Berliner Hochschulen : Voller Energie

Ein Anstieg der Strompreise um rund 50 Prozent zwischen 2003 und 2007, eine Verteuerung von über 60 Prozent bei Heizöl und Erdgas: Die steigenden Energiekosten drücken auf alle Haushalte. Wie Berliner Hochschulen ihren Verbrauch reduzieren.

Günter Bartsch

130 Tonnen weniger Kohlendioxid pro Jahr – mit dieser Zahl wird in diesen Tagen für eine neue Solaranlage auf dem Dach des Physik-Gebäudes der Freien Universität Berlin (FU) geworben. Ein Unternehmer mietet das Dach und erzeugt dort Strom via Photovoltaik. Eine andere Zahl überzeugt allerdings noch mehr: 7500 Tonnen. Diese Menge CO2 wird von der FU gegenüber 2001 jährlich weniger emittiert – 14 Prozent weniger, allein durchs Einsparen von Energie. Der Anreiz zum Energiesparen liegt aber nicht (nur) im Klimaschutz. Gerechnet mit den Tarifen von 2007 spart die FU jährlich 1,89 Millionen Euro an Energiekosten ein. Dieses Potenzial haben auch andere Berliner Hochschulen erkannt.

Ein Anstieg der Strompreise um rund 50 Prozent zwischen 2003 und 2007, eine Verteuerung von über 60 Prozent bei Heizöl und Erdgas: Die steigenden Energiekosten drücken auf die Haushalte der Hochschulen. Da lohnt es sich, Energie effizient einzusetzen. Der Preisanstieg lässt sich damit jedoch allenfalls abdämpfen. Beispiel Technische Universität: Für Strom und Heizenergie zusammen bezahlte sie 2002 6,83 Millionen Euro. 2006 waren es bereits 9,25 Millionen Euro. Und das, obwohl zumindest die Heizkosten deutlich verringert werden konnten.

Die FU ist Vorreiter im Energiesparen. Für ihr Engagement wurde sie mit dem Klima-Schutz-Partner-Preis 2008 der Berliner Wirtschaft ausgezeichnet. 2001 startete die Uni ein eigenes Energiemanagement und jährliche Effizienzprogramme. 2007 begann sie mit einem Prämiensystem, das den Fachbereichen und Zentralinstituten finanzielle Anreize zum Energiesparen gibt: Sie erhalten die Hälfte der von ihnen jährlich erzielten Kosteneinsparungen.

Das Einsparpotenzial wird auf mindestens zehn Prozent geschätzt – uniweit geht es um ein jährliches Einsparvolumen von etwa einer Million Euro. Geld, das die Fachbereiche gut für andere Aufgaben gebrauchen können. Wird ein Gebäude von mehreren Fachbereichen gemeinsam genutzt, wird vorher verhandelt. Andreas Wanke, Energie- und Umweltbeauftragter der FU, spricht von einer „verhaltensbezogenen Komponente“, die mit dem Prämiensystem aktiviert werden soll. Dazu zählt etwa, dass Räume nicht unnötig beheizt oder gekühlt werden.

Seit 2001 spart die FU dank ihres Energiemanagements pro Jahr 27 Millionen Kilowattstunden Strom und Wärme ein – das sind 18,4 Prozent des gesamtes Energieeinsatzes. Die Einsparung bei der Wärme macht davon 24 Prozent aus, beim Strom sind es sieben Prozent. Die Technische Universität tut sich schwerer, zumindest mit dem Stromsparen: Nach einer Verringerung des Verbrauchs seit Mitte der 90er steigt der Stromverbrauch seit 2001 wieder: 2006 lag er mit rund 50,15 Millionen Kilowattstunden beinahe beim Stand von 1997. Viel besser ist die Bilanz bei der Heizenergie, allerdings nur, was den Verbrauch betrifft: Obwohl dieser in den vergangenen Jahren deutlich gesunken ist – von 106 Millionen Kilowattstunden 2002 auf gut 95 Millionen Kilowattstunden 2006 – bezahlt die TU dafür heute mehr als eine Million Euro mehr.

Mehrere Berliner Hochschulen nutzen die Möglichkeit des sogenannten Energieeinspar-Contractings, etwa die Humboldt-Universität und die Universität der Künste. Dabei handelt es sich um Verträge mit Privatunternehmen, die nach Energiesparpotenzialen suchen und entsprechende Modernisierungen beispielsweise im Bereich der Heiztechnik vornehmen. Einen Teil der eingesparten Kosten erhält die Firma über eine vereinbarte Zahl von Jahren. Die Hochschulen profitieren von den eingesparten Energiekosten und der Erneuerung ihrer Anlagen. An der HU konnten laut dem Energiebeauftragten Erik Thielecke durch das Contracting rund 20 Prozent der jährlichen Energiekosten eingespart werden. Auch an der FU wurden Mitte der 90er zwei Gebäude über ein Contracting „energetisch optimiert“. Doch ab 2001 nahm die Uni das Energiesparen selbst in die Hand – aus gutem Grund: Die erzielten Einsparungen stehen der Uni „umgehend und in vollem Umfang zur Verfügung“, sagt Andreas Wanke. Die FU zeige mit ihren Programmen, dass auch öffentliche Institutionen jenseits von privaten oder teilprivaten Lösungen wie dem Energieeinspar-Contracting in der Lage seien, innovative und rentable Lösungen zu entwickeln.

Auffällig ist, dass beim Strom weniger eingespart wird als beim Heizen. Das liegt unter anderem an einer Zunahme technischer Geräte. So werden zum Beispiel immer mehr Computer benötigt, auch die Rechenzentren wachsen. An der FU gibt es Modellprojekte, bei denen es um eine effizientere Nutzung der Geräte geht, sagt Andreas Wanke. So wurde am Fachbereich Veterinärmedizin ein Modellprojekt mit elektronischen Steckdosenleisten umgesetzt, das es den Administratoren erlaubt, ungenutzte PCs gezielt herunterzufahren. Auch setze die FU seit längerem Bedarfstaster in Hörsälen ein. Damit ist es möglich, Lüftungsanlagen nur dann zu starten, wenn diese tatsächlich benötigt werden. „Mit den Bedarfstastern haben wir den Einsatz von Lüftungswärme teilweise mehr als halbieren können.“

Auch bei der Gebäudesanierung werde aufs Energiesparen geachtet, berichtet Karl-Heinz Strauch, Erster Vizepräsident der Technischen Fachhochschule. So würden etwa beim Haus Bauwesen der TFH die Fassaden besser gedämmt und Dachflächen begrünt. Für die Fachhochschulen sei zudem das „Facility Management der Berliner Hochschulen“ ein weiterer wichtiger Baustein beim Energiesparen, sagt Strauch, der das Projekt für die FHs koordiniert. „Dabei geht es auch darum, das Energiemanagement der Hochschulen zu vergleichen und von den Erfahrungen der anderen zu lernen.“ Beteiligt sind neben der TFH die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, die Alice-Salomon-Hochschule, die Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege sowie die Fachhochschule für Wirtschaft.

Eine geringere Rolle als die Einsparung spielt die Erzeugung von Energie. Zwar sieht Andreas Wanke auch hier Potenzial – etwa bei den Veterinärmedizinern, wo Stallmist in Biogas verwandelt werden könnte. Doch konzentriere man sich aufs Energiesparen, weil hier mehr herauszuholen sei. Noch eine Ausnahme ist daher die Vermietung von Dachflächen für Solaranlagen. Ein ähnliches Projekt wie auf dem Physik-Gebäude plant die studentische Gruppe „UniSolar“ für das Dach der FU-Mensa. Studenten sollen dabei Darlehen ab 250 Euro an eine Firma geben, die dann die Anlage baut. Es winken – je nach Intensität der Sonnenstrahlung und bei einer Laufzeit von 20 Jahren – Zinsen zwischen vier und sechs Prozent.

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