Berliner Museen : Anti-Aging für Skulpturen

Mehr als Mottenjagd: In den Berliner Museen wird zu wenig geforscht. Unter dem neuen Chef soll das nun anders werden. Doch geeigneten Nachwuchs in Deutschland zu finden, entwickelt sich zunehmend zum Problem.

Christina Tilmann

BerlinMarisa Pamplona ist seit zehn Tagen in Berlin. Die frisch promovierte Portugiesin studierte in Lissabon Konservierungswissenschaft, arbeitete zwischenzeitlich in München. Ihr Schwerpunkt ist die Konservierung von Stein, vor allem in der Denkmalpflege. Nun sitzt sie im Berliner Rathgen-Forschungslabor, dem weltweit ältesten konservierungswissenschaftlichen Institut, als Jüngste im Team. Erste Kontakte zum Bodemuseum und zum Ethnologischen Museum in Dahlem hat sie schon geknüpft, ein Langzeitprojekt ist in Aussicht. Ihr erster Arbeitsauftrag lautet: die Untersuchung von Gesteinsproben einer Pyramide in Quito in Ecuador, an deren Ausgrabung deutsche Wissenschaftler über das Auswärtige Amt beteiligt sind.

Stefan Simon, der Direktor des renommierten Berliner Instituts an der Charlottenburger Schlossstraße, seufzt etwas resigniert: So jemand wie Marisa Pamplona würde er in Deutschland derzeit kaum finden. Es gibt keine deutsche Universität, die einen Lehrstuhl für Konservierungswissenschaften - international: Conservation Science - anbietet. Geeigneten Nachwuchs für die Forschungsprojekte und Institutionen zu finden, entwickelt sich zunehmend zum Problem. Und das, obwohl die Fragestellungen nicht weniger werden: Das ganze 20. Jahrhundert rückt in den Fokus der Konservierungswissenschaft. Wie man ein Designermöbel aus Schaumstoffen oder auch eine Fotografie von Andreas Gursky restauriert - mit diesen Themen müssen sich die Museen heute verstärkt auseinandersetzen, erklärt Simon.

Es muss also etwas passieren. Die deutschen Forscher, die jahrzehntelang einen großartigen Ruf in aller Welt genossen, kämpfen um ihren Stand, sagt Simon, der selbst vor drei Jahren aus den USA nach Berlin kam. "Wir haben auf diesem Gebiet den Anschluss verloren. Der Ruf ist noch da, die Realität ist anders." Nur zum Vergleich: Das Rathgen-Forschungslabor, das in diesem Jahr stolz seinen 120. Geburtstag feiert, ist mit acht Mitarbeitern bestückt, vier Wissenschaftler, vier Techniker. Vergleichbare Institute am Louvre oder British Museum kommen auf 80 bis 120 Mitarbeiter. Auch Hermann Parzinger, als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz oberster Dienstherr des Rathgen-Labors, würde die Zahl der Mitarbeiter am liebsten gleich verdoppeln: "Nur so können wir im internationalen Vergleich mithalten."

Forschung in Museen gewinnt wieder an Stellenwert

Doch nun soll alles besser werden. Gerade ist die Stiftung Preußischer Kulturbesitz einer "Forschungsallianz Kulturerbe" beigetreten, die bislang aus der Leibniz-Gemeinschaft - sie betreut die acht großen Forschungsmuseen in Deutschland - und der Fraunhofer-Gesellschaft bestand, die die die naturwissenschaftliche Kompetenz ihrer 15 Institute mitbringt. Es geht um Themen wie die Digitalisierung von gedrucktem Kulturgut, die Stabilisierung zerfallgeschädigter Zeitungsseiten oder ein Anti-Aging-Programm für Plastikmöbel und moderne Skulpturen. Man will sich zunächst einen Überblick verschaffen, welche Institute existieren und wie sie ausgerüstet sind. Am Ende soll ein nationales Institut für Konservierungswissenschaften stehen.

Forschung in Museen gewinnt wieder an Stellenwert, auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Der Klimawandel und seine Auswirkung etwa auf antike Stätten lässt die Museumswelt nicht unberührt. Stärkeres Engagement für die Forschung in Museen hat sich daher auch die Volkswagenstiftung auf die Fahnen geschrieben. Schon in den Siebzigerjahren hatte sie maßgeblich zur Wiedergründung des Rathgen-Labors beigetragen. Nun wurde Ende Juli eine Förderinitiative "Forschung in Museen" eingerichtet, die speziell kleinen und mittleren Institutionen zugute kommen soll. "Seit der Ausschreibung werden wir mit Anträgen geradezu überrannt", sagt Pressesprecher Christian Jung. Viele Anträge kämen aus dem Bereich Volkskunde und Ethnologie, aus Heimatkunde-Museen oder aus der Stadtgeschichte. Mitte Dezember läuft die Antragsfrist aus, Mitte kommenden Jahres werden die Projekte bewilligt sein.

Auch das Rathgen-Labor will sich mit einem Antrag bei der Volkswagenstiftung bewerben. Doch gefragt sei eigentlich ein nationales staatliches Programm, am besten auf zehn Jahre ausgelegt und ausgestattet mit einem zwei- oder dreistelligen Millionenbetrag, fordert Simon. Adressat der Forderung ist vor allem das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das immerhin ab 2009 die Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft unter seine Fittiche genommen hat. Seit dem Jahr der Geisteswissenschaften 2007 gibt es auch dort ein Förderprogramm "Übersetzungsfunktion der Geisteswissenschaften", das auch die Erschließung von Depotbeständen in Museen vorsieht.

Die Stiftung setzt mehr auf internationale Kooperation

Für die Stiftung steht die Stimmung derzeit ohnehin auf Aufbruch. Mit dem Amtsantritt von Hermann Parzinger Anfang März 2008 verbanden sich große Hoffnungen. Der international anerkannte Archäologe und vormalige Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts, ein "Hardcore-Scientist", versprach, er wolle "die Forschung stärken". Erste Ergebnisse zeichnen sich jetzt ab: Die Forschungsallianz mit den beiden Großinstituten gehört dazu, ein neues Stipendiatenprogramm, das junge Wissenschaftler als "Botschafter" nach Berlin holen soll, aber auch das Exzellenzcluster "Topoi", das die Stiftung am 25. November gemeinsam mit den beiden Berliner Universitäten HU und FU eröffnet. Das auf zunächst fünf Jahre angelegte Forschungsvorhaben beschäftigt sich mit Themen wie Grenzen, Ökosystemen und Raumvorstellungen, quer durch die Disziplinen von Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften.

Auch sonst setzt man in der Stiftung mehr auf internationale Kooperation. Die Max-Planck-Gesellschaft in Florenz hat ein Projekt zum Thema Europa und Asien. Die vier Forscher sollen in der Berliner Kunstbibliothek sitzen. "Dadurch bekommen wir junge Leute und frischen Geist in die Häuser", sagt Parzinger.

Bei politisch brisanten Themen ist die Stiftung ohnehin erste Ansprechpartnerin. Ein großes Thema ist die Provenienzforschung - spätestens seit dem Streit um die Rückgabe des Kirchner-Gemäldes "Berliner Straßenszene". Gerade hat am Institut für Museumsforschung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die mit einer Million Euro dotierte neue Arbeitsstelle für Provenienzforschung unter Uwe Hartmann ihre Arbeit aufgenommen.

Ein gläserners Labor könnte entstehen - mitten in der Stadt

Auch der russisch-deutsche Museumsdialog, der sich den Austausch unter Fachleuten beim schwierigen Thema Beutekunst vorgenommen hat, macht immer wieder Schlagzeilen. Andere Themen dringen kaum ans Licht der Öffentlichkeit - außer, wenn es sich um dramatische Vorfälle wie den Ungezieferbefall im Bodemuseum handelt. Die Invasion führte Anfang des Jahres zur Teilschließung des erst vor zwei Jahren neu eröffneten Hauses.

Hier schneller reagieren und vor allem präventiv agieren zu können, das wünscht sich auch Stefan Simon. Rauskommen aus dem ständigen Druck, so etwas wie die fliegende Eingreiftruppe der Museen zu sein, die ständig den "Red Flag"-Alarmen hinterherhechelt. Da ruft das Ethnologische Museum an, sie haben Motten in den Textilien, im Hamburger Bahnhof ist Anselm Kiefers "Volkszählung" vom Speckkäfer befallen und im Bodemuseum sind die schicken neuen Vitrinen nie auf Materialverträglichkeit geprüft worden. Da herrscht zum Teil eine Schadstoffbelastung, die höher ist als zu DDR-Zeiten, sagt der Fachmann. Simon will die Kompetenzen aus allen Häusern in einem "Kompetenzzentrum" zusammenführen.

Es soll in der Nähe der wichtigsten Häuser auf der Museumsinsel, auf dem Kasernengelände neben dem Bodemuseum entstehen. "Da ziehen demnächst die Restaurierungswerkstätten, die Bibliotheken, die Labors und die Räume der Fachwissenschaftler hin", sagt Parzinger. Alle archäologischen Bibliotheken werden zusammengefasst - zu einer "äußerst attraktiven Forschungsbibliothek". Eine Art gläsernes Labor könnte hier entstehen, in der Mitte der Stadt. Die Museumsforschung wäre dann nicht mehr zu übersehen.

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