese Zeiten sind vorbei: „Der Präsident nimmt die Sache sehr ernst“, sagt Heidi Degethoff de Campos, Frauenbeauftragte der TU. Für Mechthild Koreuber, Frauenbeauftragte der FU und Sprecherin der Landeskonferenz der Frauenbeauftragten der Berliner Hochschulen (Lakof), war der Ausruf eines Fachbereichs-Verwaltungsleiters ein Schlüsselerlebnis: „Wir müssen endlich mehr Frauen berufen!“ Dieter Lenzen, Präsident der FU, bestätigt: „Das Klima ist in der Tat sehr aufgeschlossen.“

Was ist geschehen? Auf Bundesebene üben die großen Wissenschaftsorganisationen zunehmend Druck auf die Hochschulen aus, mehr Frauen an der Wissenschaft zu beteiligen. Das Motiv dafür ist nicht nur ein Sinn für Gerechtigkeit. Vielmehr hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass viel Wettbewerb innerhalb der Wissenschaft verloren geht, wenn die Männer weibliche Konkurrenz mit „immer subtiler werdenden Exklusionsmechanismen“ ausschalten, wie der Vorsitzende des Wissenschaftsrats Peter Strohschneider in der vergangenen Woche bei einer Anhörung im Bundestag formulierte. Dadurch aber verliert Deutschland an Innovationskraft – angesichts der demografischen Entwicklung ein umso größeres Problem. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) arbeitet deshalb gerade an gleichstellungspolitischen Standards für die Forschung, die die Hochschulen bald zu spüren bekommen werden. Schon im Elitewettbewerb straften zumal die ausländischen Gutachter frauenfrei angetretene Forschungsvorhaben ab.

Berlins Hochschulen hatten schon länger Zeit, sich auf diese neuen Ansprüche einzustellen. Bereits 1989 legte die rot-grüne Regierung das „Berliner Programm zur Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen“ auf, mit dem allein an der FU bis jetzt 80 Frauen befristet als Assistentin oder Professorin eingestellt werden konnten. Soeben hat Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner die Mittel dafür mit seinem Masterplan erhöht.

Über die Hochschulverträge werden die Hochschulen seit dem Jahr 2000 gedrängt, mehr Wissenschaftlerinnen einzustellen. Dazu sollen die Präsidenten Zielvereinbarungen mit den Fachbereichen schließen. Von den 25 Prozent der Grundmittel, die der Senat nach Leistung zwischen den Hochschulen verteilt, entfallen fünf Prozent auf das Kriterium erreichter Chancengleichheit.

In Berlin setzen sich inzwischen auch männliche Politiker und Wissenschaftler mit früher nicht gekannter Souveränität für das Thema ein. So auch, als das Berliner Abgeordnetenhaus in der vergangenen Woche Experten befragte. Michael Heine, Präsident der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW), dachte laut darüber nach, wie „Präsidien und Dekanate, in denen nur Männer hocken“, für Professorinnen attraktiv gemacht werden können. Peter Lange, Kanzler der FU, kündigte einen Plan für das Gendermainstreaming an. Josef Zens von der Leibniz-Gemeinschaft berichtete von den Vorteilen des anonymen peer reviews: Wenn die Gutachter nicht wissen, ob ein Artikel für eine Fachzeitschrift von einem Mann oder einer Frau verfasst wurde, wählen sie erheblich häufiger Artikel von Frauen aus. Und der CDU-Abgeordnete Nicolas Zimmer lobte das neue Senatsprogramm „Chancengleichheit“, das eine Verdoppelung der bisher dafür ausgegebenen Mittel beinhaltet.

FU-Präsident Lenzen bemüht sich seit Jahren darum, mehr Frauen zu berufen – um die wissenschaftliche Qualität zu steigern. In Erinnerung ist ihm die Argumentation eines Fachbereichs, der eine Bewerberin mit der Begründung zurückwies: „Sie ist zwar die Beste, aber wir wissen, nicht, ob sie es bleibt.“ Damit ist an der FU inzwischen „Feierabend“, wie Lenzen sagt: „Wann immer es gelungen ist, Frauen zu berufen, waren sie einfach besser.“ Im vergangenen Jahr waren unter den Berufungen auf unbefristete Professuren der FU 38,5 Frauen.

Vielfalt soll nicht nur im Lehrkörper Berliner Hochschulen herrschen, sondern auch in der Methodik der Forschung. In fast allen Disziplinen spielen Genderfragen inzwischen eine Rolle, bilanziert die Frauenbeauftragte der FU. An Berlins Universitäten gibt es Dutzende entsprechend ausgewiesene Professuren: ob in der Humanmedizin, in der Judaistik oder in der Rechtswissenschaft. Institutionell verankert ist die Geschlechterforschung an den drei großen Unis in Zentren. An der HU wird auch ein Studiengang Gender Studies angeboten, für den die Zahl von Bewerbern stets über dem Platzangebot liegt. TU und FU haben Genderaspekte inzwischen in allen dafür infrage kommenden Studienmodulen verankert. Zumal für die TU lässt sich hierbei viel gewinnen, wie die Frauenbeauftragte sagt. Denn Studentinnen können durchaus für technische Fächer geworben werden, wenn gesellschaftliche Bezüge nicht ausgeklammert werden, zeigt die Erfahrung.

Wie wichtig die Kategorie „Gender“ für die Forschung ist, verdeutlichte unlängst Detlev Ganten, Vorstandsvorsitzender der Charité, in seiner Laudatio zur Verleihung des Brentano-Preises an die Mütter und Väter des Zentrums für Geschlechterforschung der Charité: „Frauen sind keine kleinen Männer“, ihre Krankheiten verlaufen oft so, dass sie von den bislang praktizierten „Regeln der Kunst“ benachteiligt werden. Über solche biologischen Unterschiede hinaus müsse die Medizin aber auch sozial entstandene Differenzen beachten: Wenn Frauen weit häufiger Männern eine Niere spenden als umgekehrt, „wirft das zumindest die Frage auf, ob diese Ungleichheit durch medizinische Gründe ausreichend erklärt ist“, sagte Ganten. Für Berlin ist die Vorreiterrolle in der Geschlechterforschung ein Wettbewerbsvorteil. Denn die DFG betrachtet Projekte schon jetzt als qualitativ mangelhaft, wenn infrage kommende Aspekte der Genderforschung einfach ignoriert werden.

Trotz vieler Erfolge wächst die Zahl von Wissenschaftlerinnen an Berlins Hochschulen aber nicht von selbst. Sogar die im Ranking des Kompetenzzentrums Frauen in der Wissenschaft (CEWS) zur bundesweiten Siegerin der Frauenförderung gewählte FU hat nahezu frauenfreie Institute: So hat die Philosophie seit der Gründung der Uni vor 60 Jahren nur eine Frau berufen. Seit 1999 versucht das Präsidium, alle Fachbereiche mit Zielvereinbarungen zu Anstrengungen für einen heterogeneren Lehrkörper zu motivieren – aus Sicht der Frauenbeauftragten Koreuber „ein äußerst erfolgreiches Instrument“. Schon seit Mitte der neunziger Jahre verteilt die Uni-Leitung an die Fachbereiche Geld nach Leistung. Für seine wachsende Zahl von Wissenschaftlerinnen wurde der Fachbereich Biologie/Chemie/Pharmazie gerade mit zusätzlichen 250 000 Euro belohnt.

Während auch die TU die Fachbereiche mit flächendeckenden Zielvereinbarungen anspornt, hat die HU mit nur sechs von etwa 30 Fächern Verabredungen getroffen, sagt die Frauenbeauftragte der HU, Marianne Kriszio. Damit ignoriert die HU den Hochschulvertrag mit dem Berliner Senat – womöglich ein Grund dafür, dass die HU im Gesamt-Ranking des CEWS hinter die TU Berlin ins Mittelfeld abrutschte. Kriszio hofft jedoch, dass das Präsidium sich bald um ein Gleichstellungskonzept kümmern wird. Schließlich müssen sich alle Unis im bundesweiten Wettbewerb um Geld und Reputation behaupten – mit „verkrusteten Strukturen“ ein schwieriges Unterfangen, wie Degethoff de Campos von der TU sagt.

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